Hoffnung auf Entspannung

Konfrontation der Supermächte: Biden beschwört „Tauwetter“ zwischen China und USA

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In welche Richtung bewegen sich die Beziehungen zwischen den USA und China? Joe Biden und Xi Jinping im vergangenen November am Rande des G20-Treffens auf Bali.
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Joe Biden sieht ein „Tauwetter“ zwischen China und den USA aufziehen. Doch die Beziehungen zwischen den beiden Supermächten bleiben angespannt.

München/Washington, D.C./Peking – Chinas Außenministerium sprach von einem „Hype“, die Staatszeitung China Daily von einer „Obsession“ der USA und ihrer Verbündeten: 20 Mal packten die Regierungen der G7-Staaten den Namen „China“ in die Abschlusserklärung ihres diesjährigen Gipfels, der am vergangenen Wochenende im japanischen Hiroshima zu Ende ging. Nur Russland und die Ukraine kommen in dem 40-seitigen Dokument häufiger vor.

Der Text beschwört die Zusammenarbeit mit der Volksrepublik, wenn es um die Lösung von Menschheitsfragen wie dem Klimawandel und die schwindende Biodiversität geht; ansonsten aber herrscht ein deutlich rauerer Ton vor. Da geht es um Menschenrechtsverletzungen in Tibet und Xinjiang, um unfaire Wettbewerbsbedingungen für ausländische Unternehmen, um Pekings Gebietsansprüche im Südchinesischen Meer und natürlich um die Taiwan-Frage, die – so die G7 - nur friedlich gelöst werden dürfe.

Insofern überraschte, was US-Präsident Joe Biden nur einen Tag nach Veröffentlichung der Hiroshima-Erklärung über die Beziehungen seines Landes zu China zu sagen hatte. „Ich denke, wir werden in Kürze den Beginn eines Tauwetters sehen“, behauptete der 80-Jährige. Wie das zu der scharfen Rhetorik des G7-Gipfels passen soll, sagte Biden indes nicht.

Posse um „dummen Ballon“ stand zwischen China und USA

In China will man diesen Beteuerungen denn auch keinen Glauben schenken. „Wenn die USA nur mit leeren Worten kommen und versuchen, Vorteile aus den Handelsbeziehungen mit China zu ziehen, während sie uns weiterhin eindämmen wollen, wäre es sinnlos, die Beziehungen zu verbessern“, zitierte die staatliche Global Times Wu Xinbo, den Direktor des Zentrums für Amerika-Studien an der Fudan-Universität in Shanghai.

Die Beziehungen zwischen beiden Staaten befanden sich ohnehin schon auf einem historischen Tief, als Anfang des Jahres ein mutmaßlicher Spionageballon aus China über den USA entdeckt und schließlich abgeschossen wurde. Außenminister Antony Blinken sagte daraufhin seinen geplanten Peking-Besuch ab.

Nun ließ Joe Biden ließ immerhin die Bereitschaft erkennen, die Posse vergessen zu wollen – in Hiroshima sprach er von einem „dummen Ballon“, der alles verändert habe zwischen beiden Staaten. Auch redet man seit Kurzem wieder vermehrt miteinander. In Peking traf US-Botschafter Nicholas Burns Anfang des Monats mit dem chinesischen Außenminister Qin Gang zusammen, in Wien Chinas Top-Diplomat Wang Yi mit Jake Sullivan, Bidens Nationalem Sicherheitsberater.

Anfang dieser Woche landete schließlich Xie Feng in den USA, Chinas neuer Botschafter in Washington. Sein Vorgänger, der jetzige Außenminister Qin Gang, hatte das Land Ende vergangenen Jahres verlassen – so lange wie zuletzt sei der Botschafterposten seit vier Jahrzehnten nicht mehr vakant gewesen, schreibt die Global Times. Xie, 59 Jahre alt, war bislang als Vize-Außenminister für die Beziehungen zu den USA zuständig und bereits zweimal an der Botschaft in Washington stationiert.

Chinas neuer Botschafter in den USA sieht „ernste Schwierigkeiten und Herausforderungen“

Nach seiner Ankunft am New Yorker Flughafen John F. Kennedy sagte Xie am Dienstag in geschliffenem Englisch, die Beziehungen zu den USA stünden vor „ernsten Schwierigkeiten und Herausforderungen“ und müssten „verbessert werden“. Dabei scheint er vor allem Washington in der Pflicht zu sehen: „Wir hoffen, dass die Vereinigten Staaten mit China in die gleiche Richtung gehen werden“, erklärte der neue Botschafter.

