Großbritannien

Truss gegen Sunak: Kampf um Johnson-Nachfolge endet in Wembley

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Die Suche nach der Nachfolge von Premier Johnson hat Spuren hinterlassen in der Tory-Partei. Nun stellen sich die Kandidat:innen zum letzten Mal den Mitgliedern.

London – In Großbritannien steigt das Finale, wie es sich für einen großen Anlass gehört, in Wembley. Zwar werden Liz Truss und Rishi Sunak nicht im sagenumwobenen Fußballstadion gegeneinander antreten, mit Zehntausenden Parteimitgliedern auf den Tribünen. Aber auch in der Veranstaltungshalle Wembley Arena gleich nebenan dürfte die Stimmung hochkochen, wenn sich die beiden Bewerber:innen um die Nachfolge des britischen Premierministers Boris Johnson am Mittwochabend (31. August) zum letzten Mal den Mitgliedern der Konservativen Partei stellen.

Der letzte Eindruck zählt, die Stimmabgabe endet am Freitag (2. September). Am Montag (5. September) soll dann verkündet werden, wer in die Downing Street einzieht. Endlich, sagen viele Menschen in Großbritannien. Denn der Dauer-Wahlkampf, der mit Johnsons Rückzugsankündigung am 7. Juli begonnen hatte, lähmt das Land zu einem Zeitpunkt, an dem es dringend Führung benötigt.

Die Inflation über 10 Prozent und steigend, die Energiepreise vermutlich bald vervierfacht, der Brexit noch längst nicht überwunden, dazu der Ukraine-Krieg. Das sind nur die absoluten Top-Themen, mit denen sich die neue Premierministerin oder der neue Premierminister von Tag eins an beschäftigen muss.

Rishi Sunak und Liz Truss während einer Fernsehdebatte über die Führung der Konservativen Partei am 25. Juli.

Die oder der neue Premier von Großbritannien: Der größte Gegner wird Boris Johnson

Natürlich kommen aber noch interne Sorgen hinzu. Die größte Herausforderung für die Neue oder den Neuen in der Downing Street heiße Boris Johnson, meint der Politologe Matthew Flinders von der Universität Sheffield. Denn der scheidende Premierminister sieht sich zu Unrecht aus dem Amt gejagt. Johnson werde nicht schweigend von der Bühne verschwinden, sagte Flinders im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Dass die Neue Liz Truss heißen wird, glauben die meisten, die das Rennen verfolgen. Wiederholt lag die 47-Jährige in Umfragen so deutlich vor Sunak, dass dessen Sieg mittlerweile einer Sensation gleich käme. Woran sich der 42-Jährige noch klammern kann, ist, dass Meinungsforscher:innen oft betonen, wie schwer es ist, die Stimmung in der Konservativen Partei zu ermitteln. Denn die Torys stellen der Öffentlichkeit keine Unterlagen zu ihren Mitgliedern zu Verfügung.

Es ist nicht einmal bekannt, wie viele Menschen genau an der Abstimmung teilnehmen dürfen. Schätzungen gehen von bis zu 200.000 Parteimitgliedern aus, die über die oder den nächsten Premier entscheiden. Das sind rund 0,3 Prozent der Gesamtbevölkerung – vornehmlich weiß, männlich, über 60 und aus dem wohlhabenderen Südengland. Diese Gruppe scheint Truss überzeugt zu haben. Einen „Hochsprung“ nennt Experte Flinders diesen Teil des Wettkampfs: „Sie muss über eine sehr hohe Latte springen, um die Wahl zur Parteichefin zu gewinnen.“

