Angriffe im Rücken

Billig-Bombe: Zwingen Trumps ERAM Putin zu Verhandlungen?



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„Synergie der Fähigkeiten“ oder „Pflaster für eine tiefere Wunde“; ERAM sollen in Russlands Bevölkerung den Glauben an Putin bis ins Mark erschüttern.

Kiew – „Für die Ukraine ist es jetzt wichtig, über Waffen zu verfügen, mit denen sie den feindlichen Rücken aus einer Entfernung von 200 Kilometern oder mehr angreifen kann“, sagt Igor Romanenko. Den Generalleutnant und ehemalige stellvertretende Generalstabschef der ukrainischen Streitkräfte zitiert aktuell die ukrainische Nachrichtenagentur Unian. Romanenko zufolge bräuchten die Verteidiger im Ukraine-Krieg dringend luftgestützte ERAM-Raketen, um im Rücken von Wladimir Putins Invasionstruppen angreifen zu können. Gleichzeitig kritisiert er die, wie er findet, gestutzten F-16-Kampfjets.

Neuer Zoff um F-16-Kampfjet: „Leider erlauben uns die Amerikaner nicht, den Gripen zu erwerben“

„Leider erlauben uns die Amerikaner nicht, den Gripen zu erwerben, den wir wirklich brauchen“, sagt Romanenko und zündelt erneut an der Diskussion, welcher Kampfjet für die Ukraine den meisten Sinn macht beziehungsweise gemacht hätte – die Ukraine hatte lange geliebäugelt mit dem schwedischen Allround-Jet; die Schweden hatten ihr diesbezügliches Engagement allerdings zurückgefahren, weil sich der Westen auf die Lieferung der F-16 versteift hatte und ein weiterer Jet die ukrainische Logistik überfordert hätte. Grundsätzlich bemängelt der Offizier die mangelhafte Bewaffnung der ukrainischen Kampfjets. Romanenko zufolge würden die russischen Luft-Luft-Raketen mindestens über 300 Kilometer wirken – damit wäre für die Ukraine ohnehin kein Herankommen an die Gegner.

Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands

Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen der Gemeinschaft unabhängiger Staaten
Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS). Die GUS besteht aus ehemaligen Staaten der Sowjetunion, die bis heute zum Großteil eng verbunden mit Russland geblieben sind. Doch Moskau-Machthaber Putin hat nicht nur in den Sowjet-Gebieten Freunde. Putin findet auch nach mehreren Jahren Angriffskrieg in der Ukraine noch immer fast weltweit Verbündete. Eine Übersicht: © Imago
Alexander Lukaschenko und Wladimir Putin
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs steht ein Mann eng an der Seite Wladimir Putins: Alexander Lukaschenko. Das von ihm autoritär beherrschte Belarus teilt sich eine mehr als tausend Kilometer lange Grenze mit der Ukraine. Lukaschenko unterstützte Putins Truppen logistisch bei ihrer Invasion des Nachbarlandes. © Imago
Kim Jong-un und Wladimir Putin
Ein weiterer enger Verbündeter Wladimir Putins ist Kim Jong-un. Der Machthaber regiert ein totalitäres Nordkorea, das als sozialistische Diktatur historisch enge Beziehungen zu Russland pflegt. © Gavriil Grigorov/Imago
russischer Soldat, der eine Gruppe nordkoreanischer Kameraden einweist
Im Lauf des Ukraine-Kriegs wurde aus der symbolischen Verbindung ein militärisches Bündnis. Kim Jong-un unterstützte Putins Feldzug mit Waffen, Munition und Soldaten. Laut Schätzungen könnten es mehr als 30.000 Mann aus Nordkorea sein, die an der Front im Ukraine-Krieg kämpfen. Auf dem Bild zu sehen ist ein russischer Soldat, der eine Gruppe nordkoreanischer Kameraden einweist.  © Imago
Xi Jinping zu Gast bei Wladimir Putin
Die Volksrepublik China pflegt sowohl mit Nordkorea als auch mit Russland enge Beziehungen. Das bewies Präsident Xi Jinping zuletzt durch seinen Besuch Moskaus am „Tag des Sieges“. An der Seite Putins begutachte Xi als Gast auf der Ehrentribüne die große Militärparade, die durch Russlands Hauptstadt rollte. Doch China unterstützt Russland nicht nur symbolisch durch Besuche, sondern auch ganz praktisch mit Seltenen Erden und Devisen. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs ist China der größte Importeur für russische Rohstoffe geworden. © Imago
Präsident Wladimir Putin mit To Lam
Der Dritte im Bunde der ostasiatischen Verbündeten Russlands ist Vietnam. Hier posiert Präsident Wladimir Putin mit Tô Lâm, Präsident Vietnams von Mai 2024 bis Oktober 2024, bei einem Besuch des russischen Staatschefs in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. © Kristina Kormilitsyna/Imago
Wladimir Putin und Narendra Modi
In Südasien, konkret auf dem indischen Subkontinent, findet sich mit Narendra Modi der nächste enge Verbündete Russlands. Indiens Premierminister pflegt ein enges Verhältnis zu Putin. Hier umarmen sich beide bei einem Treffen in Neu-Delhi im Jahr 2018. Indien ist durch mehrere internationale Organisationen und Bündnisse mit Russland verbandelt. Die wohl wichtigsten darunter sind die Zusammenkunft der sogenannten BRICS-Staaten und die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). © Imago
König Ibrahim Ismail von Johor aus Malaysia beim Besuch Putins in Russland
Auch Malaysia ist wie Russland Mitglied des BRICS-Staatenbundes. In Begleitung seiner Frau Raja Zarith Sofia reiste König Ibrahim Ismail von Johor nach Russland, um Putin im Kreml zu besuchen. © Imago
Präsident Kassym-Schomart Tokajew unterhält zu Präsident Wladimir Putin eine gute Beziehung
Zur Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) zählt neben Russland unter anderem die Ex-Sowjet-Republik Kasachstan. Das Land teilt sich mit 7644 Kilometern die längste Landgrenze der Welt mit Russland. Präsident Kassym-Schomart Tokajew unterhält zu Putin eine gute Beziehung. Kasachstan bezieht 90 Prozent seiner Waffenimporte aus Russland, das wiederum den in Kasachstan gelegenen Weltraumbahnhof Kosmodrom Baikonur mietet. Beide Länder sind außerdem Mitglied in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). © Imago
Putin und Traoré
Zu Putins engen Verbündeten gehört auch Burkina Fasos Regierungschef Inbrahim Traoré. Am 9. Mai 2025 besuchte er Putin in Moskau (im Bild). „Wir glauben, dass der Terrorismus, den wir heute erleben, vom Imperialismus herrührt, und wir bekämpfen ihn“, sagte er bei einem bilateralen Treffen. In Erinnerung geblieben ist auch eine virale Rede beim Afrika-Gipfel im Jahr 2023 in Russland. Im Beisein Putins machte er damals den Westen dafür verantwortlich, dass Afrika trotz seiner Rohstoffe der ärmste Kontinent sei.  © IMAGO/Mikhail Metzel/Kremlin Pool
Ägypten Militärband Moskau
Mehr als 80 Jahre Diplomatie verbinden Ägypten und Russland. Das Land am Nil ist wirtschaftlich von Moskau abhängig. Auch Putin profitiert von den Verbindungen nach Kairo. Der russische Präsident betrachtet Ägypten als Tor nach Afrika. Im August 2022 war eine ägyptische Militärband in Moskau zu Gast (im Bild). Auch bei der Militärparade zum 80. Jahrestag des Siegs über Nazi-Deutschland am 9. Mai 2025 marschierte eine Einheit aus Ägypten über den Roten Platz.  © Sergei Bobylev/Imago
Laos-einheit in Moskau
Am „Tag des Sieges“ über Nazi-Deutschland am 9. Mai 2025 paradierte auch eine Einheit aus Laos durch Moskau. Angeblich arbeitet Putin derzeit intensiv daran, das Land in den Krieg gegen die Ukraine einzubinden. Im Sommer 2025 begrüßte er den laotischen Präsidenten Thongloun Sisoulith in Moskau. © Ricardo Stuckert/Imago
