Am Ufer keine Front zulassen: Pioniere trainieren in Polen das Hin und Her auf Flüssen
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Die Nato sei verteidigungsfähig, sagt ein General und meint die 20.000 Soldaten, die an der Weichsel das Übersetzen üben. Putin soll gewarnt sein.
Danzig – Jeder Panzer, der rolle, jedes Schiff, das auslaufe, jedes Flugzeug, das abhebe, „sendet eine Botschaft“, sagte der deutsche Brigadegeneral Gunnar Brügner – so zitiert ihn die Frankfurter Allgemeine Zeitung. 20.000 Soldaten aus neun Nato-Staaten, darunter Deutschland, Polen, Frankreich, die USA und Großbritannien, bestreiten noch bis zum 14. März das Manöver „Dragon 24“ nahe dem Dorf Korzeniewo rund 70 Kilometer südlich von der polnischen Stadt Danzig. Die Weichsel ist an dieser Stelle mehr als 300 Meter breit und kann eine tödliche Falle werden für ein militärisches Übersetzen von Mensch und Material – Strömung, Wetter, die Koordination zwischen Soldaten unterschiedlicher Muttersprachen – und das im Ernstfall womöglich unter feindlichem Beschuss. Keine Selbstverständlichkeit. Im Manöver „Dragon 24“ wird das trainiert.
„Brückengerät der Pioniertruppe ist immer dann erforderlich, wenn die Operation die Bewegung eigener Kräfte erfordert. Zum Beispiel beim Angriff, bei der Verzögerung oder einfach nur beim Marsch von Kräften von einem Ort zum anderen“, sagt Oberstleutnant Florian Loges vom deutsch-britischen Pionierbrückenbataillon 130 im Bundeswehr-Podcast Nachgefragt. In Mittel- und Osteuropa sei damit zu rechnen, dass alle 40 bis 60 Kilometer ein größerer Fluss überquert werden müsse. Stünden dafür nicht genügend Übergänge zur Verfügung, müsse die Truppe eigene schaffen. „Und dafür gibt es die Pioniere.“ Loges Pioniere sind in Polen mit dabei.
Übung in Polen: Kein militärisches Desaster wie das der Russen in der Ukraine
„Dragon 24“ ist Teil des Manöververbands „Steadfast Defender 24“ (zu Deutsch: „Standhafter Verteidiger“), der größten Militärübung des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses seit dem Kalten Krieg, und zugleich seine heiße Phase. 90.000 Kräfte sind sind insgesamt beteiligt, 3.500 Fahrzeuge, alle 31 Mitgliedstaaten plus Schweden. Nur die Teilübung „Dragon 24“ setzt 2.774 Fahrzeuge in Marsch, Polen allein stellt 15.000 Soldatinnen und Soldaten. „Wir sehen jetzt ja auch im Ukraine-Krieg: Dort, wo breite Gewässer sind, dort entwickeln sich Frontlinien“, sagt der deutsche Pionier-Offizier Florian Loges vom nordrhein-westfälischen Standort Minden.
Bereit, Polen zu verteidigen: Deutsche und britische Pioniere aus Minden nehmen am Manöver „Dragon 24“ teil. Mit insgesamt fast 20.000 Kräften verschiedener Nato-Partner.
Ein Beispiel dafür hat sich nach Medienberichten in den ersten Tagen des Ukraine-Krieges am Fluss Siwerskyj Donez, einem Nebenfluss des Don im Osten der Ukraine nahe Lyssytschansk, ereignet, wie beispielsweise der Spiegel berichtet hat. Dort versuchte eine russische Kampfeinheit, über Pontonbrücken den Strom zu überqueren. Doch das Artilleriebataillon der 17. ukrainischen Panzerbrigade nahm die Behelfsbrücken mit seinen 122-Millimeter-Haubitzen unter Beschuss – mit verheerenden Folgen für die russische Einheit, die aus etwa 1.000 Mann und etwa 50 Fahrzeugen bestand. Der Spiegel beruft sich auf das US-Magazin Forbes, wonach etwa drei Dutzend Panzer und andere gepanzerte Fahrzeuge zerstört worden seien. Darüber hinaus sei auch die Pontonbrücke vernichtet worden. Laut einem Bericht von CNN versuchten die Russen, eine zweite Pontonbrücke zu errichten. Aber auch diese hätten die Ukrainer zerstört – darauf deuteten Satellitenaufnahmen hin.
Steadtfast Defender: Jeden Zentimeter des Nato-Territoriums schützen und verteidigen
Die Übung „Dragon 24“ fällt unter „Steadfast Defender 2024“ – die größte NATO-Übung seit Jahrzehnten. „Steadfast Defender 2024“ testet die neuen regionalen Verteidigungspläne des Bündnisses mit Streitkräften, die sowohl in Norwegen als auch in Polen schnelle Einsätze und Kämpfe üben. Es ermöglicht den Verbündeten, ihre Fähigkeit unter Beweis zu stellen, große Boden-, Luft- und Seestreitkräfte über große Entfernungen hinweg im euroatlantischen Raum zu befehligen und zu kontrollieren. An „Steadfast Defender 2024“ sind 90.000 Streitkräfte aller 32 Alliierten beteiligt, darunter auch der neue Nato-Verbündete Schweden. Es wird in verschiedenen Nato-Ländern durchgeführt und zeigt die Bereitschaft des Bündnisses, jeden Zentimeter des alliierten Territoriums zu schützen und zu verteidigen.
