Bisher hauptsächlich zum Feiern angerollt: der neu entwickelte Kampfpanzer T-14 Aramata (vorne) auf einer Militärparade in Moskau. Die entscheidende Frage des Westens lautet, wie viel Reserven Russland noch in der Hinterhand hat.
Wie lange Russlands Rubel noch rollt, ist die drängende Frage. Die Balten sehen kein Ende, Ökonomen rechnen mit einem jähen Kollaps. Aber nur einige.
Vilnius – In Vilnius herrscht Angst. Angst vor dem Ende des Ukraine-Krieges: „Die litauischen Geheimdienste warnten, dass Moskau sich auf den Ausbau seiner militärischen Fähigkeiten in Richtung Westen konzentrieren werde, wenn der Krieg gegen die Ukraine aus irgendeinem Grund einfriert oder endet.“ Das berichtet jetzt der Kyiv Independent: Litauens Außenminister Gabrielius Landsbergis geht noch weiter: „Die Russen sind ‚all-in‘. Sie werden die Ukraine zerstören. Und wer weiß, was noch?“, sagte er zuletzt Anfang der Woche in Brüssel.
„Wenn die Ukraine fällt, ist jedem klar, dass wir die nächsten sind. Putin hört nicht auf. Er kann nicht aufhören.“ Im November hatte der Litauer bereits lamentiert, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet hat: Der Stillstand in der Europäischen Union helfe nur dem Aggressor Russland: „Putin bereitet sich darauf vor, den Staub von seinen Siegesplänen zu pusten, die er voriges Jahr ins Regal stellen musste“, sagte Landsbergis. Der Kyiv Independent berichtet gemäßigter und stützt sich dabei auf einen Bericht des Departements für Staatssicherheit der Republik Litauen (VSD), in dem steht: „Russland verfügt über finanzielle, personelle, materielle und technische Ressourcen, um den Krieg zumindest in naher Zukunft mit ähnlicher Intensität fortzusetzen.“ Litauische Militärs beziffern diese kurzfristige Laufzeit mit sechs Monaten bis zwei Jahren.
„Kriege gewinnt man in Fabrikhallen – dort kann die Ukraine mithalten.“
Einzelne Ökonomen sind da optimistischer, wie der Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer. „Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg gilt die Erkenntnis: Kriege gewinnt man zuerst in den Fabrikhallen und dann auf den Schlachtfeldern. Industrielle Stärke und technische Innovationen entscheiden über die Kampfkraft der Armeen.“ Ziesemer argumentiert technologiehörig. Letztendlich siege diejenige Partei, die über moderne Waffen verfügt, beispielsweise Taurus-Marschflugkörper oder F-16-Kampfflugzeuge. Tatsächlich laufe der Ukraine-Krieg in seiner aktuellen Phase auf ein wirtschaftliches Ergebnis hinaus beziehungsweise in der Folge davon auf eine politische Lösung, damit rechnet zumindest der deutsche Militärhistoriker Sönke Neitzel.
Ein drittes Szenario läge in der Zerschlagung der russischen Streitkräfte, die aber ob der Situation an der Front aktuell unwahrscheinlich ist beziehungsweise auch durch die zähe Lieferung westlicher Waffen kaum an Wahrscheinlichkeit zunimmt, wie er glaubt. Allerdings warnt Neitzel vor einer Gegenüberstellung der beiden Pole Gewinnen und Verlieren. Der Militärhistoriker erinnert an den Ersten Weltkrieg, in dem beispielsweise Großbritannien nominell zu den Siegermächten zählte und den Motor der Pariser Friedensordnung bildete. Diese Großmacht aber war finanziell am Abgrund und hat den folgenden Zweiten Weltkrieg letztlich nur durch Alimentation der USA überstanden. Insofern rechnet Neitzel durchaus mit einem offenen Ausgang des Ukraine-Krieges unabhängig vom Ergebnis an den Fronten. Von daher rate er zu einer weiten Definition der Begriffe Gewinnen und Verlieren; spätestens seit dem 20. Jahrhundert endeten seines Wissens nach Kriege ohnehin für alle beteiligten Seiten gleichermaßen katastrophal.
„Kriegsausgaben wirken wie eine Droge auf die Wirtschaft.“
Andere Ökonomen sehen Russlands Kollaps tatsächlich bereits am Horizont heraufziehen, wie jüngst das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet hat: „Russland ist immer mehr davon abhängig, dass der Krieg weitergeht. Die enormen Ausgaben dafür wirken wie eine Droge auf die Wirtschaft“, sagte Vasily Astrov, ein Russland-Experte des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Laut WIIW könne die vom Rüstungsboom befeuerte russische Wirtschaft ihr rasantes Wachstum nicht mehr fortsetzen. „Mittlerweile operiert sie an der Kapazitätsgrenze und zeigt zunehmende Überhitzungserscheinungen“, steht in deren Prognose. Laut der auf Osteuropa spezialisierten Denkfabrik expandierte die russische Volkswirtschaft im Jahr 2023 um 3,5 Prozent. Wegen der hohen Inflation und der auf 16 Prozent angehobenen Leitzinsen erwartet das WIIW dieses Jahr nur ein Wachstum von 1,5 Prozent.
