Bedrohung durch Russland: Nato bittet Bundeswehr um 40.000 Soldaten
VonBabett Gumbrecht
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Kurz vor dem großen Gipfel strebt die Nato neue Ziele für Waffen und Truppenstärke an. Ungewiss ist, ob die Bundeswehr sieben weitere Brigaden mobilisieren kann.
Berlin/ Den Haag – Es sind geheime Informationen, die kurz vor dem Nato-Gipfel Ende Juni in Den Haag durchgesickert sind: Die Nato soll Deutschland um die Bereitstellung von sieben weiteren Brigaden, was knapp 40.000 Soldaten entspricht, zur Verteidigung des Bündnisses bitten. Das teilten drei Quellen der Nachrichtenagentur Reuters mit.
Wegen wachsender Bedrohung durch Putin: Nato will Ziele für Waffen und Truppenstärke drastisch erhöhen
Hintergrund ist der Ukraine-Krieg und die immer größer werdende Bedrohung durch Russland. Genaue Zahlen zu den Zielen der Nato – ob insgesamt oder für einzelne Länder – lassen sich nur schwer überprüfen, da die Informationen streng geheim sind. Fakt ist aber: Das Bündnis will seine militärischen Fähigkeiten dramatisch steigern.
Deutschland nicht in den Top 3: Die Nato-Länder mit den größten Truppenstärken
Laut einem hochrangigen Militärbeamten plane die Nato, die Gesamtzahl der Brigaden, die die Nato-Verbündeten in Zukunft bereitstellen müssten, auf 120 bis 130 anzuheben. Das entspricht einer Erhöhung um rund 50 Prozent gegenüber dem aktuellen Ziel von etwa 80 Brigaden. Die neuen Ziele für Waffen und Truppenstärke sollen von den Verteidigungsministern der Mitglieder nächste Woche vereinbart werden.
Zum Vergleich: Im Jahr 2021 erklärte sich Berlin bereit, bis 2030 zehn Brigade-Einheiten mit üblicherweise rund 5.000 Soldaten für die Nato bereitzustellen. Derzeit verfügt das Land über acht Brigaden und baut eine Neunte in Litauen auf, die ab 2027 einsatzbereit sein soll. Die Bereitstellung weiterer 40.000 aktiver Soldaten wird für Berlin eine große Herausforderung darstellen. Die Bundeswehr hat ihr für 2018 gesetztes Ziel von 203.000 Soldaten noch nicht erreicht und verfügt derzeit nach Angaben des Verteidigungsministeriums noch über einen Personalmangel von rund 20.000 regulären Soldaten.
Im Kampf gegen Russland: Nato benötigt 35 bis 50 zusätzliche Brigaden für vollständige Verteidigung
Im vergangenen Jahr berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, dass die Nato 35 bis 50 zusätzliche Brigaden benötigen würde, um ihre neuen Pläne zur Verteidigung gegen einen Angriff Russlands vollständig umzusetzen – und dass allein Deutschland seine Luftverteidigungskapazitäten vervierfachen müsste.
Wir brauchen das, denn andernfalls werden wir die Fähigkeitsziele, die wir erreichen müssen, niemals, wirklich niemals erreichen.
Wenig später erläuterte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius sein grobes Konzept für das Erreichen des geplanten neuen Nato-Ziels bei den Verteidigungsausgaben. Wie der SPD-Politiker am Rande eines EU-Treffens in Brüssel erklärte, soll der Anteil der Verteidigungsausgaben an der deutschen Wirtschaftsleistung demnach in einem Zeitraum von fünf bis sieben Jahren um 0,2 Prozentpunkte pro Jahr steigen. Von den 2,1 Prozent im vergangenen Jahr gerechnet könnte dann bis 2032 eine Quote von 3,5 Prozent erreicht werden.
Nato-Generalsekretär erwartet Einigung auf Fünf-Prozent-Ziel: Südwesteuropa zeigt wenig Begeisterung
Nato-Generalsekretär Mark Rutte erwartet, dass sich auch andere Staats- und Regierungschefs der Bündnisstaaten beim Gipfeltreffen in Den Haag auf Verteidigungsausgaben in Höhe von insgesamt fünf Prozent der Wirtschaftsleistung einigen werden. „Wir brauchen das, denn andernfalls werden wir die Fähigkeitsziele, die wir erreichen müssen, niemals, wirklich niemals erreichen“, sagte er vor der Parlamentarischen Versammlung der Nato in Dayton (Ohio) in den USA. Er gehe deswegen davon aus, dass man bei dem Gipfel in Den Haag im Juni einem höheren Ziel für Verteidigungsausgaben zustimmen werde - „insgesamt von fünf Prozent“.
Das könnte aber schwierig werden, denn in Südwesteuropa sorgt das höhere Nato-Ziel für wenig Begeisterung. Auf die Frage von Journalisten, ob Spanien bereit sei, das Verteidigungsbudget perspektivisch auf fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu erhöhen - wie es Trump für alle Nato-Staaten gefordert hatte - reagierte Spaniens Außenminister José Manuel Albares ausweichend.
Spanien leiste im Verteidigungssektor so große Anstrengungen wie nie zuvor, betonte Albares auf einer Pressekonferenz mit dem deutschen Außenminister Johann Wadephul in Madrid. Das bestehende Nato-Ziel von zwei Prozent BIP sei „realistisch“. Ob das künftig reicht, ist fraglich. Keine gute Ausgangslage für das Spitzentreffen der Militärallianz am 24. und 25. Juni. Unter den rund 45 Staats- und Regierungschefs wird auch Trump erwartet, der höchstwahrscheinlich auf seine Forderungen bestehen wird (bg/dpa).