Gastbeitrag

Cum-ex-Anwältin wirft hin: Gegen dunkle Geschäfte in der Wirtschaft

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Der Fall Brorhilker zeigt, um wie viel mehr Kriminalität von Unternehmen bekämpft werden muss. Ein Gastbeitrag.

Köln – Der Rücktritt der Kölner Oberstaatsanwältin Anne Brorhilker von ihrem Amt Ende April 2024 hat zu Recht hohe Wellen geschlagen. Ein solcher Schritt ist in dieser Form in Deutschland absolut außergewöhnlich.

Brorhilker ist nicht irgendwer. Vom US-Wirtschaftsnachrichtenkanal Bloomberg 2021 zu den „50 Most Influential People“ in der Kategorie Finance gezählt, vom Magazin Global Investigations Review für ihre Cum-ex-Verfahren mit dem Most Important Court Case of the Year Award prämiert, konnte Brorhilker in vergleichsweise kurzer Zeit den ersten Musterprozess zu Cum ex beginnen. Verfahren gegen 1700 der bundesweit 1800 Beschuldigten liefen 2023 unter ihrer Leitung, alle bereits erfolgten Anklagen führten zu Schuldsprüchen.

Cum ex-Anwältin schmeißt hin – Brorhilker gerät an ihre Grenzen

Brorhilker verschonte weder große Banken, noch ihre Chefs mit Anklagen, darunter so prominente wie Anshu Jain und Josef Ackermann (ehemals Deutsche Bank) oder Christian Olearius (Hamburger Warburg-Bank). Um diese Ermittlungserfolge richtig würdigen zu können, muss daran erinnert werden, dass deutsche Behörden bereits seit 1992 wissen, dass Banken und Privatpersonen mit den Cum-ex-Geschäften den Fiskus schädigen!

Die Oberstaatsanwältin Anne Brorhilker hat nach jahrelangen Cum-Ex-Verfahren gekündigt und verkündet, als Geschäftsführerin der Nichtregierungsorganisation „Bürgerbewegung Finanzwende“ gegen Finanzkriminalität kämpfen zu wollen.

Erst im letzten Jahr verhinderten über 80 000 Menschen per Petition den Versuch eines Eingriffs in die Ermittlungs- und Strafverfolgungsarbeit Brorhilkers durch ihren Vorgesetzten, NRW-Justizminister Benjamin Limbach.

Nun sieht sich Anne Brorhilker offenbar an der Grenze ihrer Aufklärungsmöglichkeiten im staatsanwaltlichen Ermittlungsbereich angelangt. Denn ihr ging und geht es nach eigener Aussage nicht um Einzeltäter, sondern darum, das Übel an der Wurzel zu packen, das Systemische herauszuarbeiten, das zu dieser immer wieder sich selbst erneuernden Wirtschaftskriminalität führt. Dass sie außerdem um ihre Entlassung aus dem Beamtenverhältnis gebeten und sich bei dem Verein „Bürgerbewegung Finanzwende“ beworben hat, zeigt die Richtung an, mit der Brorhilker ihre Aufklärungsarbeit fortsetzen will statt zu resignieren.

Unternehmen und der Staat – „Steuerhinterzieher kommen besser weg als Sozialhilfebetrüger“

Tatsächlich liegen die Grenzen der Aufklärung und Verfolgung eben nicht nur in der unzureichenden Ausstattung der damit betrauten staatlichen Organe. Vielmehr müssen wir die Machtverschiebung vom Staat zu privaten Unternehmen zur Kenntnis nehmen, wobei letztere von ihren ökonomischen Kennziffern her inzwischen selbst die Größenordnung von Staaten erreicht haben. Solche Multis müssen Recht und Rechtsstaaten nicht mehr in jedem Fall hinnehmen, sondern wirken an der internationalen Rechtsgestaltung mit – bis hin zur Aushebelung von staatlichen Gerichten durch private Schiedsgerichte. Solchen Fragen widmet sich unter anderem der vor 30 Jahren von dem Politikwissenschaftler und Wirtschaftskriminologen Professor Hans See gegründete Verein Business Crime Control (BCC).

BCC teilt mit Anne Brorhilker die Empörung darüber, dass „Steuerhinterzieher in großem Stil in Deutschland besser wegkommen als Sozialhilfebetrüger“. Die Täter fühlten sich „über allem stehend, auch über dem Gesetz“. BCC führt dies auf ein Bewusstsein und eine Verhaltensweise zurück, die aus der extremen Vermögensungleichheit in Deutschland und dem damit verbundenen Macht- und Einflusszuwachs der obersten Schicht resultieren. Nur so ist es zu erklären, dass erst ein höchstrichterliches Urteil feststellen musste, dass es kriminell ist, nicht gezahlte Steuer vom Staat „zurück“ zu verlangen.