Turkmenistan Moskau Parade
Turkmenistan schickte ebenfalls eine Einheit nach Moskau. Die zentralasiatische Republik Turkmenistan am Kaspischen Meer gehört auch Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu den am meisten abgeschotteten Staaten der Welt.  © Ricardo Stuckert/Imago
Aleksandar Vucic Putin Netanjahu
Auch der serbische Staatschef Aleksandar Vučić nahm 2025 – wie auch schon 2018 (im Bild) – in Moskau an der Parade vor rund 10.000 Soldaten teil. Die Beziehungen zwischen Serbien und Russland gelten als traditionell freundschaftlich. Belgrad verweigert sich den Sanktionen gegen Russland und hat den Westen für den Ukraine-Krieg verantwortlich gemacht. Zuletzt gab es trotzdem zwischen Moskau und Belgrad Verstimmungen, als der russische Auslandsgeheimdienst Serbien den Verkauf von Munition an die Ukraine vorwarf. © Mikhail Metzel/Imago
Milorad Dodik
Putins wichtigster Mann am Balkan heißt Milorad Dodik (2. von rechts). Der bosnisch-serbische Separatistenführer betreibt seit Jahren die Abspaltung des Landesteils Republika Srpska vom bosnischen Staat. Dodik stimmt sich dabei regelmäßig mit dem russischen Präsidenten ab. © Alexei Nikolsky/Imago
Salva Kiir Putin
Im September 2023 traf sich Putin mit Salva Kiir Mayardit, dem Präsidenten von Südsudan. „Die Welt diktiert, dass niemand allein überleben oder Erfolg haben kann“, sagte Salva Kiir. Zu Putin gewandt meinte er, dass sein Land starke Freunde brauche: „Sie sind einer von ihnen.“ © Valery Sharifulin/Imago
Orban Putin
Ungarns Regierungschef Viktor Orbán ist Putin im Ukraine-Krieg stets treu geblieben. So hat er während der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2024 den bis dahin weitgehend isolierten Kremlchef zum Ärger vieler EU-Länder überraschend in Moskau besucht und sich als Vermittler inszeniert (im Bild). Zugleich nutzt Orbán jede Gelegenheit, um gegen die Ukraine auszuteilen.  © Valeriy Sharifulin/Imago
Putin und Ramaphosa
Ende Juli 2023 war Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa bei Putin zu Gast. Der Kremlchef hatte seine Gäste zum Abschluss eines zweitägigen Afrika-Gipfels in St. Petersburg eingeladen, den er in der russischen Ostsee-Metropole veranstaltete. Südafrika, das mit Russland, China, Indien und Brasilien die Brics-Staatengruppe bildet, wird wegen seiner Russland-Nähe vom Westen mit Skepsis betrachtet.  © Sergei Bobylev/Imago
Peseschkian Putin
Im Januar 2025 war Massud Peseschkian in Moskau zu Besuch. Dabei unterzeichnete Irans Präsident gemeinsam mit Putin ein Abkommen über eine strategische Partnerschaft. Russland und der Iran vertieften damit ihre militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit für die nächsten 20 Jahre.  © Imago
Putin Ortega
Seit vielen Jahren steht Nicaragua an der Seite Putins. Nach dem Aufstand der russischen Privatarmee Wagner gegen die eigene Staatsführung im Juni 2023 schickte auch Präsident Daniel Ortega (hier ein Bild aus dem Jahr 2014) eine Botschaft nach Moskau. In der offiziellen Mitteilung hieß es, Ortega und seine Ehefrau sowie Vizepräsidentin Rosario Murillo übermittelten Putin „unsere Zuneigung in revolutionärer Bruderschaft“. © Cesar Perez/afp
Maduro
Venezuelas Präsident Nicolás Maduro tat es ihm gleich. „Wir senden unsere Umarmung der Solidarität und der Unterstützung an den Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, dem es gelungen ist, einen Versuch des Verrats und des Bürgerkriegs zu bewältigen und seinem Volk den Sieg und den Frieden zu garantieren“, twitterte er damals. © Alexandr Kryazhev/Imago
Putin Goita
Im Juni 2025 verständigten sich Putin und Malis Militärmachthaber Assimi Goïta auf eine bilaterale Kooperation. Russland ist enger Verbündeter von Goïta, der gegen Terrormilizen in Mali auch auf russische Wagner-Söldner setzte. Das Militär hatte sich 2020 und 2021 an die Macht geputscht, die Zusammenarbeit mit Ex-Kolonialmacht Frankreich beendet und sich Moskau zugewandt. © Alexander Kazakov/Imago
Putin Sassou Nguesso Afewerki
Ende Juli 2023 war Putin gemeinsam mit Denis Sassou Nguesso, dem Präsidenten der Republik Kongo (rechts), und dem eritreischen Präsidenten Isaias Afewerki (links) beim Tag der Marine auf der Newa in St. Petersburg unterwegs. Mit ihrem Besuch beim Russland-Afrika-Gipfel konnten die beiden Staatsmänner die Achse zwischen Russland und ihren Ländern noch einmal stärken. © Alexander Kazakov/Imago
Putin Raúl Castro
Ein besonders inniges Verhältnis pflegt Russland zu Kuba. Für die hoch verschuldete Karibikinsel ist Russland einer der engsten Verbündeten und wichtigsten Geldgeber. Der Kreml bezeichnete den sozialistischen Karibikstaat, der den Ukraine-Krieg nicht verurteilt hat, als „sehr wichtigen Partner“. Im Jahr 2014 war Putin beim vormaligen Präsidenten Raúl Castro zu Gast. © Imago
Putin
Der Kremlchef ist seit Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 im Westen weitestgehend isoliert. Umso wichtiger ist ihm der Kontakt zu seinen Verbündeten – den sucht er in vielen Fällen auch per Video. Im Mai 2025 nahm er an einer Sitzung der Kommission für militärisch-technische Zusammenarbeit mit ausländischen Staaten teil.  © Alexander Kazakov/Imago