Aus dem amerikanischen Außenministerium hieß es am Mittwoch, man freue sich auf die Zusammenarbeit mit Xie. Dort dürfte man allerdings nicht vergessen haben, was Xie im Sommer 2021 der US-Vizeaußenministerin Wendy Sherman bei einem Treffen in der nordchinesischen Stadt Tianjin an den Kopf geworfen hatte. Einige Menschen in den USA würden China als „imaginären Feind“ betrachten, schimpfte Xie damals. Zudem seien die USA „nicht in einer Position, China über Demokratie und Menschenrechte zu belehren“, schließlich hätten sie ihre eigenen Ureinwohner einst schändlich behandelt. Wie Chinas Staatsmedien damals berichteten, gab Xie seiner US-Kollegin zudem zwei Dokumente mit auf den Nachhauseweg – eine „Liste der US-Vergehen, die aufhören müssen“ sowie eine „Liste der wichtigsten Einzelfälle, die China beunruhigen“.

Aktuell ist sind es vor allem zwei Themen, die den Verantwortlichen in Peking die Zornesröte ins Gesicht treiben, wenn sie an Washington denken: Immer wieder behauptet China, es seien die engen Kontakte der USA zur Regierung in Taiwan, die den Konflikt verschärfen würden – nicht etwa die eigene aggressive Rhetorik und die Militärübungen in der Nähe der Insel, die Peking als abtrünnige Provinz betrachtet.

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wurde das Land von 2016 bis 2024 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. Ihr folgte im Mai 2024 ihr Parteifreund Lai Ching-te. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa

Mikrochip-Sanktionen sorgen für Spannungen zwischen Peking und Washington

Zudem schaukelt sich der Konflikt um gegenseitige Sanktionen für Mikrochips immer weiter hoch. Im vergangenen Jahr hatte US-Präsident Biden angeordnet, China vom Zugang zu hoch entwickelten Halbleitern, die auch für militärische Zwecke verwendet werden könnten, abzuschneiden. Anfang dieser Woche untersagte Peking dann den Verkauf einiger Chips des US-Unternehmens Micron Technology, woraufhin ein prominenter US-Republikaner wiederum Handelsbeschränkungen gegen einen Halbleiterhersteller aus China forderte – Ende offen.

Laut New York Times sehen Bidens Berater derzeit zwei Fraktionen in China im Wettstreit miteinander – eine, die die wirtschaftlichen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten wiederherstellen will, und eine, für die nationale Sicherheit wichtiger ist als Wirtschaftswachstum. Letztere sei stärker, weil zu ihr auch Staats- und Parteichef Xi Jinping gehöre.

Xi jedenfalls ist überzeugt davon, dass die USA den Aufstieg Chinas um jeden Preis verhindern wollen – dass es Washington also um mehr geht als um Halbleiter oder Taiwan; ja, dass beide Themen nur ein Vorwand sind, um die amerikanische Dominanz in der Welt aufrechtzuerhalten.

China-Analyst fordert „direkte, private Diplomatie“ mit Peking

Gefordert sei in dieser Situation vor allem eine „direkte, private Diplomatie mit China“, meint der Analyst Ryan Hass von der US-Denkfabrik Brookings Institution. Nicht hilfreich sei jedenfalls jene Art von öffentlichem Schlagabtausch zwischen beiden Seiten, wie man ihn in den vergangenen Jahren immer wieder mitansehen musste. „Das schränkt Amerikas Möglichkeiten ein, auf die Art und Weise Einfluss zu nehmen, wie China seine Interessen verfolgt, erschüttert das Vertrauen der amerikanischen Verbündeten und vergiftet die persönlichen Beziehungen zwischen den Beteiligten“, so Hass.

Zudem müssten die USA die Ambitionen von Xi Jinping, ein „globaler Anführer und Friedensstifter“ zu werden, ernst nehmen. Konkret schlägt Hass etwa vor, Chinas bislang erfolglose Vermittlungsversuche im Ukraine-Krieg nicht einfach als Blendwerk abzutun – sondern nach Stellen zu suchen, wo Peking tatsächlich etwas bewirken könne. „Washington könnte Peking zum Beispiel dazu bringen, die Führung dabei zu übernehmen, Russland zum Offenhalten der Getreiderouten durch das Schwarze Meer im Interesse der weltweiten Ernährungssicherheit zu drängen“ So hätten letztendlich alle Seiten etwas von Pekings Großmachtstreben – China und der Westen.

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