Bittere Erkenntnis - ein innenpolitischer Rückblick auf das Jahr 2023

Seit Januar: Christine Lambrecht gibt das Verteidigungsministerium auf, ihr folgt Boris Pistorius nach, der die Balance zwischen seinem zögerlichen Kanzler und den von Moskau diktierten Notwendigkeiten des Krieges in der Ukraine besser hält. Im Mai holt sich Pistorius mit Carsten Breuer einen neuen Generalinspekteur. Breuer hatte sich als Manager bei der Ahrflut in der Öffentlichkeit bewährt. Bild: T. SCHWARZ/AFP
Seit Januar: Christine Lambrecht gibt das Verteidigungsministerium auf, ihr folgt Boris Pistorius nach, der die Balance zwischen seinem zögerlichen Kanzler und den von Moskau diktierten Notwendigkeiten des Krieges in der Ukraine besser hält. Im Mai holt sich Pistorius mit Carsten Breuer einen neuen Generalinspekteur. Breuer hatte sich als Manager bei der Ahrflut in der Öffentlichkeit bewährt. Bild: T. SCHWARZ/AFP © AFP
April: Die Maskenpflicht wegen Coronaviren-Gefahr wird auch in Arztpraxen beendet. Damit gilt Deutschland de jure als von der Pandemie befreit. Die Viren schwirren natürlich weiter umher, aber nun gelten sie als ähnlich gesundheitsgefährdend wie Grippeviren. Die Corona-Impfung wird zur weiteren Vorsorgeimpfung. Kennt man ja. Und was geschieht nun im Winter? Corona und Grippe melden sich zurück. rut/Bild: imago images
April: Die Maskenpflicht wegen Coronaviren-Gefahr wird auch in Arztpraxen beendet. Damit gilt Deutschland de jure als von der Pandemie befreit. Die Viren schwirren natürlich weiter umher, aber nun gelten sie als ähnlich gesundheitsgefährdend wie Grippeviren. Die Corona-Impfung wird zur weiteren Vorsorgeimpfung. Kennt man ja. Und was geschieht nun im Winter? Corona und Grippe melden sich zurück. rut/Bild: imago images © IMAGO/Revierfoto
Mai: Auch wenn Jahrhundertkabarettist Matthias Beltz weiterhin Recht behält mit Bremen („Da gewinnt die SPD immer, egal welcher Pfft kandidiert“), ist es für die Partei im Jahr 2023 doch ein Grund zur Freude, dass sie die Bürgerschaftswahl wieder gewinnt. Finden auch der rockige Co-Parteichef und Klampfer Lars Klingbeil und der singende Bürgermeister Andreas Bovenschulte mit Shaker. Rock on! bild: Carmen Jaspersen/AFP
Mai: Auch wenn Jahrhundertkabarettist Matthias Beltz weiterhin Recht behält mit Bremen („Da gewinnt die SPD immer, egal welcher Pfft kandidiert“), ist es für die Partei im Jahr 2023 doch ein Grund zur Freude, dass sie die Bürgerschaftswahl wieder gewinnt. Finden auch der rockige Co-Parteichef und Klampfer Lars Klingbeil und der singende Bürgermeister Andreas Bovenschulte mit Shaker. Rock on! bild: Carmen Jaspersen/AFP © AFP
August: Mit dem Bericht über ein antisemitisches Flugblatt sichert die „Süddeutsche Zeitung“ unbeabsichtigt Hubert Aiwangers Freien Wählern in Bayern den Landtagswahlsieg. Bedröppelt steht nun Markus Söders CSU da, die immer glaubte, sie habe die bayrische Volksseele fest im Griff. Söder bleibt zwar Ministerpräsident, aber Juniorpartner Aiwanger rückt immer näher an die Seniorität. Bild: Tobias SCHWARZ/AFP
August: Mit dem Bericht über ein antisemitisches Flugblatt sichert die „Süddeutsche Zeitung“ unbeabsichtigt Hubert Aiwangers Freien Wählern in Bayern den Landtagswahlsieg. Bedröppelt steht nun Markus Söders CSU da, die immer glaubte, sie habe die bayrische Volksseele fest im Griff. Söder bleibt zwar Ministerpräsident, aber Juniorpartner Aiwanger rückt immer näher an die Seniorität. Bild: Tobias SCHWARZ/AFP © AFP
August: Björn Höcke, der faschistische AfD-Chef in Thüringen – und eigentliche Tonangeber bei den Rechtsaußen – hat es in Aussicht gestellt: Nach 2023 befindet sich Deutschland im „Vorbürgerkrieg“. Das lässt sich als nichts anderes denn als Kampfansage an alles Menschliche und Anständige verstehen. Höcke und seine AfD sind nicht die ersten Rechten der Nachkriegszeit, die mit allen Mitteln die Macht ergreifen wollen. Doch die Chancen von Höckes Gefolgschaft sind erschreckend hoch. Im August veröffentlichte Infratest dimap eine Umfrage, wonach 70 Prozent der Befragten in Deutschland gegen Kooperationen mit der AfD auf lokaler und regionaler Ebene nichts einzuwenden hätten. Und Insa legte nach: 33 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern wären bereit, die AfD zur stärksten Macht im Deutschen Bundestag zu erheben. Bild: Sascha Fromm/Imago Images
August: Björn Höcke, der faschistische AfD-Chef in Thüringen – und eigentliche Tonangeber bei den Rechtsaußen – hat es in Aussicht gestellt: Nach 2023 befindet sich Deutschland im „Vorbürgerkrieg“. Das lässt sich als nichts anderes denn als Kampfansage an alles Menschliche und Anständige verstehen. Höcke und seine AfD sind nicht die ersten Rechten der Nachkriegszeit, die mit allen Mitteln die Macht ergreifen wollen. Doch die Chancen von Höckes Gefolgschaft sind erschreckend hoch. Im August veröffentlichte Infratest dimap eine Umfrage, wonach 70 Prozent der Befragten in Deutschland gegen Kooperationen mit der AfD auf lokaler und regionaler Ebene nichts einzuwenden hätten. Und Insa legte nach: 33 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern wären bereit, die AfD zur stärksten Macht im Deutschen Bundestag zu erheben. Bild: Sascha Fromm/Imago Images © IMAGO/Funke Foto Services
Oktober: Sahra Wagenknecht beweist mit der langwierigen Trennung von ihrer alten Partei, dass nicht nur Männer die Stimmung im Land herunterziehen können. Ob die BSW-Neugründung einer linken oder linkspopulistischen oder radikal linken Partei eine Zukunft hat, muss sich noch weisen. Immerhin hat sie der Linkspartei nun ein historisch vernehmbares Aufatmen ermöglicht. Bild: imago images
Oktober: Sahra Wagenknecht beweist mit der langwierigen Trennung von ihrer alten Partei, dass nicht nur Männer die Stimmung im Land herunterziehen können. Ob die BSW-Neugründung einer linken oder linkspopulistischen oder radikal linken Partei eine Zukunft hat, muss sich noch weisen. Immerhin hat sie der Linkspartei nun ein historisch vernehmbares Aufatmen ermöglicht. Bild: imago images © IMAGO/Emmanuele Contini
Seit Oktober: Die Massaker der Hamas im Süden Israels rufen in Deutschland Schock, Trauer und eine Welle der Solidarität hervor. Sie treiben aber auch Antisemitinnen und Antisemiten aus allen politischen Lagern aus ihren Löchern. Der harte Gegenschlag der Israelis im Gazastreifen befeuert die deutsche Debatte und lässt die Fronten nur noch mehr verhärten. Bild: Carsten Koall/dpa
Seit Oktober: Die Massaker der Hamas im Süden Israels rufen in Deutschland Schock, Trauer und eine Welle der Solidarität hervor. Sie treiben aber auch Antisemitinnen und Antisemiten aus allen politischen Lagern aus ihren Löchern. Der harte Gegenschlag der Israelis im Gazastreifen befeuert die deutsche Debatte und lässt die Fronten nur noch mehr verhärten. Bild: Carsten Koall/dpa © dpa
Christian Lindner, Robert Habeck und Olaf Scholz im Bundestag.
Seit November: Das Bundesverfassungsgericht kippt alle Reformpläne der Ampel-Koalition , weil deren Finanzierung nicht verfassungskonform ist. Nun ist auf der Regierungsbank guter Rat plötzlich sehr teuer – © AFP