Boris Johnson: Mit Skandalen an die Spitze

Die Rivalität zwischen England und Deutschland ist im Fußball nichts Neues. Diese Rivalität nahm sich Boris Johnson im Jahr 2006 offenbar besonders zu Herzen, als er in einem Benefizspiel den ehemaligen deutschen Nationalspieler Maurizio Gaudino foulte. Dabei setzte Johnson allerdings nicht mit den Füßen zur Grätsche an, sondern ging, ähnlich wie ein Ziegenbock, mit dem Kopf voran gegen Gaudino vor.
Die Rivalität zwischen England und Deutschland ist im Fußball nichts Neues. Diese Rivalität nahm sich Boris Johnson im Jahr 2006 offenbar besonders zu Herzen, als er in einem Benefizspiel den ehemaligen deutschen Nationalspieler Maurizio Gaudino foulte. Dabei setzte Johnson allerdings nicht mit den Füßen zur Grätsche an, sondern ging, ähnlich wie ein Ziegenbock, mit dem Kopf voran gegen Gaudino vor. © YouTube Screenshot
Um die anstehende Rugby-WM in Japan zu werben, erklärt sich der damalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson auf einem Besuch in Tokio zu einem „lockerem“ Rugby-Spiel bereit. Einer seiner Gegner: der 10-jährige Toki Sekiguchi. Dass Johnson beim Sport keine Freunde kennt, musste neben Gaudino auch der junge Japaner erfahren. „Es hat zwar ein bisschen wehgetan, aber so schlimm war es auch nicht“, sagte der 10-Jährige im Anschluss über Johnsons Tackle.
Um die anstehende Rugby-WM in Japan zu werben, erklärt sich der damalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson auf einem Besuch in Tokio zu einem „lockerem“ Rugby-Spiel bereit. Einer seiner Gegner: der 10-jährige Toki Sekiguchi. Dass Johnson beim Sport keine Freunde kennt, musste neben Gaudino auch der junge Japaner erfahren. „Es hat zwar ein bisschen wehgetan, aber so schlimm war es auch nicht“, sagte der 10-Jährige im Anschluss über Johnsons Tackle. © Imago
Auch als Großbritannien die erste Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 2012 in London holte, schaffte es der amtierende Bürgermeister, sich ebenfalls ins Rampenlicht zu drängen. Boris Johnson stahl den Athlet:innen jedoch nicht etwa bei einer offiziellen Gratulation die Show, sondern als er im Victoria Park eine neue Attraktion ausprobieren wollte. Doch die Zip-Line-Konstruktion funktionierte nicht wie gewünscht, Johnson verhedderte sich und blieb mitten in der Luft hängen – zur Belustigung der Parkbesucher:innen.
Auch als Großbritannien die erste Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 2012 in London holte, schaffte es der amtierende Bürgermeister, sich ebenfalls ins Rampenlicht zu drängen. Boris Johnson stahl den Athlet:innen jedoch nicht etwa bei einer offiziellen Gratulation die Show, sondern als er im Victoria Park eine neue Attraktion ausprobieren wollte. Doch die Zip-Line-Konstruktion funktionierte nicht wie gewünscht, Johnson verhedderte sich und blieb mitten in der Luft hängen – zur Belustigung der Parkbesucher:innen. © YouTube Screenshot
Seit Jahren besitzt Boris Johnson den Ruf des Tollpatschs. Einige politische Beobachter:innen theoretisieren sogar, dass der britische Premierminister absichtlich das Bild des unschuldigen Trampels abgibt, um unterschätzt zu werden. Boris Johnsons wilde Frisur würde dieses Bild jedenfalls vervollständigen.
Seit Jahren besitzt Boris Johnson den Ruf des Tollpatschs. Einige politische Beobachter theoretisieren sogar, dass der britische Premierminister absichtlich das Bild des unschuldigen Trampels abgibt, um unterschätzt zu werden. Boris Johnsons wilde Frisur würde dieses Bild jedenfalls vervollständigen.  © Imago
Boris Johnson, damals noch Bürgermeister von London, beim Tauziehen für den guten Zweck. Hier zeigte sich der amtierende Premierminister Großbritanniens wieder einmal von seiner tollpatschigen Seite. Zu seiner Verteidigung sei jedoch gesagt, dass das Wetter an jenem Tag – wie für England oft üblich – für Nässe sorgte.
Boris Johnson, damals noch Bürgermeister von London, beim Tauziehen für den guten Zweck. Hier zeigte sich der amtierende Premierminister Großbritanniens wieder einmal von seiner tollpatschigen Seite. Zu seiner Verteidigung sei jedoch gesagt, dass das Wetter an jenem Tag – wie für England oft üblich – für Nässe sorgte. © Imago
Der Luxusurlaub auf der Insel Mustique bildet nur einen von vielen Skandalen des Boris Johnson. An Weihnachten 2019 verschwand der Premierminister gemeinsam mit seiner Verlobten für einige Tage in die Karibik. Rund 17.000 Euro soll die Reise gekostet haben, doch wer hat die überhaupt finanziert? Johnson geriet in Bedrängnis und behauptete später, dass ein Spender der konservativen Partei den Trip bezahlt hätte.
Der Luxusurlaub auf der Insel Mustique bildet nur einen von vielen Skandalen des Boris Johnson. An Weihnachten 2019 verschwand der Premierminister gemeinsam mit seiner Verlobten für einige Tage in die Karibik. Rund 17.000 Euro soll die Reise gekostet haben, doch wer hat die überhaupt finanziert? Johnson geriet in Bedrängnis und behauptete später, dass ein Spender der konservativen Partei den Trip bezahlt hätte. © Imago
