VonJens Kiffmeierschließen
3-G-Regel, Maskenpflicht und Lockdown: Die Corona-Regeln sollen nur bedingt wirksam gewesen sein – sagt ein Expertenrat. Eine Klatsche für das Team Vorsicht?
Berlin – Schulschließungen, Lockdowns und Maskenpflicht: Ein Expertenrat hat die Corona-Regeln in Deutschland auf den Prüfstand gestellt. Doch was haben sie gebracht? Darauf können die Mitglieder des Sachverständigenausschusses auch zwei Jahre nach Beginn der Pandemie keine eindeutige Antwort geben. Viele Maßnahmen hätten zu Anfang funktioniert, aber mit der Dauer an Wirkung verloren, teilten die Fachleute in ihrem Abschlussbericht mit, der am Freitagmittag veröffentlicht werden sollte. Doch die Ergebnisse sind durchaus umstritten.
Corona in Deutschland: Expertenrat legt Bericht zu den Corona-Regeln vor
Bundesregierung und Bundestag hatten den Sachverständigenausschuss gemeinsam eingesetzt. Das 16-köpfige Gremium, dem unter anderem der Bonner Virologe Hendrik Streeck, der Charité-Chef Heyo Kroemer und die Soziologin Jutta Allmendinger angehörten, sollte die Corona-Regeln evaluieren und Handlungsempfehlungen für die Zukunft aussprechen.
Denn die aktuellen Maßnahmen gegen Corona laufen in Deutschland im September aus und müssen von der Politik neu beschlossen werden. Doch die FDP, die zuletzt immer wieder als Kritiker allzu scharfer Corona-Regeln auffiel, stand zuletzt in der Ampel-Koalition auf der Bremse. Man wolle zunächst den Bericht des Expertenrates abwarten, bevor man das Infektionsschutzgesetz neu justiere, hieß es stets aus der Bundestagsfraktion und von namhaften FDP-Politikern.
Expertenrat Corona: Sachverständigenausschuss legt Bericht zu Corona-Maßnahmen vor
Jetzt liegt der Expertenbericht vor. Er umfasst 165-Seiten. Die Bild und die Welt könnten zuvor Einsicht in den Bericht nehmen. Demnach fällt das Expertengremium ein gemischtes Urteil über die bisherigen Corona-Regeln in Deutschland. So ergibt sich aus der Zusammenfassung der Studie weder eine klare Bestätigung der deutschen Corona-Politik, die über lange Zeit schwere Einschränkungen von Grundrechten nach sich zog, noch eine nachträgliche Ablehnung. Doch was genau steht in der Analyse? Dazu hier ein erster Überblick:
Maskenpflicht, Lockdown, 3G: Welche Wirkung haben die einzelnen Corona-Regeln in Deutschland? Eine Liste
- Lockdown: Ein abschließendes Urteil über Ausgangssperren oder der Schließung von Restaurants und Geschäften trauen sich die Fachleute nicht zu. Sie bescheinigen dem Lockdown einen „kurzfristigen positiven Effekt“. Denn mit der Zeit nehme die Wirkung ab. „Je länger ein Lockdown dauert und je weniger Menschen bereit sind, die Maßnahme mitzutragen, desto geringer ist der Effekt und umso schwerer wiegen die nicht-intendierten Folgen“, heißt es dazu. Die Auswirkungen seien Verschlechterung der Gesundheit, vor allem auch im psychischen Bereich.
- 2G und 3G: Bei dieser Maßnahme sehen die Experten keinen Langzeiteffekt. So sei der Schutz vor allem nur „in den ersten Wochen nach der Boosterimpfung oder der Genesung hoch“, schreiben die Fachleute. Der Schutz vor einer Infektion lasse mit der Zeit jedoch deutlich nach. Bei der 2G-Regel wurden Nicht-Geimpfte größtenteils vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, sprich sie durften keine Geschäfte oder Restaurant betreten. Später wurde die Maßnahme auf 3G verschärft, wonach Doppelt-Geimpfte noch einen Test vorlegen mussten.
- Maskenpflicht: Generell bescheinigen die Sachverständigen der Maskenpflicht eine hohe Bedeutung. Die Wirkung sei im Labor bestätigt. Entscheidend sei aber die Anwendung in der Praxis. Eine schlecht sitzende Maske habe keinen, oder sogar einen negativen Effekt. Dennoch scheuen die Fachleute ein endgültiges Urteil. Das Tragen von Masken könne durchaus ein wirksames Instrument in der Pandemiebekämpfung sein, dennoch könne der Schutzeffekt im Alltag nicht abschließend geklärt werden.
- Schulschließungen: Auch bei diesem Thema ringen die Experten um eine klare Antwort. Die Wirkung sei „offen“, heißt es in dem Papier. Es sei nicht von der Hand zu weisen, dass die Ausbreitung des Virus ein Stück weit dadurch gestoppt hätte werden können. Dennoch habe die Maßnahme zu Kollateralschäden geführt. „Die Folgen dieser Maßnahme auf das psychische Wohlbefinden“ der Schüler seien „immens“.
Corona Deutschland: Omikron befeuert Sommerwelle – Maskenpflicht und 3G-Regel im Urlaub 2022
Insgesamt fällt die Bilanz gemischt aus. Doch in den kommenden Tagen wird die Studie noch viel Streit geben. Der Virologe Christian Drosten hatte die Arbeitsweise des Gremiums schon im April kritisiert und war unter Protest aus dem Rat ausgetreten. Auch in den politischen Lagern werden die Ergebnisse unterschiedlich bewertet werden. Denn durch die nicht eindeutigen Urteile der Fachleute bietet die Studie viel Raum für Interpretationen.
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Doch welche Lehren wird die Politik am Ende daraus ziehen? Das bleibt abzuwarten. Dennoch drängt die Zeit. Denn befeuert durch neue Omikron-Varianten wie BA.4 und BA.5, die unterschiedliche Symptome und Verläufe haben, steigen aktuell die Corona-Zahlen in Deutschland wieder. Am Freitag meldete das Robert-Koch-Institut eine Inzidenz von 682,7. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach warnte bereits vor einer Corona-Sommerwelle und brachte einen Sieben-Punkte-Plan ins Gespräch, weswegen in einigen Ländern bereits die zwischenzeitlich abgeschaffte Maskenpflicht und die 3-G-Regel wieder eingeführt worden ist. Insofern werden viele Deutsche früher als gedacht wieder mit Corona-Regeln konfrontiert sein, und zwar in ihrem Urlaub 2022.
Rubriklistenbild: © Hauke-Christian Dittrich/dpa

