Umsturz

Russland hat in Syrien an den eigenen Bluff geglaubt

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Die syrischen Weißhelme durchsuchen Assads Foltergefängis Saidnaja.
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Mehr als einige Kampfbomber und Wagner-Söldner hatte die russische Regierung Assad nicht anzubieten.

Ausländische Medienschaffende kutschierte das russische Militär gerne durch die westsyrische Provinz, schob sie in Festzelte, wo vermummte Jünglinge feierlich Sturmgewehre ablieferten. Die Presseoffiziere erklärten, das seien Islamisten, die sich ergeben hätten. Dann plauderten die mutmaßlich reuigen Terroristen entspannt mit syrischen Soldaten. Die syrische nationale Versöhnung, die Moskau 2019 veranstaltete, erinnerte an jene Freilichtbluffs, die man schon im zarischen Russland „Potemkische Dörfer“ nannte.

Zuletzt hatte Russlands gesamtes Syrien-Engagement etwas von angemalter Sperrholzattrappe. Assads Regime, das Moskau mit seiner 2015 gestarteten Militärintervention spektakulär gerettet hatte, fiel am Wochenende noch spektakulärer zusammen.

„Geopolitische Katastrophe“ für Russland

Russlands staatliche TV-Talkmaster schlagen rhetorische Purzelbäume, um die neue Wirklichkeit zurechtzubiegen – während gemäßigtere Medien sich bemühen, die „geopolitische Katastrophe“, so die Zeitung Kommersant, zu erklären. Fast neun Jahre lang feierte man Syrien als glänzende russische Luftwaffenkür, dann als siegreich abgehakten Punkt in der Supermacht-Agenda des Kremls.

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Jetzt aber klingen auch Wladimir Putins Worte von 2017 hohl: „Wenn die Terroristen noch einmal die Köpfe erheben, fügen wir ihnen solche Schläge zu, die sie bisher nicht erlebt haben.“ Die Starmoderatoren Dmitri Kisseljow und Wladimir Solowjow bemühten am Sonntagabend einträchtig ein anderes Putin-Zitat: „Wenn wir sehen, dass der politische Prozess der Annäherung begonnen hat, und die syrische Führung selbst meint, dass man aufhören muss zu schießen und anfangen muss zu verhandeln, sind auch wir bereit, syrischer zu sein als die Syrer selbst.“

Zwar stammt dieses Zitat aus dem Dezember 2015, als der eigentliche Krieg, die Belagerung Aleppos und die meisten russischen Bombenangriffe auf die Rebellenstädte noch bevorstanden. Aber Putins damaliger Wortreichtum passt bestens zur der Versicherung seiner Propagandisten, Russlands Krieger hätten in Syrien eindrucksvoll gesiegt - bloß hätten Assad und seine Leute nichts aus dem Sieg gemacht. „Keine äußeren Kräfte helfen“, so Solowjow, „wenn das Volk nicht für sein Land kämpfen will.“

Näher liegt ein Argument, das ein Passant Mitte 50, der anonym bleiben wollte, gestern an der Moskauer Metro-Station Jugo-Sapadnaja vorbrachte: „Warum soll ich über Assad diskutieren? Unsere Jungs kämpfen jetzt um das Gebiet Kursk.“ Dass der nahe Ukraine-Konflikt ein mehr als berechtigter Anlass ist, Syrien zu vernachlässigen, darüber sind sich die russische Politik und die Propaganda einig. Trotzdem ist Syrien eine Niederlage. Assad, der einzige offizielle Verbündete Russlands im Nahen Osten, braucht jetzt Moskauer Asyl. Es gilt als höchstwahrscheinlich bis sicher, dass Russlands Streitkräfte den Kriegshafen Tartus und der Militärflugplatz Hmeimim räumen müssen.

Moskaus Prestige leidet

Mit ihnen ginge auch ein wichtiger Transporthub für Russlands militärische und wirtschaftliche Operationen in Afrika verloren. Doch vor allem ist Moskaus Prestige schwer geschädigt. Wladimir Putin galt zwischenzeitlich als großer Gewinner des Syrienkonflikts, der Kriegsverlauf habe ihn im Nahen Osten „unglaublich populär“ gemacht, urteilte 2019 der französische Diplomat Michel Duclos. Die Parole „Ordnung statt Chaos“, mit der Moskau Assad vor den islamistischen Rebellen rettete, erfreute Autokraten in allen Weltgegenden.

Jetzt aber sieht auch der globale Süden, dass Russland Syrien nichts anzubieten hatte, als ein paar Dutzend Kampfbomber und mehrere Bataillone Wagner-Söldner, zu wenig für eine komplette Einnahme Syriens. Es fehlten auch ein wirtschaftliches Investitionsprogramm oder ein politisches Reformkonzept, um Assads Rumpfsyrien zu stabilisieren. „Moskau hat nicht genug Militärkraft, Ressourcen und Autorität für eine effektive gewaltsame Einmischung außerhalb der Grenzen der Exsowjetunion“, schreibt der Militäranalytiker Ruslan Puchow. Man könne in der internationalen Arena durchaus mit Gewalt bluffen, aber dabei sollte man vermeiden, zu viel an den eigenen Bluff zu glauben.

Der Z-Kanal Fighterbomber bezeichnet jetzt die Türkei als großen Gewinner. Der Militärblogger Alexander Chartschenko sagt, „die Türken“ hätten sofort nach der Einnahme Aleppos mit dem Bau neuer Stromlinien und Straßen begonnen. Die Muslime hätten den Kampf um die Köpfe der Leute gewonnen. Aber noch ist ja Syrien nicht ganz verloren. Laut der Nachrichtenagentur TASS garantieren die Führer der „bewaffneten syrischen Opposition“, die man in Russland bis Samstag als „Terroristen“ tituliert hatte, den russischen Militärbasen Sicherheit. Unklar, ob diese Sicherheit am Ende nur freies Geleit bedeutet. Oder ob die Rebellen vielleicht mit türkischer Vermittlung zu begrenzter Zusammenarbeit mit dem bisherigen Todfeind bereit sind.

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