Laut dem Wall Street Journal habe die Trump-Regierung kürzlich den Verkauf von 3.350 luftgestützten Raketen mit erweiterter Reichweite (Extended Range Active Missile, kurz ERAM) genehmigt. Das gemäß den WSJ-Angaben 850 Millionen US-Dollar umfassende Waffenpaket soll Anfang Oktober die Front erreichen und größtenteils von europäischen Staaten finanziert worden sein. Die Raketen mit erweiterter Reichweite beschreibt der Defense Express als ein Hybrid aus Flugzeugbombe und Marschflugkörper mit einer theoretischen Reichweite: von etwas über 400 Kilometern, einer Fluggeschwindigkeit von mindestens 700 Kilometern pro Stunde und einer Präzision von maximal zehn Metern Abweichung zum anvisierten Ziel.

Donald Trumps ERAM-Coup: Das größte Verkaufsargument ist der relativ niedrige Preis

Als Nutzlast sei ein Gefechtskopf mit einem Gewicht von 260 Kilogramm angegeben; neben seiner „hohen Splitterwirkung“ wird der Rakete auch eine „signifikante Durchschlagsleistung gegen gehärtete Ziele“ attestiert, schreibt Kristóf Nagy. Der Autor des Militärmagazins hartpunkt erinnert daran, dass die USA diese Distanz-Munition entwickelt habe, um der Ukraine eine kostengünstige Verteidigung zu ermöglichen. „Das größte Verkaufsargument für das klamme ukrainische Militär ist der relativ niedrige Preis“, schreibt auch Brandon J. Weichert. Wie er im Magazin The National Interest behauptet, machten diese Eigenschaften ERAM „zu einem potenziell wichtigen Instrument, um die russische Logistik, Kommandozentralen und Marineanlagen im Schwarzen Meer zu stören und so den Einfluss der Ukraine auf umkämpfte Gebiete auszuweiten“. Das Magazin The War Zone schätzt die Waffe auf einen Stückpreis von 300.000 US-Doller.

