VonKarsten-Dirk Hinzmannschließen
3.350 Marschflugkörper gehen an die Ukraine-Front. Die USA liefern, der Westen finanziert – und Selenskyj soll bewilligen lassen, wohin er schießen darf.
Washington D.C. – „Präsident Trump hat deutlich gemacht, dass der Krieg in der Ukraine beendet werden muss“, sagt Karoline Leavitt. Laut dem Wall Street Journal (WSJ) verneine die Pressesprecherin des Weißen Hauses jedoch, die USA würden daraus derzeit eine Änderung ihrer Haltung im Ukraine-Krieg ableiten. Dennoch stellt sich Donald Trump aktuell klar gegen Wladimir Putins völkerrechtswidrigen Krieg; Wolodymyr Selenskyj kann kurz durchschnaufen.
ERAM für Selenskyj: „Auch dieser Deal macht Donald Trump nicht verlässlicher“
Dem Wall Street Journal zufolge habe die Trump-Regierung jetzt den Verkauf von 3.350 luftgestützten Raketen mit erweiterter Reichweite (Extended Range Active Missile, kurz ERAM) genehmigt. Das gemäß den WSJ-Angaben 850 Millionen Dollar umfassende Waffenpaket soll in sechs Wochen die Front erreichen und größtenteils von europäischen Staaten finanziert worden sein. „Auch dieser Deal macht Donald Trump nicht verlässlicher“, hatte die Zeit bereits im Juli formuliert, als Donald Trump nach einem zuvor verkündeten Stopp doch wieder Waffen an die Ukraine liefern wollte. Nach seiner Abkehr von der umfangreichen Unterstützung der Ukraine durch die Vorgängerregierung unter dem Demokraten Joe Biden changiert der 47. Präsident der USA in seiner Stimmung deutlich.
Trump und Putin: Die Geschichte ihrer Beziehung in Bildern




Die Raketen mit erweiterter Reichweite beschreibt der Defense Express als ein Hybrid aus Flugzeugbombe und Marschflugkörper mit einer theoretischen Reichweite: von etwas über 400 Kilometern, einer Fluggeschwindigkeit von mindestens 700 Kilometern pro Stunde und einer Präzision von maximal zehn Metern Abweichung zum anvisierten Ziel. Als Nutzlast sei ein Gefechtskopf mit einem Gewicht von 260 Kilogramm angegeben; neben seiner „hohen Splitterwirkung“ wird der Rakete auch eine „signifikante Durchschlagsleistung gegen gehärtete Ziele“ attestiert, schreibt Kristóf Nagy. Der Autor des Militärmagazins hartpunkt erinnert daran, dass die USA diese Distanz-Munition entwickelt hat, um der Ukraine eine kostengünstige Verteidigung zu ermöglichen.
„Ein hochrangiger Offizieller des Weißen Hauses sagte jedoch, Trump könne seine Meinung hinsichtlich der Unterstützung erweiterter Offensivoperationen gegen Russland ändern.“
Laut der ukrainischen Medienplattform United24 erwachse den Verteidigern aufgrund der neuen Munition jetzt ein erweiterter Handlungsspielraum. „In den letzten Monaten haben die ukrainischen Streitkräfte ihre Angriffe auf die Eisenbahn intensiviert – die wichtigste Transportader des russischen Militärs. Ein großer Nachschub an Raketen könnte diesen Kanal für den Transport von Gütern und Waffen an die Front lahmlegen“, schreibt Autor Illia Kabachynskyi. Ihm zufolge seien dank der flugzeuggestützten Raketen alle von Russland okkupierten Territorien sowie die Krim erreichbar; „sodass die Ukraine russische Militärkonzentrationen, Depots, Eisenbahninfrastruktur, Versorgungswege sowie Luftabwehr- und Radarsysteme angreifen kann. Auch Flugplätze und Startplätze für Shahed-Drohnen wären gefährdet“, schreibt Kabachynskyi.
ERAM geben Ukraine Schlagkraft: Bedrohung durch die schwere russische Luftabwehr wäre gemildert
Allein dafür sei die Extended Range Attack Munition entwickelt worden, schrieb Joseph Trevithick Mitte 2024, nachdem die US-Luftwaffe im Januar 2024 ihre erste öffentliche Ausschreibung für diese Waffe veröffentlicht hatte: eine Gut-und-Günstig-Lösung für mehr Schlagkraft sollte sie werden. Der Autor von The War Zone hatte prognostiziert, die ERAM-Rakete würde ukrainischen Piloten mehr Handhabe verleihen für Angriffe auf Ziele weit hinter der Frontlinie. Sie könnten aus größerer Entfernung feuern und ihre Verwundbarkeit gegen die starke Bedrohung durch die schwere russische Luftabwehr wäre gemildert. TWZ-Autor Trevithick vermutet, dass Piloten der ukrainischen Luftwaffe feindliche Streitkräfte oder feindliche statische Ziele auch dann noch aus beträchtlicher Entfernung treffen könnten, wenn sie die Waffen in geringerer Höhe abfeuerten, um besser vor potenzieller Lebensgefahr geschützt zu sein.
Darauf könnte die Munition durch Antriebssystem und Flugprofil justiert werden, glaubt er. Allerdings macht The War Zone auch darauf aufmerksam, dass mit der aktuellen Munitionslieferung allein der Ukraine-Krieg kaum zu gewinnen sein wird. Aufgrund der zwischen Donald Trump, Wladimir Putin und Wolodymyr Selenskyj festgefahrenen Bemühungen wenigstens um ein Pausieren des Tötens wird weit mehr vonnöten sein als diese Lieferung. Neben dieser großen Zahl von Sprengkörpern fehlt der Ukraine Planbarkeit, um Strategien an den einzelnen Frontabschnitten zu entwickeln. „Die ukrainische Luftwaffe benötigt derzeit eindeutig mehr Munition, und stabile Lieferketten sind für nachhaltige Operationen von entscheidender Bedeutung“, schreibt Trevithick.
