Ukraine-Krieg: Russland zwingt deportierte Kinder zur Drohnenproduktion
VonTadhg Nagel
schließen
Russland nutzt über 200 Einrichtungen für Kindesentführungen. Ukrainische Kinder bauen Waffen. Ein beispielloses Verbrechen.
Moskau – Laut einer neuen Studie wurden ukrainische Kinder in über 200 verschiedene Einrichtungen in ganz Russland gebracht. Teils sollen sie dort einer erzwungenen „Umerziehung“ und militärischer Ausbildung unterzogen worden sein – ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht. Auch zum Bau von Drohnen und anderem militärischem Gerät sollen die entführten Kinder gezwungen worden sein.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Die am Dienstag (16. September) veröffentlichte Studie des humanitären Forschungslabors der Yale University nennt Details zu 210 Einrichtungen, die von Russland im Ukraine-Krieg für die Entführung, Deportation, Umerziehung und Zwangsadoption von Zehntausenden ukrainischer Kinder genutzt wurden. Sie beschreibt acht verschiedene Arten von Einrichtungen, darunter eine Militärbasis, in denen die Kinder im Rahmen des russischen Programms zur Zwangsadoption und -pflege festgehalten wurden. Dazu analysierten die Wissenschaftler Open-Source-Informationen, Nachrichtenberichte, Dokumente der russischen Regierung sowie Satellitenbilder.
Russland deportiert ukrainische Kinder in Lager: Studie zeigt Zwangsarbeit bei Drohnenbau für Ukraine-Krieg
An den meisten Orten durchlaufen die Kinder demnach „Umerziehungsprogramme“, um russischen Patriotismus zu fördern, darunter Vorträge zur russischen Geschichte und das Singen der Nationalhymne. Andere, insbesondere ältere Kinder, haben laut dem Bericht eine militärische Ausbildung an Kadettenakademien und einer Militärbasis erhalten. Dazu gehörten offenbar „Drohnensteuerung und Taktiktraining“ sowie Schieß- und Granatenwurfwettbewerbe. Mindestens die Hälfte der dokumentierten Standorte werde direkt von der russischen Regierung betrieben, was durch Gründungsdokumente belegt sei.
In einem Fall fanden die Forscher heraus, dass Kinder, die das „Allrussische Kinderzentrum ‚Veränderung‘“ in der südlichen Region Krasnodar Krai in Russland durchlaufen hatten, zum Bau von Drohnen, Minensuchgeräten, Robotern und Schnellladern für Sturmgewehre gezwungen worden waren. „Mehr als 300 Kinder aus den ukrainischen Oblasten Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja wurden zwischen 2022 und heute in diese Einrichtung gebracht”, heißt es weiter.
Yale-Forscher warnt: Putin baut Pipeline zur Umerziehung ukrainischer Kinder zu Russen
Ukrainische Beamte geben an, Beweise für fast 20.000 deportierte Kinder zu haben. Sie befürchten jedoch, dass die Zahl aufgrund der mangelnden Kontrolle in Teilen von Donezk und Luhansk, die vor der vollständigen Invasion im Jahr 2022 von russischen Stellvertretern kontrolliert wurden, noch viel höher sein könnte. Der Bericht ist der erste, der das Ausmaß des russischen Deportationsnetzwerks aufdeckt und den Vorwürfen von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit mehr Gewicht verleiht. Er argumentiert, dass die systematische Deportation und Militarisierung von Kindern gegen die Genfer Konventionen und die UN-Konvention über die Rechte des Kindes verstößt.
Für Andriy Yermak, den Stabschef des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, ist klar, dass die Enthüllungen nicht folgenlos bleiben können. „Dieser Bericht erfordert Maßnahmen. Kinder sind immer die am meisten gefährdeten Opfer bewaffneter Konflikte. Diese Kinder haben nicht nur Traumata und Vertreibung erlebt, sondern auch systematische Deportation, illegale Adoption und erzwungene Assimilation erlitten“, so sein Appell. Es sei jetzt „offensichtlich, dass Russland plant, die Kinder der Ukraine als ‚Waffe‘ gegen uns und Europa im Allgemeinen einzusetzen. Dieser Bericht liefert unwiderlegbare Beweise, die den russischen Dementis und Fehlinformationen über ihren Umgang mit den Kindern der Ukraine widersprechen.“
Unbemannte Flugsysteme im Lehrplan: Putin fördert Drohnenbau und Patriotismus für den Ukraine-Krieg
„Wir haben es hier mit einem beispiellosen Netzwerk von Einrichtungen zu tun, die seit 2014 ausdrücklich gebaut und erweitert wurden, um ukrainische Kinder zu Russen zu machen“, meint auch Nathaniel Raymond, Direktor des Humanitarian Research Lab, gegenüber dem britischen Guardian. „Es handelt sich um eine Pipeline, in der ukrainische Kinder umerzogen – einer Gehirnwäsche unterzogen – und zu Soldaten gemacht werden.“ Deutlich könne man in dem veröffentlichten Material Schützengräben, Schießstände und Exerzierplätze sehen. Das einzige, was man nicht wisse, sei, ob ukrainische Kinder „bereits im Kampf eingesetzt wurden“.
Doch nicht nur ukrainische Kinder werden unter Russlands Präsident Wladimir Putin schon früh für den Ukraine-Krieg vorbereitet. Berichten zufolge investiert das Land erheblich in die Militarisierung und stellt umfangreiche Mittel für patriotische Bildungsprogramme, Jugendbewegungen und Wettbewerbe bereit. Dazu gehört auch ein vergangenes Jahr gestartetes Programm namens „Unbemannte Flugsysteme“. Wie Radio Free Europe schreibt, dient es dazu, Schülern beizubringen, wie man Drohnen baut und fliegt. Ein eigens entwickeltes Lehrbuch über Drohnen soll demnach in „Grundlagen der Sicherheit und Verteidigung des Vaterlandes” zum Einsatz kommen – einem neuen Fach, das 2024 in den russischen Lehrplan aufgenommen wurde. (Quellen: Yale School of Public Health, The Guardian, Radio Free Europe)(tpn)