VonStefan Schollschließen
Die Assads quartieren sich offenbar bei Moskaus Reichen nun dauerhaft ein.
Wann sie wirklich in Moskau eingetroffen sind, ist unklar. TV-Propagandist Wladimir Solowjow veröffentlichte am Sonntag ein verwackeltes Foto des gestürzten syrischen Staatschefs Baschar al-Assad und seiner Frau Asma in nicht ganz winterlichen Jacken, das sie in einem mutmaßlichen Moskauer Flughafenkorridor zeigt. Allerdings tauchte im russischen Sozialnetz VK bald ein Video auf, das zeigt, dass das Ehepaar da eigentlich einem syrischen Kinderkrankenhaus einen Besuch abstattet ...
Aber am Dienstag bestätigte Vizeaußenminister Sergej Rjabkow, dass sich Assad wirklich in Russland befindet. Und dass man nicht beabsichtige, den Syrer an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag auszuliefern.
Schon Ende November meldete der Telegramkanal TschWK-OGPU, Assad und seine Familie hätten sich im kremlnahen Hotel Four Seasons einquartiert. Damals gingen auch Gerüchte um, der Noch-Machthaber habe bei Wladimir Putin vorgesprochen und ihn – vergeblich – um mehr Militärhilfe gegen die sunnitischen Rebellen gebeten. Dann sei er nach Damaskus zurückgekehrt, um retten, was noch zu retten war – ebenso vergeblich. Der Blogger Iwan Pankin behauptet, die US-TV-Gestalt Tucker Carlson habe Assad zufällig im Four Seasons getroffen. Und ein Interview vereinbart haben.
Jedenfalls ist Assad jetzt Moskauer. Der 59-Jährige, Frau und drei Kinder gesellen sich zu einer ganzen Reihe ehemaliger Staatschefs und ihrer Kernfamilien. Sie gelten alle als politische Leichen. Bezeichnend der Kurzkommentar von Kremlsprecher Dmitrij Peskow: Auf Putins Terminkalender stehe kein Treffen mit Assad.
Aber wirklich fremd ist den Assads die russische 15-Millionen-Seelen-Metropole auch nicht. Der älteste Sohn Chafes studiert hier seit 2016 und schon 2019 berichtete die „Financial Times“, insgesamt sechs Vettern, Kusinen und Halbschwägerinnen Assads besäßen im elitären Wolkenkratzerviertel „Moskwa City“ 19 Apartments mit einem Gesamtwert von 40 Millionen Dollar. Der westliche Boulevard betrachtet es schon als ausgemacht, dass die Assads dort Quartier beziehen werden, etwa im 374 hohen „Föderations“-Wohnturm. Und das rechte US-Portal AF Post meldet, der gelernte Augenarzt Assad werde zur Medizin zurückkehren und eine eigene Praxis eröffnen.
In der Milliardärsmeile soll auch Viktor Janukowitsch wohnen
So unrealistisch ist das nicht: Der 2005 gestürzte und nach Moskau geflohene kirgisische Staatschef Askar Akajew widmet sich als Hochschulprofessor Studien zur sozialpolitischen Destabilisierung. Miriana Markovic, die Witwe des serbischen Diktators Slobodan Milosevic verbrachte die letzten 16 Jahre ihres Lebens zurückgezogen in der Luxussommerfrische Barwicha westlich der Stadt. Ihr Sohn heiratete eine begüterte Russin.
Und die Assads? Syrische Nachrichtendienstler behaupten jetzt, Assad habe 135 Milliarden Dollar illegal aus dem Land gebracht. Das klingt arg übertrieben, das US-Außenministerium schätzt das verbliebene Vermögen der Familie auf ein bis zwei Milliarden. Die Syrer steigen also auch in Moskaus steinreicher High Society weit oben ein. Aber nicht ganz oben: Moskaus wirkliche Elite lebt westlich der Stadtgrenze, in den Mischwäldern an der Rjublowsker Chaussee, auch Milliardärsmeile genannt, wo es Reit- und Golfplätze und Privatstrände gibt, wo auch Putin residiert. Dort soll auch Viktor Janukowitsch wohnen, der 2014 geflüchtete Kiewer Machthaber.
Sie alle meiden die Öffentlichkeit. Und es gilt als offenes Geheimnis, dass Putins Asyl für seine VIP-Gäste mit der Bedingung verknüpft ist, keine heiklen Einzelheiten über die Kooperation vor ihrer Entmachtung preiszugeben. Man könnte also auf Carlsons Interview mit Assad gespannt sein. Oder darauf, ob es überhaupt stattfindet.
