Silvester-Krawalle

CDU fischt kurz vor Berlin-Wahl ganz rechts außen

+
Der Neuköllner Sozialstadtrat Falko Liecke prangert auf rechten Kanälen die Integrationspolitik in Berlin an.
  • schließen

Nach den Silvester-Krawallen gibt es in Berlin etliche Vorschläge, was nun zu tun ist. Neuköllns Stadtrat Falko Liecke versucht sich in Populismus.

Berlin - Nach den Krawallen mit Angriffen auf Polizei und Feuerwehr in der Silvesternacht wird der Neuköllner Sozialstadtrat Falko Liecke wenige Wochen vor der Berlin-Wahl nicht müde, die Integrationspolitik in Berlin anzuprangern. Dabei ist dem CDU-Politiker offenbar jedes Mittel recht. So nutzte Liecke die vergangenen Tage dazu, seine Sicht der Dinge unter anderem beim ehemaligen Bild-Chefredakteur Julian Reichelt und in der Talkshow des rechtspopulistischen Publizisten Roland Tichy darzulegen.

Bei „Achtung, Reichelt!“ sprach Liecke, der auch Vize-Vorsitzender der Berliner CDU ist, von „Verachtung und Hass unserer Gesellschaft gegenüber“. Das sei „Integrationsversagen!“ Im auf YouTube veröffentlichten Interview mit Tichy gab Liecke seine Meinung zu „Hetz- und Hass-Muslimen“ (O-Ton Tichy) kund. Abgerundet wurde das Spektakel durch die Teilnahme des früheren Berliner Innensenators Frank Henkel (CDU), der erst vor wenigen Tagen CDU-Rechtsausleger Hans-Georg Maaßen bei „TV.Berlin“ zum gleichen Thema interviewt hatte.

Populismus vor der Berlin-Wahl: CDU fragt nach Vornamen der Tatverdächtigen

Auch im Focus meldete sich Liecke zu Wort, stritt dabei jede Nähe zur AfD ab, betonte aber gleichzeitig, dass er ein Problem damit habe, wenn gesagt werde, das seien 45 Deutsche gewesen – allein aufgrund des Passes: „Indem von Deutschen gesprochen wird, wird das Problem verdrängt. Man sagt: Deutscher? Na, dann ist ja alles gut.“

Die CDU-Fraktion hatte zuvor viel Kritik für ihren Fragen nach Vornamen von Tatverdächtigen mit deutscher Staatsangehörigkeit geerntet. So warnte auch am Montag (9. Januar) Innensenatorin Iris Spranger (SPD) davor, bei der Aufarbeitung einen Migrationshintergrund der Straftäter in den Vordergrund zu stellen. Der Linken-Abgeordnete Niklas Schrader betonte, auch Einsatzkräfte und Opfer vor allem in Neukölln hätten eine Migrationsgeschichte.

Neuköllner CDU-Stadtrat Liecke warnt vor Einfluss von Islamisten

Seine Thesen vertritt Liecke auch in seinem 2022 erschienen Buch „Brennpunkt Deutschland – Armut, Gewalt, Verwahrlosung, Neukölln ist erst der Anfang“. Darin warnt er mit scharfen Tönen vor dem Einfluss von Islamisten und „Kopftuchaktivisten“. Wer als „Kopftuchaktivistin“ agiere, vertrete einen „fundamentalen, antifeministischen und politischen Islam“, der im Widerspruch zu Freiheit und Demokratie stehe. Wer das Kopftuch als verbindliches religiöses Symbol verstehe, zeige letztlich ein „rückständiges“ Islamverständnis.

