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Deutschland soll wieder wehrtüchtig werden. Autor Ole Nymoen erklärt, warum er aber nicht für Deutschland in den Krieg ziehen will.
Hamm – Die künftige Bundesregierung hat es in ihrem Koalitionsvertrag festgeschrieben: „Wir wollen uns verteidigen können, um uns nicht verteidigen zu müssen.“ Abschreckung ist das Ziel, das der zukünftige Kanzler Friedrich Merz mit seiner Union und der SPD an den Anfang ihrer außen- und verteidigungspolitischen Ausführungen gesetzt hat.
Was aber, wenn das irgendwann nicht mehr reicht? Wenn Deutschland angegriffen wird, wenn Soldaten gezwungen sind, für die Landesverteidigung zu töten und dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen? Laut aktuellen Umfragen ist eine große Mehrheit der Deutschen nicht bereit, ihr Land im Falle eines Angriffs mit der Waffe zu verteidigen. Das will auch Ole Nymoen nicht, wie er in seinem Buch „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“ schreibt.
Debatte über Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland im Gange
Angesichts der genannten Umfragewerte und der aktuellen Diskussion um die Wiedereinführung der Wehrpflicht verwundert es nicht, dass Nymoen es mit seinem Buch auf die Spiegel-Bestsellerliste und zuletzt auch in zahlreiche Talkshows geschafft hat. Tatsächlich ist die schmale Streitschrift des 27-jährigen Autors und Podcasters („Wohlstand für alle“) ein wichtiger Beitrag zu einer Debatte, in der viel zu selten die Gruppe zu Wort kommt, die im Verteidigungsfall zur Waffe greifen soll: die junge Generation. Seine Argumentation bringt Nymoen allerdings auch viel Kritik ein, die vor allem mit seinem Verständnis von Staat und Demokratie zusammenhängt.
Für Nymoen ist die Aufteilung der Welt in Nationalstaaten „als konkurrierende Gewaltmonopolisten“ das Grundübel der gegenwärtigen Weltordnung. Es seien die Staaten und ihre Herrscher, die die Menschen in Kriegen zu den Waffen rufen, sei es als Angreifer oder Verteidiger. Die Bürger verteidigten dabei nicht sich selbst, sondern die „bestehende staatliche Herrschaft“.
Ablehnung der Wehrpflicht bei jungen Leuten: Kritik am Staat
Nymoen macht aus seiner staatskritischen Sicht keinen Hehl: „Der Staat ist kein Dienstleister am Volk, der gnädigerweise Sicherheit und andere Wohltaten gewährt, sondern spannt umgekehrt seine Bürger für die eigenen Zwecke ein, von denen sie oftmals wenig haben.“ Als „zu verheizendes Menschenmaterial“ müssen sie „gegen Angehörige des jeweils anderen Staates kämpfen, obwohl sie keinerlei persönliche Probleme mit diesen haben“.
Einwände, dass in Kriegen auch demokratische und freiheitliche Werte wie die Meinungsfreiheit verteidigt werden, lässt er nicht gelten. „Das Recht, meine Meinung zu äußern, ist mir ganz bestimmt nicht mein Leben wert“, schreibt er. Für ein Land, in dem „Bürgergeld-Sätze künstlich kleingerechnet, die Kindergrundsicherung politisch torpediert und Klassenfahrten wegen klammer Kassen gestrichen“ werden, sieht er keinen Grund, zu den Waffen zu greifen.
Das Recht, meine Meinung zu äußern, ist mir ganz bestimmt nicht mein Leben wert
Sicher nicht zu Unrecht prangert er auch die Doppelmoral der Staaten an, demokratische Werte zu predigen und gleichzeitig Waffen an autokratische Staaten wie Saudi-Arabien oder die Türkei zu liefern.
Autor Nymoen: Pazifismus statt Wehrpflicht
Politische Handlungsanweisungen liefert Nymoen in seinem Buch aber explizit nicht. Er hat keine Lösungen für die Probleme der globalen Staatenwelt, wie er selbst zugibt. Er weiß, dass seine Vision einer Welt ohne Grenzen nur eine Utopie ist. Dennoch kann man seiner konsequent pazifistischen Argumentation durchaus folgen. Wer allerdings seine negative Sicht auf den Staat nicht teilt und die Demokratie durchaus für schützenswert hält, sich andererseits aber nicht vorstellen kann, auf Angreifer zu schießen, wird auch nach der Lektüre des Buches weiter über dieses Dilemma grübeln müssen.
Rubriklistenbild: © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