„Die Dynamik des Krieges begünstigt Russland aufgrund der Erschöpfung der Ukraine, der Rekrutierungsprobleme und der wirtschaftlichen Belastung. ERAM kann diese systemischen Probleme nicht lösen. Es ist nur ein Pflaster für eine tiefere Wunde.“

Brandon J. Weichert, The National Interest

Also endlich der erhoffte Gamechanger im Ukraine-Krieg? Nein, urteilt Weichert. Wie an verschiedenen Medienberichten über die vergangenen Wochen und Monate ablesbar war, habe die Ukraine Russland längst im Rücken der Truppen in den Schützengräben angegriffen; allerdings ohne die erhoffte Wirkung, dass Putins Einheiten an irgendeiner Stelle in sich zusammengefallen wären. „Russland verfügt schlicht über genügend strategische Tiefe, um solchen Angriffen standzuhalten“, so der Autor. Ihm zufolge sei diese Rakete ein Mittel, um den russischen Truppen Verluste beizubringen und in ihre Logistik einzubrechen. Auch die Zahl der jetzt gelieferten Raketen könnte über deren tatsächlichen Einfluss auf das Kriegsgeschehen hinwegtäuschen, so Weichert.

„3.350 Raketen klingen zwar beträchtlich, doch Russlands riesiges Territorium und seine Anpassungstaktiken – wie die Verlagerung von Truppen und die Befestigung von Stellungen – schwächen ihre Wirkung“, schreibt der leitende Redakteur für nationale Sicherheit. Ihn erinnert die Diskussion um die ERAM und die in diese Waffen gesetzten Hoffnungen an die früher von der Ukraine erflehte Lieferung von ATACMS (Army Tactical Missile System). Deren begrenzter Einsatz habe zwar zu taktischen Erfolgen geführt, also einige Scharmützel für die Ukraine entschieden; aber Russlands Überlegenheit in der Zahl artilleristischer Kräfte sowie Artillerie allgemein und dazugehöriger Munition bestünde im Verhältnis unverrückbar fort. Anders ausgedrückt: Wenn die Ukraine ihre ERAM verschossen hat, wird Russland wahrscheinlich immer noch Krieg führen können.

ERAM als Hoffnungsträger im Ukraine-Krieg: „Synergie amerikanischer und ukrainischer Fähigkeiten“

„Die Dynamik des Krieges begünstigt Russland aufgrund der Erschöpfung der Ukraine, der Rekrutierungsprobleme und der wirtschaftlichen Belastung. ERAM kann diese systemischen Probleme nicht lösen. Es ist nur ein Pflaster für eine tiefere Wunde“, schreibt Weichert im National Interest. Dafür erhält er Kontra von Mykhailo Samus: Der sieht im Nebeneinander beziehungsweise Zusammenwirken der US-amerikanischen ERAM und den Marschflugkörpern Flamingo und Neptune die „Synergie amerikanischer und ukrainischer Fähigkeiten“, wie er auf der unabhängigen Online-Plattform New Geopolitics Research Network schreibt. Im Grunde stilisiert der Gründer der Thinktank-Plattform in den ERAM zu so etwas wie „Argumentationshilfen“ – Mittel um die Friedensbemühungen Donald Trumps maßgeblich zu beeinflussen.

