Welche Ziele hat Russland?

Angst im Baltikum: „Putin ist ‚all-in‘“

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Bisher hauptsächlich zum Feiern angerollt: der neu entwickelte Kampfpanzer T-14 Aramata (vorne) auf einer Militärparade in Moskau. Die entscheidende Frage des Westens lautet, wie viel Reserven Russland noch in der Hinterhand hat.
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Wie lange Russlands Rubel noch rollt, ist die drängende Frage. Die Balten sehen kein Ende, Ökonomen rechnen mit einem jähen Kollaps. Aber nur einige.

Vilnius – In Vilnius herrscht Angst. Angst vor dem Ende des Ukraine-Krieges: „Die litauischen Geheimdienste warnten, dass Moskau sich auf den Ausbau seiner militärischen Fähigkeiten in Richtung Westen konzentrieren werde, wenn der Krieg gegen die Ukraine aus irgendeinem Grund einfriert oder endet.“ Das berichtet jetzt der Kyiv Independent: Litauens Außenminister Gabrielius Landsbergis geht noch weiter: „Die Russen sind ‚all-in‘. Sie werden die Ukraine zerstören. Und wer weiß, was noch?“, sagte er zuletzt Anfang der Woche in Brüssel.

„Wenn die Ukraine fällt, ist jedem klar, dass wir die nächsten sind. Putin hört nicht auf. Er kann nicht aufhören.“ Im November hatte der Litauer bereits lamentiert, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet hat: Der Stillstand in der Europäischen Union helfe nur dem Aggressor Russland: „Putin bereitet sich darauf vor, den Staub von seinen Siegesplänen zu pusten, die er voriges Jahr ins Regal stellen musste“, sagte Landsbergis. Der Kyiv Independent berichtet gemäßigter und stützt sich dabei auf einen Bericht des Departements für Staatssicherheit der Republik Litauen (VSD), in dem steht: „Russland verfügt über finanzielle, personelle, materielle und technische Ressourcen, um den Krieg zumindest in naher Zukunft mit ähnlicher Intensität fortzusetzen.“ Litauische Militärs beziffern diese kurzfristige Laufzeit mit sechs Monaten bis zwei Jahren.

„Kriege gewinnt man in Fabrikhallen – dort kann die Ukraine mithalten.“

Einzelne Ökonomen sind da optimistischer, wie der Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer. „Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg gilt die Erkenntnis: Kriege gewinnt man zuerst in den Fabrikhallen und dann auf den Schlachtfeldern. Industrielle Stärke und technische Innovationen entscheiden über die Kampfkraft der Armeen.“ Ziesemer argumentiert technologiehörig. Letztendlich siege diejenige Partei, die über moderne Waffen verfügt, beispielsweise Taurus-Marschflugkörper oder F-16-Kampfflugzeuge. Tatsächlich laufe der Ukraine-Krieg in seiner aktuellen Phase auf ein wirtschaftliches Ergebnis hinaus beziehungsweise in der Folge davon auf eine politische Lösung, damit rechnet zumindest der deutsche Militärhistoriker Sönke Neitzel.

Ein drittes Szenario läge in der Zerschlagung der russischen Streitkräfte, die aber ob der Situation an der Front aktuell unwahrscheinlich ist beziehungsweise auch durch die zähe Lieferung westlicher Waffen kaum an Wahrscheinlichkeit zunimmt, wie er glaubt. Allerdings warnt Neitzel vor einer Gegenüberstellung der beiden Pole Gewinnen und Verlieren. Der Militärhistoriker erinnert an den Ersten Weltkrieg, in dem beispielsweise Großbritannien nominell zu den Siegermächten zählte und den Motor der Pariser Friedensordnung bildete. Diese Großmacht aber war finanziell am Abgrund und hat den folgenden Zweiten Weltkrieg letztlich nur durch Alimentation der USA überstanden. Insofern rechnet Neitzel durchaus mit einem offenen Ausgang des Ukraine-Krieges unabhängig vom Ergebnis an den Fronten. Von daher rate er zu einer weiten Definition der Begriffe Gewinnen und Verlieren; spätestens seit dem 20. Jahrhundert endeten seines Wissens nach Kriege ohnehin für alle beteiligten Seiten gleichermaßen katastrophal.

„Kriegsausgaben wirken wie eine Droge auf die Wirtschaft.“

Andere Ökonomen sehen Russlands Kollaps tatsächlich bereits am Horizont heraufziehen, wie jüngst das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet hat: „Russland ist immer mehr davon abhängig, dass der Krieg weitergeht. Die enormen Ausgaben dafür wirken wie eine Droge auf die Wirtschaft“, sagte Vasily Astrov, ein Russland-Experte des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Laut WIIW könne die vom Rüstungsboom befeuerte russische Wirtschaft ihr rasantes Wachstum nicht mehr fortsetzen. „Mittlerweile operiert sie an der Kapazitätsgrenze und zeigt zunehmende Überhitzungserscheinungen“, steht in deren Prognose. Laut der auf Osteuropa spezialisierten Denkfabrik expandierte die russische Volkswirtschaft im Jahr 2023 um 3,5 Prozent. Wegen der hohen Inflation und der auf 16 Prozent angehobenen Leitzinsen erwartet das WIIW dieses Jahr nur ein Wachstum von 1,5 Prozent.