Allerdings kalkulieren Ökonomen den Energiepreis mit ein – wie Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft und Politik: Russland sei ungeachtet der Sanktionen wirtschaftlich stark genug, um seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine noch mehrere Jahre fortzusetzen, wenn die Energiepreise auf dem Weltmarkt stabil blieben. Der Umbau der russischen Ökonomie zu einer Kriegswirtschaft, die vor allem durch Staatsausgaben in Schwung gehalten wird, dürfte sich ihm zufolge in den kommenden Jahren fortsetzen. Damit wird die russische Wirtschaft immer stärker davon abhängig bleiben, dass der Krieg auch fortgesetzt wird, da der Rüstungsboom sonst abrupt enden könnte. Zu nachhaltiger Entwicklung werde Russlands aktuelles Wirtschaftsmodell deshalb nicht führen.
„Die Vertreibungen sind sehr ernste Dinge, die die Sicherheit Russlands direkt beeinträchtigen.“
Die starke Fokussierung auf den Krieg, fehlende Investitionen, aber auch die längerfristigen Auswirkungen der Sanktionen lassen die langfristigen Zukunftsaussichten für die russische Wirtschaft sehr düster erscheinen. Zwar wird es auch weiterhin kaum Arbeitslosigkeit geben, allerdings wird die russische Bevölkerung sich immer weniger für ihr Einkommen leisten können. Der hohe Preis des Krieges wird erst nach Ende des Krieges in vollem Umfang sichtbar werden, behauptet Kluge.
Tatsächlich schürt Russlands Präsident Wladimir Putin damit die Ängste der baltischen Staaten weiter. „Was jetzt in Lettland und in anderen baltischen Republiken geschieht, ist, dass russische Menschen aus ihren Ländern vertrieben werden“, sagte Wladimir Putin nach Angaben der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti, „das sind sehr ernste Dinge, die die Sicherheit Russlands direkt beeinträchtigen.“ Das Institute for the Study of War (ISW) sieht darin die Grundlage von Informationsvoraussetzungen für künftige aggressive russische Aktionen im Ausland unter dem Vorwand, vermeintliche Landsleute schützen zu wollen. Tatsächlich sind ein Viertel der Bevölkerung Estlands und Lettlands ethnische Russen – in einem Spannungsfall eventuell die fünfte Kolonne Russlands.
„Die politische Ausnahmesituation rechtfertig noch einmal deutlich härtere Repressionen.“
Die Bedrohung der baltischen Staaten bleibt vorerst also konkret: Seit Jahren gilt als wahrscheinlichstes und erstes Angriffsziel von Putins Truppen in der Region die Suwałki-Lücke – eine etwa 100 Kilometer langer Grenze, die zwischen Belarus und der Enklave Kaliningrad liegt und die beiden Nato-Partner Litauen und Polen verbindet. Russland ist derzeit weit davon entfernt, seine erklärten Kriegsziele in der Ukraine zu erreichen, also die annektierten Gebiete militärisch vollständig zu kontrollieren oder die wirtschaftliche und militärische Unterstützung des Westens für die Ukraine zu stoppen. Bislang haben beide Strategien keine Ergebnisse gezeitigt. Was laut der Stiftung Wissenschaft und Politik immer noch innenpolitische Vorteile bringt: „Die angebliche Bedrohung von außen liefert dem Regime Vorwände dafür, die Fortsetzung von Putins Herrschaft zu legitimieren. Gleichzeitig ermöglicht die politische Ausnahmesituation noch einmal deutlich härtere Repressionen.“
Sanktionen des Westens haben den russischen Feldzug nach zwei Jahren allerdings auch nicht stoppen können. Jedes Kriegsjahr zwingt die russische Führung aber zu größeren Anstrengungen, die notwendigen Ressourcen für weitere Angriffe aufzutreiben. Langfristig ist das Regime gezwungen, seine Kriegsausgaben zu verringern, damit die wirtschaftlichen Probleme keine innenpolitische Instabilität provozieren. Das heißt langfristig: weniger Panzer, weniger Munition, weniger Raketen. Insofern mögen die Bedenken des litauischen Außenministers Gabrielius Landsbergis eine mögliche Realität beschreiben, aber vielleicht keine wahrscheinliche.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Der deutsche Militärhistoriker Sönke Neitzel rechnet damit, dass der Krieg noch eine geraume Zeit auf kleiner Flamme köcheln werde. Niederländische Wissenschaftler vom The Hague Center for Strategic Studies haben herausgefunden, dass fünf Faktoren das Ende eines Krieges begünstigen: Kosten, Gewinnaussichten, positive Anreize und externer sowie interner Druck. Keiner der Faktoren verspricht ein schnelles Ende des Ukraine-Krieges. Das Grundübel läge den Wissenschaftlern zufolge in der von beiden Kriegsparteien weiterhin geteilten Überzeugung, sie könnten den Sieg auf dem Schlachtfeld erzwingen; allerdings spendet die Studie auch Trost im Hinblick auf den Ukraine-Krieg: Den Statistiken der Niederländer zufolge dauerte ein Krieg im 20. Jahrhundert im Durchschnitt zweieinhalb Jahre.