Koalitionsvertrag steht: SPD und BSW wollen regieren – die wichtigsten Punkte
VonJens Kiffmeier
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Dietmar Woidke bleibt Ministerpräsident in Brandenburg: SPD und BSW haben sich auf einen Koalitionsvertrag geeinigt. Doch was steht im Programm? Die Kurzfassung.
Potsdam – Für das Bündnis von Sahra Wagenknecht ist es ein rasanter Aufstieg: Innerhalb weniger Monate nach der Gründung kann die neue Partei mitregieren. In Brandenburg einigte sich das BSW mit der SPD auf einen Koalitionsvertrag. Die Verhandlungen waren auf den letzten Metern von politischen Spannungen geprägt, insbesondere durch den BSW-Abgeordneten Sven Hornauf, der die Gespräche beinahe im Schlussspurt noch zum Scheitern gebracht hätte. Doch am Mittwochnachmittag wurde der Vertrag auf einer Pressekonferenz in Potsdam offiziell vorgestellt. Es ist eine historische Einigung, denn zum ersten Mal will eine rot-lila geführte Landesregierung antreten.
Koalitionsvertrag steht: Woidke und Wagenknecht loben BSW und SPD in Brandenburg
BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht zeigte sich in einer ersten Reaktion zufrieden mit dem Koalitionsvertrag mit der SPD in Brandenburg und den dort vereinbarten außenpolitischen Zielen. Das BSW habe Wichtiges erreicht, erklärte die Parteivorsitzende und sparte nicht mit Lob am neuen Koalitionspartner: „Wir konnten in Potsdam erfolgreich verhandeln, weil die SPD bereit war, die Ergebnisse der Landtagswahl ernst zu nehmen und sich auf einen gemeinsamen Neubeginn einzulassen“, sagte Wagenknecht laut der Nachrichtenagentur dpa. Das unterscheide Brandenburg von Sachsen, wo SPD und Teile der CDU eine Zusammenarbeit mit dem BSW „eigentlich gar nicht gewünscht“ hätten.
Ähnlich äußerte sich Amtsinhaber Dietmar Woidke (SPD). Der Ministerpräsident bezeichnete die neue Koalition als Anker in schwierigen Zeiten. „Brandenburg braucht Stabilität und Brandenburg braucht Sicherheit“, sagte er bei der Vorstellung des Koalitionsvertrags. „Es geht darum, für unser Land für die Menschen in Brandenburg das Beste zu erreichen – das ist unser Auftrag.“ Das Ziel sei, Brandenburg in den kommenden Jahren voranzubringen. Er betonte: „Wir wissen, dass es viele Vorbehalte gibt in der Öffentlichkeit.“ Er sei fest überzeugt, dass es gelingen könne.
Nach Brandenburg-Wahl: SPD und BSW einigen sich auf Koalitionsvertrag – was steht drin?
Mit der Einigung auf eine Koalition mit dem BSW ist die Wiederwahl von Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) damit knapp zwei Monate nach der Brandenburg-Wahl gesichert. Beide Parteien räumten die letzten Streitpunkte aus. Die wesentlichen Punkte des Koalitionsvertrags umfassen den Bürokratieabbau und die Förderung der Digitalisierung, um Brandenburg zukunftsfähig zu machen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Entlastung von Eltern mit geringem Einkommen bei den Kita-Beiträgen. Im Bildungsbereich wird der Fokus auf die Grundfertigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen gelegt, wobei die analoge Vermittlung Vorrang haben soll.
Ein zentraler Punkt der Vereinbarung ist die geplante Erhöhung der Polizeistellen auf 9.000. Zudem haben sich die Parteien darauf verständigt, die Krankenhausstandorte in Brandenburg zu erhalten. Diese Einigung war notwendig geworden, nachdem ein Streit über die Krankenhausreform zur Entlassung der Grünen-Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher im Bundesrat geführt hatte. Die rot-schwarz-grüne Koalition zerbrach kurz vor ihrem Ende.
Kurzfassung vom Koalitionsvertrag: Auf dieses Programm haben sich BSW und SPD geeinigt – der Überblick
Doch was will Rot-Lila jetzt anders machen? Angesprochen auf die wichtigsten Unterschiede zur Vorgängerregierung sagte Woidke, dass sich SPD und BSW in Brandenburg vielen neuen Herausforderungen stellen müsste. Ein Schwerpunkt in dem neuen Koalitionsvertrag sei sicherlich die Wirtschaft und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Insgesamt umfasst der Vertrag unter dem Titel „Brandenburg voranbringen – Bewährtes sichern. Neues schaffen“ 68 Seiten. Hier die wichtigsten Punkte in der Kurzfassung:
Wirtschaft und Arbeit: Stärkung des Mittelstandes: KMU werden als tragende Säule der Wirtschaft gesehen. Die Koalition will deren Investitions- und Innovationskraft stärken und den Fokus auf die Bewältigung der Transformation, Zukunftsinvestitionen und wettbewerbsfähige Energiepreise legen. Bürokratieabbau: Entlastung von Unternehmen, Verwaltungen und Bürgern durch die Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren und die Reduzierung von Berichtspflichten. Fachkräftegewinnung: Ermöglichung stabiler Beschäftigungsverhältnisse und Gewinnung von Fachkräften aus anderen Regionen. Stärkung der dualen Ausbildung und Vereinfachung der Anerkennung von Ausbildungsabschlüssen. Gerechte Löhne und Tarifbindung: Aktive Förderung der Tarifbindung und guter Arbeitsbedingungen. Unterstützung eines höheren Mindestlohns und stärkere Kontrolle der Einhaltung.
