Der Bundespräsident hat Lokaljournalisten im Schloss Bellevue empfangen. Hier lesen Sie seine Wort der Würdigung für den Lokaljournalismus.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am Dienstag Lokaljournalistinnen und -journalisten im Schloss Bellevue empfangen – kurz vor dem von IPPEN.MEDIA mitinitiierten Tag des Lokaljournalismus. Das Staatsoberhaupt würdigte explizit die große Bedeutung der Lokalmedien für die Demokratie. Hier lesen Sie sein offizielles Statement zum Treffen im Wortlaut:
Ich freue mich, dass wir heute mehr als 20 Journalistinnen und Journalisten von Lokalzeitungen bei uns zu Gast haben. Mit schöner Selbstverständlichkeit bin ich über Jahrzehnte vor dem Frühstück an den Briefkasten gegangen und habe mir die Lokalzeitung an den Küchentisch geholt: Lippische Landes-Zeitung, Gießener Anzeiger, Hannoversche Allgemeine Zeitung, MAZ. Das war mehr als ein Ritual, es war Teil des Ankommens im neuen Tag. Aber: In vielen Regionen unseres Landes ist das längst keine Selbstverständlichkeit mehr.
Bundespräsident würdigt Bedeutung des Lokaljournalismus – Steinmeiers Statement im Wortlaut
Noch vor den großen überregionalen Printmedien kamen Lokalzeitungen wirtschaftlich unter Druck; Anzeigenschwund bedeutete auch Zeitungsschwund. Klassische Lokalzeitungen sind weniger geworden, aber wo es sie gibt, führen sie einen mutigen Überlebenskampf – und den führen sie im Dienste der Demokratie und damit von uns allen.
Wenige Tage vor dem Tag des Lokaljournalismus am 5. Mai wollen wir über die Lage von Lokalzeitungen reden: über Unabhängigkeit, über Qualität, über die systemische Konkurrenz im Digitalen, über Meinung und Fakten und die Rolle von Medien überhaupt – als Erklärer, Antreiber oder Polarisierungsagentur. Ohne unabhängigen Journalismus jedenfalls gedeiht keine Demokratie. Ohne Lokaljournalismus gibt es kein gemeinsames Fundament vor Ort, das die Demokratie braucht; gibt es kein Bewusstsein, dass es Menschen sind, die vor Ort in der Gemeinde, in der Kleinstadt das Leben lebenswert halten, Tradition bewahren und für die Zukunft vorsorgen.
Dass Demokratie vom Machen und Mitmachen lebt, vom gemeinsamen Engagement, nicht von allfälliger Empörung. Lokaljournalismus ist nicht „nice to have“. Er ist eine der Säulen, die die offene Gesellschaft der Demokratie trägt und stabil hält. In Zeiten erodierenden Vertrauens in Politik, Medien, Kirchen und Institutionen hat die Lokalzeitung etwas Besonderes: Sie bewahrt Überschaubarkeit im Nahraum, der die eigentliche Befindlichkeit noch mehr prägt als die sogenannte „große“ Politik. Krisen und Konflikte finden auch in der Lokalzeitung Platz. Aber daneben entgeht ihr kaum ein Todesfall in der Gemeinde, kein Schützenfest, kein Streit im Gemeinde- oder Stadtrat und kein Fußballergebnis.
Demokratie lebt eben auch von gutem Lokaljournalismus.
Lokalzeitung ist im besten Sinne ein Stück Heimat – mit einem besonderen Verhältnis zu ihren Leserinnen und Lesern. Was die Lokalzeitung berichtet, lässt sich fast immer an Ort und Stelle auf seinen Wahrheitsgehalt überprüfen. Reporter und Redakteure, die zu haltlosen Übertreibungen neigen, müssen damit rechnen, schon am nächsten Morgen beim Bäcker zur Rede gestellt zu werden. Dieses Vertrauen ist ein hohes Gut. Mehr: Das Lokale ist – weil leicht und von vielen überprüfbar – eine kleine, aber wichtige Bastion gegen das Postfaktische.
Wenn Fakten beliebig werden; wenn gefühlte und fingierte Wahrheiten oder bloßes Geraune medial auf gleicher Höhe wie Fakten verhandelt werden; wenn Lautstärke und Unterhaltungswert entscheiden, was berichtet wird; wenn die Entwicklung – getrieben von der Verschiebung der Kommunikation in die sozialen Medien und unter die Herrschaft der Algorithmen – so weitergeht wie in den letzten zehn Jahren; wenn zwischen schnellem Like und lauter Empörung kein Raum mehr bleibt für Zwischentöne; wenn die Suche nach dem täglichen Skandal den Blick auf das Wichtige vernebelt, dann droht der Kommunikationsinfarkt, wie er in anderen Ländern schon stattgefunden hat. Dann ist Gefahr in Verzug. Dann gerät in Gefahr, was jede Demokratie braucht: nicht nur das gemeinsame Fundament, auch die Fähigkeit zum Kompromiss.
In einer Gesellschaft der Verschiedenen können wir nicht alle einer Meinung sein. Aber umso wichtiger ist dieses gemeinsame Fundament, das eine gemeinsame Wahrnehmung der Wirklichkeit voraussetzt. Und diese gemeinsame Wahrnehmung entsteht nicht durch Klicks, sondern durch unabhängige Information. Dafür stehen viele Journalistinnen und Journalisten in vielen Medien in unserem Land.
Gerade auch in den wichtigen Regional- und Lokalzeitungen. Journalistinnen und Journalisten, die informieren, nachhaken, nah an den Menschen dran sind, unterschiedliche Stimmen zur Wort kommen lassen. Demokratie lebt eben auch von gutem Lokaljournalismus. Lokaljournalisten und Lokalzeitungen verdienen Unterstützung und eine Leserschaft, die bereit ist für ein Stück Demokratieerhalt auch ihr Abo zu zahlen. Danke, dass Sie hier sind!
Mehr über den Tag des Lokaljournalismus erfahren Sie in diesem Artikel.