Gefüllte Gläser, sich zuprostende Menschen und mittendrin der britische Premierminister: Eigentlich ein ganz normales, unschuldiges Foto – wenn nicht gerade die Corona-Pandemie scharfe Maßnahmen, wie etwa das Vermeiden von Ansammlungen, gefordert hätte. Wie Boris Johnson später eingestanden hatte, lud er unter anderem zu seiner Geburtstagsfeier ein. Die „Partygate-Affäre“ bescherte dem Premier ein Misstrauensvotum, welches er allerdings für sich entscheiden konnte.
Gefüllte Gläser, sich zuprostende Menschen und mittendrin der britische Premierminister: Eigentlich ein ganz normales, unschuldiges Foto – wenn nicht gerade die Corona-Pandemie scharfe Maßnahmen, wie etwa das Vermeiden von Ansammlungen, gefordert hätte. Wie Boris Johnson später eingestanden hatte, lud er unter anderem zu seiner Geburtstagsfeier ein. Die „Partygate-Affäre“ bescherte dem Premier ein Misstrauensvotum, welches er allerdings für sich entscheiden konnte. © Sue Gray Report/Cabinet Office
Die Beamte Sue Gray attestierte Boris Johnson nach den illegalen Feiern im Londoner Regierungssitz sowohl Führungsversagen als auch fehlendes Urteilsvermögen. „Viele dieser Events hätten nicht zugelassen werden dürfen“, schrieb Gray in ihrem Bericht, der noch heute im Internet vollständig zur Verfügung gestellt wird. Für viele Brit:innen stellte die „Partygate-Affäre“ einen besonders großen Skandal dar, da die Bevölkerung monatelang mit den scharfen Corona-Maßnahmen vorlieb nehmen mussten.
Die Beamte Sue Gray attestierte Boris Johnson nach den illegalen Feiern im Londoner Regierungssitz sowohl Führungsversagen als auch fehlendes Urteilsvermögen. „Viele dieser Events hätten nicht zugelassen werden dürfen“, schrieb Gray in ihrem Bericht, der noch heute im Internet vollständig zur Verfügung gestellt wird. Für viele Briten stellte die „Partygate-Affäre“ einen besonders großen Skandal dar, da die Bevölkerung monatelang mit den scharfen Corona-Maßnahmen vorlieb nehmen mussten. © WIktor Szymanowicz/Imago
Anfang 2022 sah sich Boris Johnson Korruptionsvorwürfen ausgesetzt, nachdem ein Austausch von WhatsApp-Nachrichten zwischen ihm und dem wohlhabenden Parteispender David Brownlow veröffentlicht worden war. In dem Chat hatte der Premier um die Freigabe finanzieller Mittel für die Luxus-Renovierung seiner Dienstwohnung in der Londoner Downing Street gebeten. Berichten zufolge sollen sich die Renovierungskosten auf rund 112.000 Pfund belaufen haben. Wer genau den Luxusumbau bezahlt hat, blieb unklar. Wegen einer nicht ordnungsgemäß deklarierten Parteispende musste Johnsons Tory-Partei schlussendlich eine Strafe von 20.000 Pfund zahlen.
Anfang 2022 sah sich Boris Johnson Korruptionsvorwürfen ausgesetzt, nachdem ein Austausch von WhatsApp-Nachrichten zwischen ihm und dem wohlhabenden Parteispender David Brownlow veröffentlicht worden war. In dem Chat hatte der Premier um die Freigabe finanzieller Mittel für die Luxus-Renovierung seiner Dienstwohnung in der Londoner Downing Street gebeten. Berichten zufolge sollen sich die Renovierungskosten auf rund 112.000 Pfund belaufen haben. Wer genau den Luxusumbau bezahlt hat, blieb unklar. Wegen einer nicht ordnungsgemäß deklarierten Parteispende musste Johnsons Tory-Partei schlussendlich eine Strafe von 20.000 Pfund zahlen. © Tolga Akmen/Imago
Auf der UN-Klimakonferenz 2021 in Glasgow zeigten Fotos den britischen Premierminister gelangweilt, mit geschlossenen Augen – und ohne Mund-Nasen-Schutz. Boris Johnsons Büro verteidigte den Premier anschließend und stützte sich auf einen angeblichen, erneuerten Corona-Schutzplan der Veranstaltung, in dem es geheißen haben soll, man dürfe seinen Mund-Nasen-Schutz am Sitzplatz abnehmen. Naturforscher Sir David Attenborough, rechts neben Johnson, wollte sich nicht zu der Situation äußern.
Auf der UN-Klimakonferenz 2021 in Glasgow zeigten Fotos den britischen Premierminister gelangweilt, mit geschlossenen Augen – und ohne Mund-Nasen-Schutz. Boris Johnsons Büro verteidigte den Premier anschließend und stützte sich auf einen angeblichen, erneuerten Corona-Schutzplan der Veranstaltung, in dem es geheißen haben soll, man dürfe seinen Mund-Nasen-Schutz am Sitzplatz abnehmen. Naturforscher Sir David Attenborough, rechts neben Johnson, wollte sich nicht zu der Situation äußern. © Jeff J Mitchell/afp
Nur ein Foto von vielen, welches Boris Johnson mit einem Bier in der Hand zeigt. Trotz zahlreicher Skandale hat der konservative Politiker immer wieder Grund zum Feiern gehabt: wie etwa der Aufstieg zum Londoner Bürgermeister, das Amt des britischen Außenministers, sowie die spätere Ernennung zum Premierminister. Zuletzt hatte Johnson ein Misstrauensvotum gegen sich gewonnen. Ob er sich weiterhin im Amt halten kann, wird die Zukunft zeigen.
Nur ein Foto von vielen, welches Boris Johnson mit einem Bier in der Hand zeigt. Trotz zahlreicher Skandale hat der konservative Politiker immer wieder Grund zum Feiern gehabt: wie etwa der Aufstieg zum Londoner Bürgermeister, das Amt des britischen Außenministers, sowie die spätere Ernennung zum Premierminister. Zuletzt hatte Johnson ein Misstrauensvotum gegen sich gewonnen. Ob er sich weiterhin im Amt halten kann, wird die Zukunft zeigen. © Henry Nicholls/Imago

