VonMax Müllerschließen
Pünktlich zum Beginn der Sommerferien wurden viele Lehrende arbeitslos – und zum neuen Schuljahr wieder eingestellt. Neue Zahlen zeigen, wie ausgeprägt diese verstörende Praxis ist.
Was wird im Lehrerzimmer gesprochen? Über den Schüler aus der 6a, der den Matheunterricht ständig stört? Die nächste Klassenfahrt? Die nahenden Ferien? Weit gefehlt, erzählt Matilda Schuster am Telefon. „Das Dauerthema schlechthin ist die Ungleichbehandlung von verbeamteten und angestellten Lehrerinnen und Lehrern“, sagt sie. Es sei ein heikles Thema, vor allem innerhalb des Kollegiums, weswegen Schuster ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.
Sie muss es aus erster Hand wissen, denn Schuster unterrichtet an einer Schule im Rheinland. „Dass es verbeamtete Lehrer gibt, die mehr Geld verdienen und eine große Sicherheit genießen, und auf der anderen Seite Kolleginnen und Kollegen, die das alles nicht haben, kann kein Mensch nachvollziehen“, sagt Schuster. Denn eines sei klar: „Wir machen alle die gleiche Arbeit – und auch alle spüren, wie intensiv die Belastung ist“, sagt Schuster. Die Belastung, da sind sich alle einig, hängt vor allem damit zusammen, dass Personal fehlt.
Dramatische Situation in den Schulen: Wie viele Lehrer fehlen
Wie dramatisch der Lehrermangel ist und noch werden wird, kommt darauf an, wen man fragt. Die Kultusministerkonferenz geht davon aus, dass es bis 2025 rund 25.000 Lehrkräfte mehr geben müsste. Bis 2030 soll die Lücke rund 31.000 Lehrkräfte betragen. Der renommierte Bildungsforscher Klaus Klemm ist noch pessimistischer. Er prognostiziert, dass bis 2025 insgesamt 40.000 Lehrerinnen und Lehrern fehlen. Bis 2035 soll die Zahl sogar auf 85.000 steigen. Allerorts werden bereits Quereinsteiger eingestellt, mit Verbeamtungen buhlen Bundesländer um neues Personal.
Doch parallel dazu, nahezu unbemerkt, gibt es eine Praxis, die so gar nicht zum Status Quo passt. Es geht um angestellte Lehrkräfte, die oft befristete Verträge haben – bis zum Beginn der Sommerferien. Dann sind sie sechs Wochen arbeitslos und werden erneut eingestellt. Eine Vorgehensweise, die zwar Geld spart, aber nicht unbedingt darauf einzahlen dürfte, den Beruf attraktiver zu machen.
Knapp 4.000 angestellte Lehrer wurden vor Sommerferien arbeitslos
Aus einer Anfrage der Linken an die Bundesregierung, die IPPEN.MEDIA vorliegt, gehen nun aktuelle Zahlen hervor. Demnach meldeten sich im Juni 2023, als einzig in Nordrhein-Westfalen die großen Ferien begannen, 326 Lehrerinnen und Lehrer arbeitslos. Im August, jetzt waren alle Bundesländer in den Ferien, schnellte die Zahl auf 3.787 hoch. Zahlen für das Jahr 2022 zeigen, dass die Neuzugänge in der Arbeitslosenstatistik nur von kurzer Dauer sind, weil sie pünktlich zum neuen Schuljahr wieder eingestellt werden. So nahmen im September 2022 bundesweit 4.083 zuvor arbeitslose Lehrkräfte ihre Arbeit wieder auf.
Susanne Ferschl, stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, kritisiert das. „Ausfallstunden an den Schulen und hoher Krankenstand und Burnout bei den verbleibenden Lehrerinnen und Lehrern – das ist die Realität an deutschen Schulen. Obwohl die Probleme bekannt sind, werden nach wie vor tausende Lehrkräfte zu den Sommerferien in die Arbeitslosigkeit geschickt, um sie pünktlich zum Schuljahresstart wieder einzustellen.“
Zahlen leicht rückläufig
Es sei wohlfeil, andauernd den Lehrermangel zu bejammern und gleichzeitig in politischer Hilflosigkeit Mehrarbeit anzuordnen und das Recht auf Teilzeit einzuschränken. „Wer an der Bildungsmisere etwas ändern will, muss, neben einer Ausbildungs- und Investitionskrise für die Schulen, insbesondere auch für gute Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte sorgen“, so Ferschl. „Denn wer an der Bildung spart, stiehlt unseren Kindern und Jugendlichen ihre Zukunft.“
Ein bisschen Hoffnung gibt es dennoch. Im Vergleich zum letzten Jahr sind die Zugänge in Arbeitslosigkeit im August bundesweit leicht rückläufig. 2022 waren es 4.553, dieses Jahr rund 750 weniger. Immer noch viel zu viel, findet Schuster. Dabei ist sie von dem Prozedere gar nicht betroffen, weil sie das rettende Ufer bereits erreicht hat: die Verbeamtung.
*Dieses Bild wurde mithilfe maschineller Unterstützung erstellt. Dafür wurde ein Text-to-Image-Modell genutzt. Auswahl des Modells, Entwicklung der Modell-Anweisungen sowie finale Bearbeitung des Bildes: Art Director Nicolas Bruckmann.