Im Fokus des Volkes: Die F-16-Kampfjets der Ukraine bleiben trotz ausbleibender überwältigender Erfolge die Hoffnungsträger des Volkes. Die ERAM-Raketen sollen der Waffen mehr Reichweite verschaffen und Wladimir Putin an den Verhandlungstisch zwingen.

Insofern hält Samus auch die Reichweitenbeschränkung für die ERAM durch die USA für kontraproduktiv. Die USA verlangen von der Ukraine, Angriffe aus russisches Kernland mit vom Westen gelieferten Waffen durch die Trump-Regierung autorisieren zu lassen. „Sollte Putin sich bei Trump darüber beschweren, dass die Ukraine russisches Territorium mit Raketen beschießt, und Trump Kiew auffordern, damit aufzuhören, müsste Putin einem Waffenstillstand zustimmen, und die Ukraine würde ebenfalls ihre Angriffe auf Russland einstellen“, schreibt Samus über die Gleichung, die er für das Ende des Ukraine-Krieges aufmacht. Insofern folgt er der Argumentation, mit der Igor Romanenko jetzt erneut an die Öffentlichkeit gegangen ist.

Doch noch Gripen in den Ukraine-Krieg? Erste Staffel von Flugzeugen „eher früher als später“ geliefert

Während der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar blieb die Lieferung von Gripen-Kampfjets an die Ukraine ein Thema. Breaking Defense berichtete zu der Zeit, dass Micael Johansson davon ausgegangen sei, dass die Ukraine irgendwann mit den schwedischen Tausendsassa-Kampfjets ausgerüstet würde. Möglicherweise mit etwas mehr als einem Dutzend Exemplaren. Laut seiner Äußerung dem Magazin gegenüber, würde zunächst eine langfristige Vereinbarung auf politischer Ebene zu treffen sein bezüglich der Ausbildung der Piloten, Englisch-Kursen und ersten Praxis-Erfahrungen auf der einmotorigen Maschine. „Dies führe dazu, dass eine erste Staffel von Flugzeugen des C/D-Standards ,eher früher als später‘ nach Kiew geliefert werde, wie Breaking Defense den Geschäftsführer des Gripen-Herstellers Saab zitiert hat.

Möglicherweise können die ERAM aber tatsächlich helfen, der russischen Bevölkerung den Krieg deutlicher vor Augen zu führen. Nach Ansicht verschiedener Beobachter gärt das Thema in der russischen Gesellschaft, würde aber nicht thematisiert, weil Putin den Deckel drauf halte, wie eine aktuelle Analyse des Thinktanks Atlantic Council nahe legt. Demnach hätten Putins verschärfte Repressionen und die Menge unerklärlicher Todesfälle unter hochrangigen Offiziellen ein Klima der Angst in der Elite und der Bevölkerung geschaffen, so Brian Whitmore. Der Assistenzprofessor, Podcaster und Moskau-Korrespondent spricht davon, dass die Regierung das Vertrauen der Bevölkerung untergraben und neutrale Gruppen von Regimegegnern effektiv neutralisiert habe.

Bis zu 1,3 Millionen, zum Teil hochgebildete Russen, seien aus dem Land geflohen, um dem Militärdienst oder juristischen Repressionen zu entgehen, so Whitmore. Möglicherweise können die ERAM – selbst in ihrer vergleichsweise geringen Zahl – Russland den Krieg spüren lassen und das Regime in Moskau von innen zersetzen, wie Alexej Jussupow Mitte 2024 nach dem Beschuss von Russlands Territorium beobachtet und für den deutschen Thinktank Friedrich-Ebert-Stiftung festgehalten hat: „Der Krieg kommt nach Hause; der Kreml kann seine Sicherheitsversprechen nicht einhalten. Dies ist in der Tat eine wirksame Botschaft, da der Beschuss von Belgorod und anderen grenznahen Orten in der Vergangenheit die lokale Bevölkerung durchaus in Krisenstimmung versetzt hat.“

Rubriklistenbild: © IMAGO/Senior Airman Duncan C. Bevan/U.S Airforce

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