Brennendes Dorf im Westjordanland: Radikale Siedler rächen sich für Geisel-Deal
VonMaria Sterkl
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Radikale Israelis überfallen ein palästinensisches Dorf im Westjordanland. Seit Beginn der Waffenruhe in Gaza häufen sich solche Vorfälle.
Al-Funduk – Dutzende vermummte Männer bewegen sich auf das Dorf zu. Auf dem Überwachungsvideo sieht man im Hintergrund die Lichter eines Polizeiwagens. Die Nähe der Sicherheitskräfte lässt die Vermummten nicht davor zurückschrecken, einen Lastwagen und ein Gebäude in Brand zu setzen und danach in aller Ruhe weiterzugehen – zum nächsten Haus, zum nächsten Auto, das attackiert werden wird.
Der Überfall radikaler israelischer Siedler auf das Dorf Al-Funduk im Westjordanland am Montag war die zweite solche Attacke seit dem Inkrafttreten des Geisel-Deals zwischen Israel und der Hamas am Sonntag. Israels Armeesprecher bestätigte am Montag: In Al-Funduk hätten Dutzende Israelis „Ausschreitungen begangen, Besitz in Brand gesetzt und Schaden angerichtet“. Eine Untersuchung des Vorfalls sei eingeleitet worden.
Geisel-Deal zwischen Israel und der Hamas: Siedler wollen „Ordnung schaffen“
Ob dabei auch geklärt wird, warum niemand die Siedlerextremisten am Ausführen ihres Tatplans gehindert hatte, bleibt abzuwarten. Der Polizei und den Geheimdiensten muss bekannt gewesen sein, dass es Montagabend in Al-Funduk brennen würde. Die Täter hatten ihren Angriff auf das Dorf zuvor in mehreren einschlägigen Chatgruppen angekündigt. Sie hatten dazu aufgerufen, zum besagten Zeitpunkt in Al-Funduk „Ordnung zu schaffen“. Trotzdem stießen die Einheiten von Polizei und Armee erst dazu, als die Flammen in Al-Funduk bereits loderten.
Auf den ersten Blick handelt es sich bei dem Übergriff der Extremisten um eine Racheaktion für ein Terrorattentat vor zwei Wochen. Drei Terroristen hatten in Al-Funduk auf ein israelisches Auto gefeuert, danach auch auf einen Bus geschossen. Drei Menschen kamen bei dem Anschlag zu Tode, acht weitere wurden verletzt. In den Chatgruppen hatten die Siedlerextremisten daher dazu aufgerufen, das „Mörderdorf“ zu stürmen.
Einiges deutet aber darauf hin, dass der Terroranschlag den Extremisten eher als Vorwand diente. Denn auch ihnen muss bekannt gewesen sein, dass die drei Attentäter nicht aus Al-Funduk stammten, sondern aus Dschenin. Zudem war die Attacke auf Al-Funduk bereits der zweite verabredete Übergriff binnen drei Tagen: Schon am Sonntagabend waren radikale Siedler in mehreren Dörfern nahe Ramallah eingefallen. Es war jener Abend, an dem 90 Palästinenser:innen aus israelischen Gefängnissen entlassen wurden – als Teil des Deals zwischen Israel und Hamas, durch den am selben Abend drei israelische Geiseln aus Hamas-Gewalt freikamen.
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Die Pläne der radikalen Siedlergruppen waren zu erwarten
Seit Tagen äußerten radikale Siedlergruppen ihren Zorn über die geplante Enthaftung von Palästinenser:innen im Zuge des Deals. Auch die Attacke am Abend zuvor war vorab angekündigt worden. Festnahmen gab es nach den Attacken am Montag vorerst keine, zwei der Täter kamen dabei aber zu Schaden: Die Israelis wurden schwer verletzt, als ein Polizist Schüsse abfeuerte – woraufhin der Polizist wegen unsachgemäßen Waffengebrauchs in vorübergehenden Hausarrest kam.
Der Polizist gab später an, er habe um sein Leben gebangt, da die Extremisten auch auf ihn losgegangen seien. Dass die gewaltbereiten Siedler vor Attacken auf israelische Sicherheitskräfte nicht zurückschrecken, ist bekannt und kommt immer öfter vor. Im Vorjahr trugen 17 Uniformierte bei solchen Angriffen durch gewaltbereite Siedler im Westjordanland sogar Verletzungen davon.
Gewaltsame Übergriffe auf palästinensische Dörfer im Westjordanland ereignen sich fast täglich. Konsequenzen gibt es kaum. Laut der israelischen Menschenrechts-NGO Yesh Din werden 94 Prozent der Ermittlungsverfahren nach Siedlergewalt ohne Anklageerhebung eingestellt. Opfer von Übergriffen zeigen die Taten daher oft erst gar nicht an.
Israels Regierung ging vergangene Woche einen Schritt, der die Extremisten in ihrer Furchtlosigkeit vor juristischen Konsequenzen bestärkt haben könnte. Verteidigungsminister Israel Katz verkündete am Freitag, dass sämtliche israelische Siedlerextremisten, die wegen Gewalttaten in Administrativhaft saßen, mit sofortiger Wirkung auf freien Fuß gesetzt würden – um die Freilassung palästinensischer Gefangener im Rahmen des Geisel-Deals zu kompensieren. „Es ist besser, wenn die Familien jüdischer Siedler sich freuen, als wenn die Familien freigelassener Terroristen sich freuen“, erklärte Katz.