Bevölkerungsrückgang in der Ukraine – dreimal mehr Todesfälle als Geburten
VonFelix Durach
schließen
Die Ukraine befindet sich inmitten einer demographischen Notlage. Im dritten Kriegsjahr übertrifft die Anzahl der Todesfälle die der Geburten um das Dreifache.
München – Die russischen Verluste im Ukraine-Krieg sind enorm hoch. Nach den Zahlen des ukrainischen Generalstabs hat Moskau seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 bisher knapp 585.140 Soldaten verloren. Doch auch die Ukraine leidet schwer unter den Auswirkungen des Krieges – sowohl auf dem Schlachtfeld, als auch beim generellen Blick auf die Bevölkerung des Landes. Neue veröffentliche Zahlen zeigen nun das ganze Ausmaß. Die Bevölkerung in der Ukraine nimmt rapide ab. Die Zahlen von neu geborenen Kindern liegen weit unter der Sterberate.
Ukraine meldet dreimal mehr Todesfälle als Geburten – Demografische Krise im Krieg
Wie das Portal Opendatabot unter Verweis auf das ukrainische Justizministerium meldet, war die Zahl der Todesfälle in der Ukraine im laufenden Jahr dreimal so hoch wie die der Geburten. In den ersten sechs Monaten des Jahres 2024 wurden 87.655 Kinder in der Ukraine geboren – ein weiterer deutlicher Abfall im Vergleich zu den vorherigen Jahren. Dagegen sind im ersten Halbjahr 2024 250.972 Menschen in der Ukraine verstorben. Die Bevölkerung der Ukraine ist demnach – wenn man Zu- und Abwanderung außen vor lässt – um mehr als 160.000 Menschen geschrumpft.
Geburten Januar bis Juni 2024
Todesfälle Januar bis Juni 2024
87.655
250.792
Die Sterberate in der Ukraine ist demnach fast dreimal so hoch wie die Geburtenrate. Zum Vergleich: Auch in Deutschland sind in den vergangenen Jahren deutlich mehr Menschen gestorben als Menschen geboren wurden. Im 2023 war die Sterberatee knapp 1,5 Mal so hoch wie die Geburtenrate. Das geht aus den Zahlen des Statistischen Bundesamts hervor.
Bevölkerungswandel im Ukraine-Krieg – Zahlen aus Kriegsgebieten fehlen
Die meisten Geburten wurden aus der Region um die Hauptstadt Kiew und aus dem Süden und Westen der Ukraine gemeldet. Die geringsten Zahlen aus den Gebieten an der Front und den umkämpften Regionen Saporischschja, Cherson und Donezk. Die Datensätze sind jedoch nicht vollständig. Das liegt vor allem daran, dass aus den teilweise von Russland kontrollieren Regionen im Osten der Ukraine nur unvollständige Zahlen gemeldet werden. Aus den Region Luhansk und der von Russland völkerrechtswidrig annektierten Halbinsel Krim wurden gar keine Zahlen gemeldet.
Bevölkerungswandel im Ukraine-Krieg – immer weniger Geburten in der Ukraine
Die Zahl der Geburten in der Ukraine sank in den vergangenen Jahren kontinuierlich. 2018 waren innerhalb des ersten Halbjahres noch 164.287 Kinder geboren worden. 2022 – im Jahr des russischen Überfalls auf die Ukraine – wurden noch 106.430 Kinder im gleichen Zeitraum geboren. Ein Rückgang um knapp ein Drittel. Die Zahl der Todesfälle hingegen lag 2021 auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie noch bei 349.041 Menschen im ersten Halbjahr, sank seitdem jedoch wieder ab. Auch hier können fehlende Daten aus den russisch besetzten Gebieten die tatsächlichen Werte verfälschen.
Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks
Bevölkerung in der Ukraine schrumpft – Millionen Kriegsflüchtlinge im Ausland
Auf dem Höhepunkt Mitte der 1990er-Jahre lebten über 50 Millionen Menschen in der Ukraine – im Januar 2024 waren es noch 37 Millionen. Verstärkt wird die demografische Krise durch eine große Anzahl an Menschen, die wegen des Ukraine-Kriegs das Land verlassen haben. Bis Ende Mai dieses Jahres hatten 4,3 Millionen Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine Schutz in EU-Ländern erhalten, wie der Mediendienst Integration meldete. Berichten des Kyiv Independent zufolge könnte bis zum Ende des Jahres 2025 noch 700.000 weitere Menschen die Ukraine verlassen.
Wie der Krieg das Land verändert, zeigt sich an vielen Orten in der Ukraine. So wurde etwa in Butscha in der Region Kiew die erste rein weibliche Freiwilligeneinheit zur Luftverteidigung ins Leben gerufen. Die „Hexen von Butscha“ übernehmen die Aufgabe, nachdem viele junge Männer beim Massaker von Butscha ermordet wurden oder an der Front kämpfen. Sollte der Krieg gegen Wladimir Putin und Russland noch länger andauern, dürfte sich die demografische Krise in der Ukraine noch weiter verstärken. (fd)