VonRichard Stroblschließen
Vor der Bundestagswahl 2025 sind viele noch unentschlossen. Lohnt es sich taktisch eine kleinere Partei zu wählen, um eine bestimmte Koalition herbeizuführen?
Berlin – Deutschland wählt! Schon jetzt haben viele Wähler ihre Stimme für die Bundestagswahl 2025 via Briefwahl abgegeben. Die Urnen schließen am Sonntag, 23. Februar, um 18 Uhr. Doch während viele Bürger sich bereits für eine Partei entschieden haben, gibt es auch noch viele Unentschlossene. Spannend für den letztlichen Wahlausgang wird vor allem auch das Abschneiden der „kleineren“ Parteien sein, die laut aktuellen Umfragen nur knapp unter oder über der Fünf-Prozent-Hürde liegen. Doch lohnt sich aktuell ein taktisches Wählen?
Die ersten Ergebnisse der Bundestagswahl könnten am Sonntag große Überraschungen mit sich bringen. Laut ZDF-Politbarometer waren knapp eine Woche vor der Wahl noch ganze 28 Prozent der Bürger nicht sicher, wen sie wählen. Dennoch hat sich in den Umfragen der letzten Monate ein Trend gefestigt.
Taktisches Wählen bei der Bundestagswahl 2025: Ergibt das Sinn?
Demnach liegt die Union meist mit um die 30 Prozent klar vorne. Demnach würde Friedrich Merz sehr wahrscheinlich der neue deutsche Kanzler werden. Dahinter rangiert die AfD. Mit der Partei von Alice Weidel will jedoch niemand eine Koalition bilden. SPD und Grüne kommen in der aktuellen Umfrage der INSA (20. Februar) auf 15 beziehungsweise 13 Prozent. Diese Reihenfolge der größeren Parteien scheint seit Wochen relativ stabil. Wirklich spannend wird es aber dahinter.
Denn ein neuer Trend in den Umfragen würfelt die mögliche Koalitionssuche durcheinander. Während in vielen Umfragen vor der Jahreswende meist nur die genannten vier Parteien den Einzug in den Bundestag geschafft hätten, schaffen aktuell viele kleinere Parteien den Sprung über die magische Fünf-Prozent-Hürde. Die Linke kam zuletzt sogar in einer Umfrage auf ganze neun Prozent. Und auch die FDP und das BSW kratzen knapp an der Hürde – liegen in manchen Erhebungen knapp darüber oder eben knapp darunter. Dass die „Großen“ relativ stabil bleiben und die kleineren Parteien in den Umfragen zur Bundestagswahl wachsen, liegt wohl daran, dass viele Wähler von Kleinst- oder Protest-Parteien in Richtung der Kleineren, aber dennoch etablierteren Parteien wandern. Bei denen sehen diese womöglich größere Chancen auf einen Einzug in den Bundestag. Zumindest kamen die Kleinstparteien, die in Umfragen unter „Sonstige“ geführt werden, noch Ende Januar auf zehn Prozent der Stimmen. Jetzt liegen sie nur noch bei fünf Prozent. Von hier sind die Wähler also zu FDP, BSW und Linken gewandert.
Kleine Parteien wählen: Lohnt sich bei der Bundestagswahl 2025 die taktische Stimmabgabe?
Doch lohnt es sich ein potenziell taktisches Wählen von FDP, Linken oder BSW?