Energie: Festhalten am Kohleausstieg bis spätestens 2038. Senkung der Energiekosten: Reform des Abgaben- und Umlagesystems, Senkung der Stromsteuer und gerechte Verteilung der Netzentgelte. Ausbau erneuerbarer Energien: Förderung von Windenergie, Solarenergie und Biogas. Etablierung einer Wasserstoffwirtschaft: Schaffung eines Wasserstoffkernnetzes und Förderung der Wasserstoffproduktion.
Bildung: Qualitätsverbesserung in Kitas und Schulen: Fokus auf Kernkompetenzen in der Grundschule, verbindliche Lehrpläne und Stärkung der Berufsorientierung. Beitragfreie Kita und reduzierte Elternbeiträge in Krippe und Hort: Entlastung von Familien und Fokus auf Qualitätssicherung und Fachkräftesicherung. Fachkräftegewinnung in Bildungseinrichtungen: Praxisnahe Ausbildung, innovative Maßnahmen zur Gewinnung und Bindung von Fachkräften.
Soziales, Gesundheit und Integration: Soziales und gerechtes Brandenburg: Ausgeglichene Lebensverhältnisse, Bekämpfung sozialer Schieflagen und Förderung der Teilhabe für alle. Prävention von Kinderarmut: Abbau sozialer Benachteiligungen und Schaffung von Chancengerechtigkeit. Stärkung der Gesundheitsversorgung: Erhalt aller Krankenhausstandorte, Ausbau der ambulanten Versorgung und Förderung der Telemedizin. Migration und Integration: Schutz für Asylberechtigte und gleichzeitig Begrenzung und bessere Steuerung von Migration. Verbraucherschutz: Auskömmliche Förderung der Verbraucherzentrale.
Infrastruktur und Landesplanung: Nachhaltiges Wachstum und gleichwertige Lebensverhältnisse: Vernetzung von Mobilität, Wohnen und Infrastruktur. Zusammenarbeit mit Berlin: Fortsetzung der gemeinsamen Landesplanung und Entwicklung der Hauptstadtregion. Stärkung des ländlichen Raums: Förderung von Dorfgemeinschaften und Erhalt der natürlichen Ressourcen.
Kultur und Medien: Erhalt der vielfältigen Kulturlandschaft: Stärkung der kulturellen Ankerpunkte im ländlichen Raum, Förderung von Musik- und Kunstschulen. Sicherung der Meinungs- und Pressefreiheit: Förderung des Lokaljournalismus und der Medienvielfalt.
Haushalt und Finanzen: Realistische und tragfähige Haushaltspolitik: Absicherung bestehender Verpflichtungen und Priorisierung der politischen Vorhaben.
Koalition in Brandenburg: Sven Hornauf kritisiert Stationierung von Arrow 3
Einfach war die Einigung in Brandenburg nicht. Die Verhandlungen mit dem BSW hingen für die SPD bis zum Schluss an einem seidenen Faden. Der BSW-Abgeordnete Sven Hornauf hatte die Koalitionsgespräche durch seine Kritik an der Stationierung des Raketenabwehrsystems Arrow 3 im Fliegerhorst Holzdorf gefährdet. Hornauf drohte, nicht für Dietmar Woidke als Ministerpräsident zu stimmen. Der BSW-Landesvorsitzende Robert Crumbach versicherte jedoch: „Die Mehrheit steht – auch wenn unklar sein sollte, wie Hornauf abstimmt“, zitierte ihn tagesschau.de. Ohne Hornaufs Unterstützung hätte die Koalition im Landtag nur eine Stimme Mehrheit.
Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ will die deutsche Politik prägen
Die Koalition aus SPD und BSW stellt die einzige realistische Mehrheit im Landtag dar, da keine Partei bereit ist, mit der AfD zu koalieren. Die gescheiterte rot-schwarz-grüne Koalition und die Entlassung von Nonnemacher haben zur aktuellen politischen Konstellation beigetragen. Crumbach betonte, dass die bröckelnde Woidke-Mehrheit nun passé sei.
Wer regiert in Brandenburg? BSW und SPD verteilen Posten der Minister
Zum Personaltableau erzielten beide Parteien auch eine Einigung. Demnach soll die SPD sechs Ministerien plus die Staatskanzlei erhalten. Das BSW bekommt drei Ressorts.
SPD Staatskanzlei Ministerium des Innern und für Kommunales Ministerium für Land- und Ernährungswirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz Ministerium für Bildung, Jugend und Sport Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Klimaschutz Ministerium der Justiz
BSW Ministerium der Finanzen und für Europa Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung Ministerium für Gesundheit und Soziales
Koalition in Brandenburg: Dietmar Woidke soll noch im Dezember zur Wiederwahl stehen
Doch eine endgültige Einigung ist noch nicht perfekt. Parteitage von SPD und BSW in der ersten Dezember-Woche sollen jeweils endgültig über den Vertrag entscheiden. Die Zustimmung gilt aber als sicher, da SPD und BSW in ihren Programmen erhebliche Schnittmengen haben. Sollte alles planmäßig verlaufen, könnte Dietmar Woidke dann am 11. Dezember im Landtag erneut als Ministerpräsident gewählt und vereidigt werden. (jkf/dpa)