Protest gegen Russland-Wahl: Nawalny-Witwe bietet Putin die Stirn – und wählt in Berlin
VonChristoph Gschoßmann
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Alexej Nawalnys Ehefrau Julia setzte in Berlin bei der Russland-Wahl ein Zeichen gegen Wladimir Putin. Ihre Anhänger bejubelten ihre Geste.
Berlin – Eine Stimme gegen Putin: In einem Zeichen des Protests hat die Witwe des in Lagerhaft gestorbenen russischen Oppositionsführers Alexej Nawalny den Namen ihres Mannes auf den Stimmzettel zur Präsidentschaftswahl in Russland gesetzt. Sie habe „Nawalny“ auf den Stimmzettel geschrieben, sagte Julia Nawalnaja, nachdem sie am Sonntag in der russischen Botschaft in Berlin an der Wahl teilgenommen hatte.
Jubel von Nawalny-Unterstützern bei Urnengang von Ehefrau Julia in Berlin
In Berlin hatte sich Nawalnaja am letzten Tag der russischen Präsidentschaftswahl am Mittag zur Stimmabgabe in die lange Warteschlange vor der russischen Botschaft in Berlin eingereiht. Unter dem Jubel von Anhängern betrat sie am frühen Abend nach mehreren Stunden Wartezeit das Gebäude. „Julia, Julia, wir sind bei dir“, riefen Umstehende.
Julia Nawalnaja, die Witwe von Alexej Nawalny, steht in einer Warteschlange vor der russischen Botschaft, um ihre Stimme bei der Präsidentschaftswahl abzugeben.
Der Uhrzeit kam dabei eine besondere Bedeutung zu. Nawalnaja hatte zu einer Protestaktion am letzten Wahltag aufgerufen, bei der Gegner von Staatschef Wladimir Putin in Massen zu den Wahllokalen strömen sollten. Die Teilnehmer der Protestaktion „Mittags gegen Putin“ sollten für einen der Gegenkandidaten stimmen oder den Wahlzettel mit dem Schriftzug „Nawalny“ ungültig machen.
Protestaktionen gegen Putin-Regime in Berlin und auch in Russland
Die Warteschlange vor der russischen Botschaft in Berlin war hunderte Meter lang und wand sich durch mehrere Nebenstraßen. Auch in Russland kam es am Mittag zu zahlreichen ähnlichen Protestaktionen.
Nawalny verlängert die Liste der Opfer Putins – ein Überblick
Gegen Putin traten drei unbedeutende Kandidaten an. Alle bekannteren Kritiker des Kreml-Chefs sind entweder tot, inhaftiert oder im Exil. Die Wahl endete am Sonntagabend mit der Schließung der Wahllokale in Kaliningrad. Nawalnaja hatte dazu aufgerufen, der Wahl die Anerkennung zu verweigern.
Nawalnaja macht Putin für Schicksal ihres Mannes verantwortlich
Nawalnajas Ehemann Nawalny war nach russischen Behördenangaben Mitte Februar in einem Straflager in der Polarregion gestorben. Der scharfe Kritiker von Kremlchef Putin war durch einen Giftanschlag im Jahr 2020 und ständige Einzelhaft im Lager körperlich sehr geschwächt. Viele seiner Unterstützer und auch internationale Beobachter sind sich deshalb einig, dass von einer „natürlichen“ Todesursache, wie es auf dem Totenschein heißen soll, nicht die Rede sein kann. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz hatte Nawalnaja Putin vor der Weltöffentlichkeit für das Schicksal ihres Mannes verantwortlich gemacht. (cgsc mit dpa und afp)