Liz Truss ist Favoritin auf die Johnson-Nachfolge: „Muss zeigen, dass sie tanzen kann“

Doch schwierig sei vor allem der folgende „Weitsprung“, bei der die amtierende Außenministerin eine weit größere Gruppe von sich überzeugen müsse, sagte der Politologe. Das könnte deutlich schwieriger werden, denn der bisher von Truss gefahrene rechtskonservative Kurs dürfte in vielen Gebieten Englands und erst recht in den traditionell Tory-kritischen Landesteilen Schottland und Wales nicht ankommen. Nötig ist auch frischer Wind beim Personal. „Sie wird von Johnson eines der leichtgewichtigsten, unerfahrensten Kabinette der jüngeren Geschichte erben“, betonte Guardian-Kolumnist Simon Jenkins. Johnson habe seine Minister:innen stets wie einen zusammengeschusterten Fanclub behandelt.

Darüber hinaus gilt Truss bisher als eher ungelenk bei öffentlichen Auftritten. Der Unterschied zum Populisten Johnson, der mit seiner jovialen Art in Pubs und auf Sportplätzen gut ankommt, ist immens. „Sie muss zeigen, dass sie tanzen kann“, sagte Matthew Flinders. Etwa, ob sie mit den Leuten auf der Straße klarkomme. Etwas Zeit hat sie allerdings noch: Die nächste Parlamentswahl muss spätestens im Januar 2025 stattfinden. Nach der skandalerschütterten Ära Johnson liegen die Torys allerdings in Umfragen hinter der Labour-Partei. (nak/dpa)

Rubriklistenbild: © Jacob King/dpa/PA Wire

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