Quelle: Nato
„Wir demonstrieren in Polen, welche Fähigkeiten wir haben, und wir verbinden das mit der Entschlossenheit, sie auch einzusetzen, sollte das notwendig werden“, sagt Gunnar Brügner. Als deutscher Brigadegeneral ist er für die Übung mitverantwortlich. Die gesamte Übung „Steadfast Defender“ läuft noch bis Mai 2024.
Einsatz auf der Weichsel: Pioniere aus Minden üben an vorderster Front
Mit dabei in Polen ist das Deutsch/Britische Pionierbrückenbataillon 130. Insgesamt sind bei der Übung drei Übergangstellen zum gleichzeitigen Übersetzen über die Weichsel geplant, die Übungen beinhalten das taktgenaue Be- und Entladen sowie das sichere Übersetzen unter eigener Sicherung. Je mehr Übergänge vorhanden sind, desto weniger Schwung ginge in einem Gegenangriff verloren. „Das Überqueren von Gewässern wie auch die Vorbereitungen, die dazu nötig sind, verlangen von allen viel Konzentration. Wir Pioniere müssen dafür Sorge tragen, dass die Gefechtsverbände hochmobil durch die Gewässerzone kommen und nicht stocken. Der Gegner kennt diesen Moment auch“, sagt Loges.
Die Pioniertruppe des Heeres der Bundeswehr verfügt aktuell über rund 6.200 aktive Soldaten. Das Überqueren von Gewässern sei eine Kernfähigkeit der Pioniere, sagt der Bundeswehr-Brigadegeneral Uwe Becker im Bundeswehr-Podcast Nachgefragt; er weist darauf hin, dass das Thema umfassender sei als das reine Übersetzen auf Pontons, und vielmehr eine komplexe Planung und das Gefecht der verbundenen Waffen erfordere. Ein Fehlschlag würde einer Vorwärts- oder einer Absetzbewegung der Dynamik berauben.
Ernstfall an der Grenze: Polen erwarten russischen Angriff an der Suwałki-Lücke
Und die Bewegungen zwischen Russland und der Nato werden zweifelsfrei durch Polen führen. Bereits vor der russischen Invasion in die Ukraine war Polen aus Sicht der Nato ein wichtiges Land für die Verteidigung der Ostflanke, sagt Justyna Gotkowsk, die Vizedirektorin des Warschauer ThinktanksZentrum für Oststudiengegenüber der deutschenHeinrich-Böll-Stiftung. Die USA bauten ihre militärische Präsenz in Polen aus und schufen eine Basis für eine amerikanische Panzerbrigade und für weitere Einheiten der Kommandostrukturen an der Nato-Ostflanke. Die Rolle Polens in der Region ist vergleichbar mit der Rolle, die Deutschland für die USA in Europa spielt, beziehungsweise vor der Wiedervereinigung Deutschlands als Nahtstelle zur DDR gespielt hat. Polen wurde nach dem 24. Februar 2022 zu einem wichtigen logistischen und operativen Drehkreuz für Europa und die USA. Der Flughafen in Rzeszów wird manchmal mit dem von Ramstein verglichen, da hierüber militärische und humanitäre Hilfen in die Ukraine geliefert werden.
Ein an Polen grenzender Brennpunkt wird schließlich zum Nadelöhr zwischen den gegnerischen Blöcken: Suwałki-Lücke heißt die schmale Landzunge, die die beiden Nato-Partner Litauen und Polen verbindet – flankiert von russischem und belarussischem Territorium. 65 Kilometer Luftlinie trennen die russische Exklave in Kaliningrad von Moskaus Partner Belarus. Das ist ein Flaschenhals, der das Baltikum mit dem restlichen Teil der Nato verbindet und zur Autobahn russischer Truppen gen Westen werden könnte – laut dem US-Magazin Politico ist dieser Landstrich derzeit der „gefährlichste Ort der Welt“.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Tatsächlich hatte Wladimir Putin bereits 2021 vor Manövern in Polen gewarnt. Der russische Präsident hat gesagt, dass sein Land „besorgt“ über Nato-Militärübungen an der russischen Grenze sei. „Das alles stellt eine Bedrohung für uns dar“, zitiert ihn das Redaktionsnetzwerk Deutschland. Polen ist einer der engagiertesten Unterstützer der Ukraine und hat zudem knapp eine Million Kriegsflüchtlinge aus seinem östlichen Nachbarland aufgenommen. Das EU- und Nato-Mitglied gehört zu den Ländern, die sich wegen ihrer Lage besonders von Russland bedroht fühlen. Viele Polen befürchten, dass ihnen eines Tages ein ähnliches Schicksal drohen könnte wie den Menschen in der Ukraine, die mittlerweile seit mehr als zwei Jahren mit einem russischen Angriffskrieg konfrontiert sind. Die Botschaft der Übung „Dragon 24“ sei klar, sagt Nato-General Brügner: „Wir sind bereit zur Verteidigung Polens.“ (Karsten Hinzmann)