Allerdings kalkulieren Ökonomen den Energiepreis mit ein – wie Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft und Politik: Russland sei ungeachtet der Sanktionen wirtschaftlich stark genug, um seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine noch mehrere Jahre fortzusetzen, wenn die Energiepreise auf dem Weltmarkt stabil blieben. Der Umbau der russischen Ökonomie zu einer Kriegswirtschaft, die vor allem durch Staatsausgaben in Schwung gehalten wird, dürfte sich ihm zufolge in den kommenden Jahren fortsetzen. Damit wird die russische Wirtschaft immer stärker davon abhängig bleiben, dass der Krieg auch fortgesetzt wird, da der Rüstungsboom sonst abrupt enden könnte. Zu nachhaltiger Entwicklung werde Russlands aktuelles Wirtschaftsmodell deshalb nicht führen.

„Die Vertreibungen sind sehr ernste Dinge, die die Sicherheit Russlands direkt beeinträchtigen.“

Die starke Fokussierung auf den Krieg, fehlende Investitionen, aber auch die längerfristigen Auswirkungen der Sanktionen lassen die langfristigen Zukunftsaussichten für die russische Wirtschaft sehr düster erscheinen. Zwar wird es auch weiterhin kaum Arbeitslosigkeit geben, allerdings wird die russische Bevölkerung sich immer weniger für ihr Einkommen leisten können. Der hohe Preis des Krieges wird erst nach Ende des Krieges in vollem Umfang sichtbar werden, behauptet Kluge.

Tatsächlich schürt Russlands Präsident Wladimir Putin damit die Ängste der baltischen Staaten weiter. „Was jetzt in Lettland und in anderen baltischen Republiken geschieht, ist, dass russische Menschen aus ihren Ländern vertrieben werden“, sagte Wladimir Putin nach Angaben der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti, „das sind sehr ernste Dinge, die die Sicherheit Russlands direkt beeinträchtigen.“ Das Institute for the Study of War (ISW) sieht darin die Grundlage von Informationsvoraussetzungen für künftige aggressive russische Aktionen im Ausland unter dem Vorwand, vermeintliche Landsleute schützen zu wollen. Tatsächlich sind ein Viertel der Bevölkerung Estlands und Lettlands ethnische Russen – in einem Spannungsfall eventuell die fünfte Kolonne Russlands.

„Die politische Ausnahmesituation rechtfertig noch einmal deutlich härtere Repressionen.“

Die Bedrohung der baltischen Staaten bleibt vorerst also konkret: Seit Jahren gilt als wahrscheinlichstes und erstes Angriffsziel von Putins Truppen in der Region die Suwałki-Lücke – eine etwa 100 Kilometer langer Grenze, die zwischen Belarus und der Enklave Kaliningrad liegt und die beiden Nato-Partner Litauen und Polen verbindet. Russland ist derzeit weit davon entfernt, seine erklärten Kriegsziele in der Ukraine zu erreichen, also die annektierten Gebiete militärisch vollständig zu kontrollieren oder die wirtschaftliche und militärische Unterstützung des Westens für die Ukraine zu stoppen. Bislang haben beide Strategien keine Ergebnisse gezeitigt. Was laut der Stiftung Wissenschaft und Politik immer noch innenpolitische Vorteile bringt: „Die angebliche Bedrohung von außen liefert dem Regime Vorwände dafür, die Fortsetzung von Putins Herrschaft zu legitimieren. Gleichzeitig ermöglicht die politische Ausnahmesituation noch einmal deutlich härtere Repressionen.“

Sanktionen des Westens haben den russischen Feldzug nach zwei Jahren allerdings auch nicht stoppen können. Jedes Kriegsjahr zwingt die russische Führung aber zu größeren Anstrengungen, die notwendigen Ressourcen für weitere Angriffe aufzutreiben. Langfristig ist das Regime gezwungen, seine Kriegsausgaben zu verringern, damit die wirtschaftlichen Probleme keine innenpolitische Instabilität provozieren. Das heißt langfristig: weniger Panzer, weniger Munition, weniger Raketen. Insofern mögen die Bedenken des litauischen Außenministers Gabrielius Landsbergis eine mögliche Realität beschreiben, aber vielleicht keine wahrscheinliche.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Der deutsche Militärhistoriker Sönke Neitzel rechnet damit, dass der Krieg noch eine geraume Zeit auf kleiner Flamme köcheln werde. Niederländische Wissenschaftler vom The Hague Center for Strategic Studies haben herausgefunden, dass fünf Faktoren das Ende eines Krieges begünstigen: Kosten, Gewinnaussichten, positive Anreize und externer sowie interner Druck. Keiner der Faktoren verspricht ein schnelles Ende des Ukraine-Krieges. Das Grundübel läge den Wissenschaftlern zufolge in der von beiden Kriegsparteien weiterhin geteilten Überzeugung, sie könnten den Sieg auf dem Schlachtfeld erzwingen; allerdings spendet die Studie auch Trost im Hinblick auf den Ukraine-Krieg: Den Statistiken der Niederländer zufolge dauerte ein Krieg im 20. Jahrhundert im Durchschnitt zweieinhalb Jahre.

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