Gerade für die FDP haben sich die Zeiten geändert: Während die Union früher offen zur Wahl der FDP aufgerufen hatte, um sich so einen passenden Koalitionspartner zu schaffen, riet Merz stark davon ab – wollte lieber seine eigene Union gestärkt sehen, um einen deutlichen Führungsanspruch behaupten zu können. Das liegt auch am veränderten Wahlrecht: Die Ampel hatte mit einer Wahlrechtsreform den aufgeblähten Bundestag auf 630 Sitze (aktuell 733 Sitze) beschränkt. Überhangmandate gibt es also bei der Bundestagswahl 2025 nicht mehr. Dadurch wird die Zweitstimme noch wichtiger. Taktisches Wählen ist somit schwieriger geworden. So zieht ein mit der Erststimme gewählter Kandidat aus seinem Wahlkreis nicht mehr zwingend in den Bundestag ein. Ein Aufteilen der Erst- und Zweitstimme auf zwei Parteien, die man gerne in einer Koalition sehen würde, ist somit zwar prinzipiell weiter möglich – die Erfolgschancen sinken aber. Das erklärt wohl auch zumindest teilweise, warum Merz davon abriet, die FDP zu wählen. Auf die Zweitstimme kommt es nun eben an, wie selten.
Doch was sind die Koalitions-Optionen für Merz? Eine Zusammenarbeit mit AfD, BSW oder den Linken wurde entweder ausgeschlossen oder erscheint inhaltlich utopisch. Bleiben SPD, Grüne und die FDP. Mit den Grünen würde Merz wohl zusammenarbeiten – entgegen den klaren Absagen von Markus Söder und der CSU. Eine Koalition mit der SPD erscheint aber inhaltlich wahrscheinlicher.
Taktisches Wählen bei der Bundestagswahl 2025 lohnt sich fast nur bei einer kleinen Partei
Allerdings hat das Erstarken der kleineren Parteien in den Umfragen zur Wahl 2025 schon jetzt massive Konsequenzen für Koalitions-Rechnungen: So hätte Merz laut der INSA-Umfrage vom 20. Februar erstmals keine Mehrheit mehr zusammen mit der SPD. Auch mit den Grünen reicht es entsprechend nicht. Die Folge: Die einzig realistische Koalition in dieser Lage wäre ein Dreierbündnis aus SPD, Union und Grünen. Das liegt vor allem daran, dass die FDP den Sprung in den Bundestag nach dieser Umfrage nicht geschafft hätte.
Viel hängt also an der FDP. Denn mit Linken und BSW hatte auch Olaf Scholz eine Koalition zuletzt ausgeschlossen. Vorausgesetzt, die SPD schafft es überraschend doch noch Merz zu überholen. Dadurch bleiben aktuell vier Parteien, die prinzipiell nach der Bundestagswahl 2025 miteinander koalieren könnten: Union, SPD, Grüne und FDP. Schafft die FDP den Einzug in den Bundestag, ist die Partei von Christian Lindner aller Wahrscheinlichkeit nach auch an der künftigen Regierung beteiligt.
Taktisches Wählen 2025: Macht es Sinn, eine kleinere Partei zu wählen?
Mit Blick auf taktisches Wählen bleibt zu sagen: Da sowohl Merz als auch Scholz eine Zusammenarbeit mit Linken und BSW ausgeschlossen haben, wäre die einzige kleinere Partei, bei der es sich lohnen könnte, taktisch zu wählen, die FDP. Falls man die Liberalen in einer Regierung mit Merz und SPD („Deutschland-Koalition“) oder Grünen („Kenia-Koalition“) sehen will, wäre dies sicherlich eine Option. Allerdings haben die Liberalen selbst eine Zusammenarbeit mit den Grünen ausgeschlossen. Insofern bleiben in diesem Fall für Merz nur zwei Optionen: ein Dreierbündnis mit SPD und Grünen oder eines mit FDP und SPD.
Wer allerdings nach dem Ampel-Chaos eine Koalition aus nur zwei Parteien bevorzugen würde, der sollte besonders bei der Zweitstimme Abstand von kleineren Parteien nehmen. Diese Variante kommt nach aktuellem Stand am ehesten zustande, je weniger kleine Parteien in den Bundestag kommen. In diesem Fall ist es wohl am sinnvollsten sein Kreuz direkt bei Union, SPD oder Grünen zu machen. (rjs)
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