Lindner zückt den Rotstift: Integrationskurse stehen vor dem Aus
VonPitt von Bebenburg
schließen
Die Kürzungspläne bei Integrationskursen würden bedeuten, dass 2025 keine Zugewanderten-Kurse beginnen können.
Berlin – Hunderttausende Menschen aus der Ukraine, Syrien, Afghanistan und anderen Ländern werden durch Integrationskurse dabei unterstützt, sich in Deutschland zurechtzufinden. Sie lernen nicht nur die deutsche Sprache, sondern bekommen auch Werte des demokratischen Staatswesens vermittelt. Dieses Kurssystem hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erst jüngst gepriesen, doch es steht durch die Haushaltsplanung auf der Kippe.
Lindner will Kürzungen bei Integrationskursen – Migranten können Kurse nicht mal mehr abschließen
Eine von der Bundesregierung beabsichtigte Kürzung würde dazu führen, dass 2025 keine neuen Teilnehmer:innen aufgenommen werden können. Die Mittel wären bereits von den in diesem Jahr begonnenen Kursen aufgebraucht. Das geht aus internen Berechnungen des Bundesinnenministeriums hervor, die der Frankfurter Rundschau vorliegen. Zudem ist geplant, schon von Dezember 2024 an die Möglichkeit zu streichen, Integrationskurse zu wiederholen.
Für das laufende Haushaltsjahr sind im Bundesetat noch 1,07 Milliarden Euro für Integrationskurse eingeplant. Für 2025 sieht Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) dann nur noch rund 500 Millionen Euro vor. Das würde nach den Berechnungen aus dem Innenministerium nicht einmal ausreichen, damit die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die 2024 gestartet sind oder noch starten, ihre Kurse abschließen können. Allein hierfür würden 2025 rund 690 Millionen Euro benötigt.
Kürzungen der Integrationskurse rechtlich problematisch
„Eine Aufnahme neuer Teilnehmender in 2025 wäre ausgeschlossen“, wenn es bei der Kürzung bleibe, heißt es in dem Papier aus dem Innenministerium. „Damit würde das Integrationsgrundangebot des Bundes radikal zurückgefahren werden.“ Das wäre auch rechtlich problematisch – denn Zugewanderte haben gesetzlichen Anspruch und haben teilweise sogar die Verpflichtung zur Teilnahme.
Zudem würde auch dem „Job-Turbo“ eine Grundlage entzogen, befürchtet man im Haus von Innenministerin Nancy Faeser (SPD). Mit dieser Initiative versucht die Bundesregierung, Geflüchtete schneller in den Arbeitsmarkt zu bringen, selbst wenn sie noch nicht perfekt Deutsch sprechen.
2023 begannen 360.000 Menschen ihren Integrationskurs – so viele wie noch nie
Leidtragende einer Kürzung wären außerdem Organisationen, die Integrationskurse anbieten, etwa Volkshochschulen, kirchliche Träger oder die Arbeiterwohlfahrt, sowie die Lehrerinnen und Lehrer. „1600 Kursträger und 20.000 Lehrkräfte wären bei einer Reduzierung oder Einstellung des Kurssystems von Insolvenzen bzw. Arbeitslosigkeit betroffen“, rechnet das Innenministerium vor.
Kabinett Scholz: Nach dem Ampel-Aus kommt Rot-Grün ohne Mehrheit
Die Integrationskurse dauern in der Regel neun Monate. Sie bestehen aus 600 Stunden Deutschunterricht und 100 Stunden „Orientierungskurs“, in dem die Teilnehmenden die Bundesrepublik näher kennenlernen – samt ihren Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung und Religionsfreiheit. Im Jahr 2023 begannen 360.000 Menschen ihren Integrationskurs – so viele wie noch nie. Für 2024 wird mit einem ähnlichen Aufkommen gerechnet.
Innenministerium denkt über einen „reduzierten Basisbetrieb“ nach
Im Innenministerium wird jetzt über einen „reduzierten Basisbetrieb“ nachgedacht. Dazu gehört es, Wiederholungsstunden zu streichen. Bisher gibt es die Möglichkeit für durchgefallene Teilnehmende, noch einmal 300 Deutschstunden dranzuhängen. Daneben soll der Rotstift bei Zuschüssen für Fahrtkosten der Teilnehmenden angesetzt werden, die Empfänger:innen von Sozialleistungen zustehen.
Unter diesen Bedingungen könnte das Ministerium nach den internen Berechnungen mit 920 Millionen Euro einen funktionierenden Betrieb auch 2025 gewährleisten. Selbst dafür allerdings müsste der Budgetansatz deutlich angehoben werden. (Pitt von Bebenburg)