Israel ist hochgerüstet, doch eine Bodenoffensive gegen die Hamas würde viele Opfer fordern - zivil wie militärisch.
Jerusalem – In den nächsten 24 Stunden sollen etwa 1,1 Millionen Menschen Gaza-Stadt verlassen, so die Aufforderung des israelischen Militärs (IDF). Man werde danach „mit signifikanten Kräften“ in der Stadt operieren, sagte Armeesprecher Jonathan Conricus in einem per X verbreiteten Video am Freitagmorgen. Ägypten hält die Grenze zum Gazastreifen weiter geschlossen. Israel ebenfalls.
Die Hinweise verdichten sich, dass die Israels Armee nach den blutigen Terroranschlägen der Hamas bald mit Bodentruppen gegen die Terrorgruppe im Gazastreifen vorgehen wird. Die IDF sind eine der modernsten Armeen der Welt und Hamas wohl gefährlichste Waffe ist der Gazastreifen selbst.
Hamas-Raketen produziert im Gazastreifen
Nach einer Analyse der Denkfabrik „International Institut for Strategic Studies“ (IISS) kämpfen circa 20.000 Mann für die Hamas. Israelische Schätzungen gehen von 30.000 aus. Als die Hamas am vergangenen Samstag israelische Zivilisten angriff, nutzte sie motorisierte Paraglider und mit Handgranaten bewaffnete Drohnen. Das berichtet die Nachrichtenagentur Associated Press (AP).
Israel spricht zudem von über 5.000 von der Hamas abgefeuerten Raketen. In der Analyse des IISS heißt es, der israelische Geheimdienst schätzte 2021 das Raketenarsenal auf 30.000. Die meisten würden inzwischen im Gazastreifen produziert werden.
Hamas-Tunnelsystem gefährlich für die Israelis
Zudem gehen die Analysten davon aus, dass die Terrorgruppe über satellitengesteuerte Lenkwaffen, sogenannte Kamikaze-Drohnen sowie zu Waffen umgebaute zivile Drohnen. Letztere zeigten sich zuletzt im Ukraine-Krieg als höchst effektiv. Doch die für die möglichste IDF-Offensive gefährlichste Waffe ist wohl das Tunnelsystem, das die Hamas unter dem Gazastreifen errichtet hat. Man müsse im Häuserkampf grundsätzlich „dreidimensional“ und im Fall von Gaza auch „nach unten denken“, sagte ein anonymer Fallschirmjägeroffizier der Bundeswehr dem ZDF.
Geiseln und palästinensische Zivilisten – Das Dilemma der Israelis
Das Dilemma, in dem die IDF jetzt steckt, ist dem Offizier nach dieses: „Artillerie und Luftschläge retten eigene Soldaten, sind aber nicht geeignet, um den Feind endgültig zu zerschlagen und kosten irrsinnige zivile Kollateralschäden. An einem hochintensiven und für die eingesetzten Soldaten verlustreichen Kampf führt also kein Weg vorbei.“ Die Hamas benutze Zivilisten als „menschliche Schutzschilde“. Das IISS weist zusätzlich auf die Gefahr für die weit über 100 Geiseln hin, die von den Terroristen in den Gazastreifen verschleppt wurden.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
In Israel gebe es eine Debatte, mit der Bodenoffensive abzuwarten, bis die Geiseln befreit seien, sagte beispielsweise die Autorin Deborah Feldmann kürzlich in einer „Markus Lanz“-Runde. Gleichzeitig bestehe die Notwendigkeit, Israel als Schutzraum für Juden weltweit zu verteidigen. Im israelischen Kibbutz Be‘eri zeigte sich im Verlauf der Woche, wie brutal der Hamas-Terror gegen die Zivilbevölkerung war.
Trainingscamp „Mini-Gaza“: Israel ist vorbereitet
Am Dienstag berief das israelische Militär circa 360.000 Reservistinnen und Reservisten ein. Nach IDF-Angaben und Medienberichten sammeln sich gerade Kampfverbände an der Grenze zum Gazastreifen und im Norden an den Grenzen zum Libanon und Syrien. Israelische Soldaten gelten als gut für den Häuserkampf ausgebildet. So betreibt Israel ein 24 Hektar großes Trainingsgelände für genau diese Situation. Soldaten dort nennen es der Times Of Israel zufolge „Mini-Gaza“. Dem Bundeswehr-Offizier zur Folge werde trotzdem zu vielen „Verwundeten und Gefallenen“ kommen.
Islamistische Hisbollah und die Gefahr der zweiten Front
Im Nordisrael besteht zudem die Gefahr einer zweiten Front, gegen die deutlich schwerer bewaffnete islamistische Hisbollah-Miliz. Die wird vom Iran unterstützt und verfügt Schätzungen der US-Regierung nach über mehr als 150.000 Raketen und Mörser. Am Donnerstag bombardierte Israel zwei syrische Flughäfen - nach eigenen Angaben, um iranische Waffenlieferungen an die Miliz zu stoppen. Die USA entsandten einen Flugzeugträger ins östliche Mittelmeer mit dem Ziel, Iran und die Hisbollah von einem Angriff auf Israel abzuschrecken.