Trump dealt trickreich: „Pentagon blockierte stillschweigend ukrainische Langstreckenraketenangriffe“
Die Abhängigkeit von Trump könnte insofern zur Fußangel für Selenskyj werden. Würden Soldaten der Ukraine in der Hoffnung auf die ERAM ihre Offensiven intensivieren und dann doch wieder links liegen gelassen von der US-Regierung, dann würden Selenskyjs Truppen letztendlich umsonst gestorben sein. „Dass er sich jetzt wieder einzureihen scheint in die Reihe der Verbündeten, macht ihn nicht zu deren überzeugtem Vertreter“, warnte Johanna Roth. Im Gegenteil: Er hätte auch jetzt wieder getan, was er am liebsten macht: einen Deal abschließen. Allerdings kommt der wieder mit einem möglichen Pferdefuß, worauf das Wall Street Journal hingewiesen hat.
Möglicherweise resultiert dieser ERAM-Deal auch aus Trumps Frust über Putins Hartleibigkeit gegenüber Verhandlungen beziehungsweise einem Nicht-Abrücken von seinen Maximalforderungen. Allerdings bleibt auch jetzt verboten, dass die Ukraine feuern könne, worauf sie wolle. Das russische Kernland sei immer noch tabu, so das WSJ. „Mehrere US-Offizielle erklärten, der Einsatz der ERAM mit einer Reichweite zwischen 240 und 450 Kilometern erfordere die Genehmigung des Pentagons nach Anfrage durch die Ukraine“, schreiben die WSJ-Autoren Alexander Ward, Michael R. Gordon und Lara Seligman: „Pentagon blockierte stillschweigend ukrainische Langstreckenraketenangriffe auf Russland“, titelt das Wall Street Journal über einen Status quo, der vom Wechsel des demokratischen Präsidenten Joe Biden zum Republikaner Donald Trump konserviert worden ist. Dieser Zustand hält offenbar weiterhin an.
Die Ukraine könne Russland nicht besiegen, wenn sie in dem Krieg, der seit der Invasion Moskaus bereits mehr als drei Jahre andauert, nicht „in die Offensive gehen“ könne, zitiert das WSJ, einen Beitrag, den Donald Trump auf Social Media veröffentlicht haben soll. „Es ist sehr schwer, wenn nicht unmöglich, einen Krieg zu gewinnen, ohne das einfallende Land anzugreifen“, schrieb er. „Es gibt keine Chance, zu gewinnen!“ Johanna Roth hatte in der Zeit eben in solchen Aussagen „ein gewaltiges Risiko für alle Verbündeten“ festgestellt. Donald Trumps Politik scheint stark von seiner Tagesform bestimmt zu sein – was, laut des Wall Street Journals auch seine Mitarbeiter bestätigt haben sollen.
Putin am Drücker: Ausgeschlossen bleibt damit auch eine Lieferung des deutschen Taurus-Marschflugkörpers
Denen zufolge habe Trumps Aussage in den Sozialen Medien keinen Politikwechsel signalisiert; weder hätte der Präsident Überprüfungsmechanismen des Pentagons ausgehebelt noch die Ukraine zum Einsatz von ATACMS (Army Tactical Missile System) oder anderen westlichen Langstreckensystemen ermutigt, so das WSJ. „Ein hochrangiger Offizieller des Weißen Hauses sagte jedoch, Trump könne seine Meinung hinsichtlich der Unterstützung erweiterter Offensivoperationen gegen Russland ändern“, schreibt das Blatt. Trotz der Lieferung von ERAM bleibt das Hü und Hott der US-amerikanischen Außenpolitik gegenüber Russland bestehen.
🇺🇸🇺🇦 The Trump administration has approved the sale of 3,350 ERAM cruise missiles to Ukraine, set to arrive within six weeks
— DD Geopolitics (@DD_Geopolitics) August 23, 2025
▪️Range: 150–280 miles (241–450 km)
▪️Each use requires Pentagon approval
▪️Total value: $850M
▪️Majority of costs covered by European allies
▪️Package… pic.twitter.com/6JgIvDvvno
Ausgeschlossen bleibt damit auch eine Lieferung des deutschen Taurus-Marschflugkörpers, die Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) von einem Gleichklang der Interessen der Nato-Partner abhängig gemacht hat. Wladimir Selenskyj hat sich also erneut eine minimale Unterstützung aus dem Westen abgetrotzt. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth bliebe prinzipiell der Herr über die anvisierten Ziele der Ukraine. Laut dem Kiyv Independent hätte Selenskyj im Gegenzug für mögliche Sicherheitsgarantien angeboten, US-Waffen im Wert von 90 Milliarden Dollar zu kaufen. Trump dagegen intensiviert offenbar seine Bemühungen um die Vermittlung von Frieden zwischen beiden Gegnern.
Insofern könnte Trump der Deal mit der Ukraine trotz seines vermeintlichen Erfolges sauer aufstoßen. Zeit-Autorin Johanna Roth hatte nach den ersten vergeblichen diplomatischen Einflüsterungsversuchen gegenüber Wladimir Putin den Stab über den US-Präsidenten gebrochen. Der Verkauf der ERAM muss insofern erneut als eher schlechte Lösung für alle zu werten sein; was Roths damaligem Urteil Bestand verleiht: „Und für Trump selbst ist es ein Zeichen des Scheiterns, hatte er es doch so dargestellt, als sei er allein in der Lage, Putin den nötigen Respekt einzuflößen.“
Rubriklistenbild: © Mandel Ngan/AFP)