Berlin-Wahl: Das Spitzenpersonal der Parteien im Überblick

Franziska Giffey kandidiert.
Als derzeit regierende Bürgermeisterin von Berlin hängt SPD-Politikerin Franziska Giffey natürlich an ihrem Amt. Eigentlich war die Frankfurterin (Oder) bereits in der Bundespolitik angekommen, kehrte jedoch in die Lokalpolitik zurück, nachdem sie als Bundesfamilienministerin über eine Plagiatsaffäre stolperte. Unumstritten ist sie in Berlin nicht. So sieht sie die Enteignung von Immobilienunternehmen skeptisch, obwohl ein Volksentscheid mehrheitlich dafür gestimmt hatte. „Deutsche Wohnen und Co. enteignen“ soll die Wohnraumsituation in der Hauptstadt verbessern. Beim Wahlkampf-Thema „Silvester-Krawalle“ setzt Giffey auf „schnelle und konsequente Strafverfolgung“. Die habe im Moment Vorrang vor dem Dialog mit der Jugend.  © Kay Nietfeld/dpa
Kai Wegner, CDU-Spitzenkandidat, Berlin-Wahl
Apropos „Silvester-Krawalle“. Die CDU, die in Sachen Regieren in Berlin aktuell zuschaut, hat sich ja mit einer in Rechtsaußen-kreisen sicherlich populären Forderung hervorgetan. Man will die Vornamen der verhafteten mit deutschem Pass wissen. Der Kandidat für die Berlin-Wahl heißt übrigens Kai. Kai Wegner. Wegner rechtfertigte in der Presse denn auch sein Interesse an den Vornamen deutscher Staatsbürger:innen: „Ich halte es für ganz wichtig, den Täterkreis genau zu kennen.“  © Carsten Koall/dpa
Bettina Jarasch, grüne
Grüne Bürgermeisterin von Berlin ist Bettina Jarasch. Sie würde sicherlich gerne mit Koalitionspartnerin Franziska Giffey die Posten tauschen, was nicht ganz unwahrscheinlich ist. In der aktuellsten Umfrage ist die SPD mit einem Prozentpunkt nur knapp vor den Grünen mit 20 Prozent. Jarasch hatte im Sommer insbesondere in der konservativen Presse für Furore gesorgt, als sie für Berlin „mehr Bullerbü“ versprach. Von „Welt“ bis „Tichys Einblick“ waren sie komplett aus dem Häuschen. Dabei geht es Jarasch um mehr Grün, mehr Fahrräder und - weniger Autos. Mutig!  © Christophe Gateau/dpa
Sebastian Czaja, FDP
Geht es um Autos, geht es natürlich immer um die FDP. Deren Spitzenkandidat Sebastian Czaja möchte seine Partei aus dem Tief holen, schließlich sind die Liberalen in den vergangenen Landtagswahlen regelmäßig abgestürzt. Könnte schwierig werden, denn auch in Berlin liegt die FDP bei 6 Prozent mit einem Minus von 1,1. Entsprechend dürfte Jarasch gelassen mit der Aussage umgehen, dass Czaja eine Koalition mit den Grünen ausschließt. Über „Integrationspolitik“ möchte er übrigens „ohne Tabus“ sprechen. Nur konsequent, dass ihn Ahmad Mansour unterstützt.  © Britta Pedersen/dpa
Krisitn Brinker, afd
Kristin Brinker ist AfD-Mitglied der „ersten Stunde“ - nämlich seit Frühjahr 2013. Folgt man Wikipedia, galt sie einst als Vertreterin des sogenannten „liberalen“ Flügels, doch scheint sie selbst dieses Deckmäntelchen längst abgelegt zu haben. Immerhin soll sie auf dem Parteitag der AfD Berlin auch vom rechtsextremen, angeblich aufgelösten „Flügel“ unterstützt worden sein. Die Kampfkandidatur gewann sie übrigens gegen Beatrix von Storch. Politische Forderungen der Partei finden sie auf Telegram.  © Carsten Koall/dpa
Klaus Lederer, die Linke
In Berlin ist die Linke - folgt man der letzte Umfrage - mit 12 Prozent noch nicht in der Bedeutungslosigkeit versunken. Gegenüber 2021 ist das ein Minus um die 2, womit Spitzenkandidat Klaus Lederer als viertstärkste Kraft ins Rote Rathaus einziehen könnte. Als Reaktion auf die Krawalle an Silvester spricht sich der „Weltbürger“ für ein Böllerverkaufsverbot aus, Schwerpunktthemen im Wahlkampf sind „Armutsbekämpfung und Chancengleichheit“. Damit dürfte es auch für Lederer schwer sein, bei der FDP als möglicher Koalitionspartner zu punkten.  © Joerg Carstensen/dpa
Jürgen Todenhöfer, Kandidat vom Team Todenhöfer
Das Team Todenhöfer war bei der Wahl des Spitzenkandidaten nicht sonderlich kreativ: Es ist Jürgen Todenhöfer. Sie erinnern sich vielleicht. Das ist der Mann, der Syriens Diktator Assad besuchte, gerne mal Erdoğan verteidigt und das russische Wahlsystem gar nicht so schlecht findet. Eigentlich ist er Jurist und ehemaliger CDU-Abgeordneter, vielen ist Todenhöfer jedoch eher von seiner Zusammenarbeit mit Xavier Naidoo oder dem Engagement gegen staatliche Corona-Maßnahmen bekannt. Aktuell fordert er für Deutschland und Berlin einen „völlig anderen Politikertyp“. © Oliver Weiken/dpa
Das Rote Rathaus in Berlin
218957308.jpg © Christophe Gateau/dpa

Anfang 2022 hatte Liecke mit einem Tweet zu den Bundesvorsitzenden der Grünen, Ricarda Lang und Omid Nouripour, für heftigen Widerspruch gesorgt. Zu einem Foto der beiden schrieb Liecke: „Ich wünsche ein fröhliches ‚Allahu Akbar‘“. Nach Protesten löschte er den Tweet und schrieb: „Es gibt berechtigterweise Anlass zu Kritik, wenn Herr Nouripour sagt, Aufgabe des Bundestages sei es, Teile der Scharia in unsere Rechtsordnung zu implementieren. Aber die Art meiner Kritik war in dieser Form missverständlich.“

Der Linke-Abgeordnete Ferat Kocak warf Liecke damals „rassistische Hetze gegen Muslime“ vor. Liecke ebne den Boden für Taten wie die rassistische Mordserie in Hanau, wo am 19. Februar 2020 ein 43-jähriger Mann neun Menschen getötet hatte. Kocak fügte hinzu: „Warum spielt sich ein weißer cis männlich konservativer Politiker als Retter der ‚unterdrückten Frauen mit Kopftuch‘ auf?“ (cs/dpa)

Kommentare