Cum-ex: „größter Steuerraub der Geschichte“

Als weiteres Problem benennt BCC eine Politik, die den privaten Unternehmenssektor immer zuerst unter der Brille des „Standortwettbewerbs“ sieht. Im Zweifel rangiert Unternehmensschutz vor Aufklärung – mit der Konsequenz einer erheblichen Schädigung des Gemeinwesens. Professor Christoph Spengel bezeichnete die Cum-cum- und Cum-ex-Geschäfte 2018 als „den größten Steuerraub in der Geschichte Europas“.

Die politisch gewollte scheinbar unaufhaltsame Privatisierung von Gemeingütern wird zu einem weiteren Problem, indem sie die Intransparenz von Geschäftsaktivitäten privatisierter Gemeingüter durch das Privatrecht fördert. Dagegen hilft nur größtmögliche Transparenz – insbesondere bei den großen Konzernen. Zahlreiche Vorschläge reichen inzwischen bis hin zu einer Demokratisierung der Wirtschaft.

Es sind also eine Vielzahl von „dicken Brettern“ zu bohren, um „das Übel an der Wurzel zu packen, das Systemische herauszuarbeiten“. Vielleicht bietet ja die neu in Frankfurt am Main etablierte EU-Behörde zur Bekämpfung der Geldwäsche AMLA (Anti-Money Laundering Authority) einen neuen Ansatz.

Herbert Storn ist Vorsitzender von Business Crime Control (BCC) und schreibt Bücher wie „Business Crime – Skandale mit System“.

Rubriklistenbild: © dpa

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