Ukraine-Krieg

Russische Offensive in der Ukraine: Im „Fleischwolf“ von Awdijiwka

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Dunkle Zeiten drohen der Ukraine: Kiews Mutterland-Monument in Abendstimmung.
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Russlands neue Massenangriffe haben vor allem das Ziel, einen lokalen Sieg zu feiern. Die Ukraine befürchtet, dass der neue Stellungskrieg Putin in die Karten spielt.

Die Jungs aus seiner Kompanie hätten ihn gebeten, diesen Text zu schreiben, erklärt der russische Kriegsblogger Woschak Z zur Schlacht um Awdijiwka auf Telegram. Eigentlich äußere er sich ungern über eigene Misserfolge, aber er müsse doch das Wort „Fleischsturm“ erklären. „Das ist ein Sturmangriff der Infanterie ohne Artillerieunterstützung, ohne die Unterdrückung des feindlichen Abwehrfeuers.“

Man könnte den „Fleischsturm“ auch „Fleischwolf“ nennen. Die zum Teil aus ehemaligen Strafgefangenen gebildeten „Sturm-Z“-Einheiten, die bei der neuen Offensive in Awdijiwka zum Einsatz kommen, würden binnen weniger Tage praktisch „auf Null“ radiert, postet Swjatoslaw Golikow, ein anderer russischen Z-Blogger, mit 40 bis 70 Prozent Toten und Schwerverletzten. Die Erfolge seien gleich Null, klagt Woschak Z. Man vermute aber, dass all diese Attacken dazu dienten, die Feinde zu zermürben, danach gingen die „Regulären“ in den Kampf. „Gott gebe es!“

Awdijiwka wird das neue Bachmut: Abnutzungskampf zwischen Russland und der Ukraine

Die blutigen Fleischwolf-Attacken, die die Russen vorher in der monatelangen Abnutzungsschlacht um Bachmut veranstalteten, wiederholen sie jetzt bei Awdijikwa, einer von den Ukrainern gehaltenen Vorstadt der prorussischen Separatistenmetropole Donezk. Mehrere Wellen schlecht ausgebildeter und bewaffneter Rekruten zwingen die ukrainischen Verteidiger, ihre Munition zu verschießen, erst danach greifen besser bewaffnete russische Berufssoldaten an.

Seit dem 10. Oktober berennt die russische Armee den ukrainischen Frontvorsprung bei Awdijiwka. Und sie scheint keine Verluste an Menschen oder Material zu scheuen, um die strategische Initiative zurückzugewinnen, veranstaltete mehrfach Trommelfeuer und massenhafte Panzerangriffe. Laut dem ukrainischen Kriegsblogger Oleksandr Kowalenko haben die Russen dort zurzeit auf einer Front von 20 Kilometer 40 000 Mann konzentriert – und aus der Region Lugansk schon mindestens drei Motorschützenbrigaden mit einer Sollstärke von je 4500 Kämpfern nach Awdijiwka geworfen, um ihre Verluste von allein 6500 toten Soldaten und 100 zerstörten Panzern zu kompensieren.

Putin sucht den taktischen Erfolg gegen die Ukraine für seine Propaganda-Maschine

Strategisch ist die zertrümmerte Stadt noch bedeutungsloser als Bachmut. Aber wie Bachmut ist es für die Russen ein geeigneter Ort, um zumindest einen taktischen Erfolg anzustreben. „Es fällt Putin und seiner Propaganda-Maschine zusehends schwer, das russischen Publikum zu überzeugen, dass allein Verteidigung schon einen Erfolg darstellt“, sagt Oleksij Melnyk, Militärexperte des Kiewer Rasumkow-Instituts. „Sie brauchen zumindest lokale Siege, die sie zu einem neuen Stalingrad aufblasen können.“

Die ukrainischen Fachleute schließen nicht aus, dass es den Russen mit ihrer Fleischwolf-Taktik gelingt, Awdijikwa zu erobern. Aber von einem entscheidenden Durchbruch ist auch auf russischer Seite keine Rede. Moskaus Strategen setzen offenbar auf Zermürbungs- und Stellungskrieg, in der Erwartung, dass der kriegsmüde Westen die Ukraine zusehends im Stich lässt.

Ukraine schiebt Frust über den zögernden Westen: „120 Jagdbomber benötigt“

Walerij Saluschnyj, der Oberkommandierende der ukrainischen Armee, befürchtet, der Stillstand an der Front spiele den Russen auch militärisch in die Hände. In einem Artikel für den britischen Economist benannte er die Luftüberlegenheit der Russen, ihre bis zu 20 Kilometer breiten Hightech-Minenfeldern und vor allem ihre elektronische Kriegsführung als Hauptkomponenten ihrer defensiven Erfolge. Es bedürfe neuer Technologien wie den Einsatz billiger Fake-Drohnen und echter Kampfdrohnen, Störsender oder Antiminen-Roboter. Aber es bedürfe auch weitreichender Raketen, am besten aus eigener Produktion.

General Saluschnyj bemüht sich sichtlich, auf neue Forderungen gegenüber den westlichen Unterstützern zu verzichten. Aber in Kiew mischt sich Dankbarkeit inzwischen mit Frust. Fachleute klagen, die USA und Europa lieferten so dosiert Waffen, dass die Ukraine in Kampf gegen Russland zwar überleben, nicht aber siegen könne.

So braucht es nach Einschätzung des ehemaligen Kampfpiloten Melnyk 120 F16-Jagdbomber, um die Lage über dem Schlachtfeld Ukraine entscheidend zu verändern, zugesagt sind bisher wenige Dutzend. Melnyk glaubt, erfolgreiche Offensivmanöver würden auch durch bis zu einem halben Jahr Wartezeit zwischen Zusage und Lieferung westlicher Waffen zunichte gemacht. „Wenn unsere Gegenoffensive nicht im Juni, sondern im April begonnen hätte, wären die russischen Minenfelder viel schmaler gewesen.“ Jetzt beginnt der Herbstregen, die Russen haben neue Zeit gewonnen, um sich in der Südostukraine weiter zu verschanzen. (Dmitri Durnjew)

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