„Im Brandfall ist er kampfunfähig“: Prestige-Panzer „Puma“ steht weiter unter Feuer
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Am Puma entbrennt neuer Ärger: Die Opposition kritisiert die Feuerlöscher des Panzers als gefährlich; und der Kampfwert hinkt auch noch den Erwartungen hinterher.
Berlin – Zwei Worte begleiten den Puma, den nach Angaben des Herstellers „modernsten Schützenpanzer der Welt“: die Worte „wieder“ und „Probleme“ – das zieht sich durch die Jahre. Jetzt berichtet die Bild von weiteren Verzögerungen – in diesem Fall von Nachbesserungen. Mittlerweile dauert das Fiasko über ein Vierteljahrhundert. Streit entbrennt sogar über die Ausstattung mit Handfeuerlöschern. Von der Einsatzfähigkeit gegen einen Angriff von Wladimir Putins Truppen scheint er meilenweit entfernt zu sein.
Bis Dezember sollte Rheinmetall der Bundeswehr 15 Puma in der Ausrüstungsstufe S1 übergeben. Mitte März meldete das Verteidigungsministerium dem Parlament Verzögerungen. Das Ministerium soll den Abgeordneten versprochen haben, dass der Rüstungskonzern für die Verzögerung nun Vertragsstrafe zahlen müsse, behauptet die Bild am Sonntag – das ist aber bisher unbestätigt geblieben. Sicher ist: Viele der nachzurüstenden Schützenpanzer Puma kommen später als geplant zur Truppe. Ursprünglich bis Dezember vergangenen Jahres sollte der zum Hersteller-Konsortium gehörende Rüstungskonzern Rheinmetall geliefert haben. Das Ministerium von Boris Pistorius (SPD) räumte gegenüber BamS ein, sie habe bisher lediglich zehn Puma S1 von der Industrie abgenommen.
Puma-Nachrüstung: Der Knotenpunkt des „System Infanterist der Zukunft“
Die neue Puma-Version S1 soll Kampfkraft gewinnen durch die Integration weit tragender Waffen wie des Mehrrollenfähigen Leichten Lenkflugkörpersystems (MELLS) und durch zusätzliche Sensoren wie dem neuen Rundum- und Fahrersichtsystem, das das Ende der Ära des Winkelspiegels bedeuten soll. Erstmalig wird die gesamte Besatzung dadurch tags wie nachts quasi durch die Panzerung hindurch sehen können. Der Fusionsmodus verbindet die Sicht am Tag mit einem leistungsstarken Wärmebild und ermöglicht die frühzeitige Aufklärung getarnter Ziele unabhängig von der Witterung oder der Uhrzeit. Der Puma ist das erste westliche Gefechtsfahrzeug, das serienmäßig mit einem solchen System auf das Gefechtsfeld rollen wird.
Auf dem Papier der König des Gefechtsfeldes: Der Puma ist der modernste Schützenpanzer der Welt – seit Jahren allerdings hinkt er seiner Einsatzbereitschaft hinterher.
Ein weiteres Merkmal des Puma S1 ist die Vorrüstung zur Aufnahme der Turmunabhängigen Sekundärwaffenanlage (TSWA) am rechten Fahrzeugheck. Die unbemannte Waffenstation TSWA dient später dem Eigenschutz und kann verschiedene 40-mm-Geschosse bis zu 400 Meter weit verschießen. Außerdem soll die Ausstattung mit modernen digitalen Kommunikationsmitteln das Fahrzeug zum Knotenpunkt mit den zugehörigen Grenadieren aufrüsten – mit der Verbindung des Schützenpanzers und dem „System Infanterist der Zukunft“ entsteht das „System Panzergrenadier“. Die Infanteristen seien untereinander, mit dem Gefechtsfahrzeug und weiteren Schützenpanzern ihrer Einheit digital verbunden, schreibt die Bundeswehr.
Puma-Nachrüstung: Bundeswehr will bis 2029 einsatzfähig sein
Zwei Jahre ist das Vorhaben der Aufrüstung fast alt. Soldat & Technik hatte im Juni 2021 berichtet: „Ein Teil der Puma Schützenpanzer-Flotte der Bundeswehr wird zum Konfigurationsstand S1 nachgerüstet, dies wurde jüngst zwischen der Bundeswehr und der beteiligten Industrie vertraglich vereinbart. Nachdem die Haushaltsmittel parlamentarisch freigegeben worden sind, hat das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr in Koblenz (BAAINBw) am 28. Juni 2021 mit der PSM GmbH, dem 50:50-Joint Venture von Rheinmetall und Krauss-Maffei Wegmann, den Vertrag zur Umrüstung des ersten Loses mit 154 Schützenpanzern (SPz) im Wert von einer Milliarde Euro abgeschlossen.“ Der Abschluss dieser Maßnahme war für Ende 2026 vorgesehen.
„Wenn wir uns wirklich auf einen Konfliktfall vorbereiten, müssen wir alles auf Einsatzbereitschaft ausrichten. Und der umweltfreundliche Feuerlöscher im Puma zeigt das genaue Gegenteil: Dann ist im Brandfall das Feuer zwar gelöscht, dafür aber der Panzer kampfunfähig. Das kann doch nicht ernst gemeint sein!“
Das zweite Los, also die zweite Tranche, wurde im April 2023 abgerufen, die Finanzierung erfolgt aus dem Sondervermögen Bundeswehr und umfasst Optionen für die Umrüstung von weiteren 143 Puma im Wert von 820 Millionen Euro; im Falle der rechtzeitigen Realisierung würden diese Panzer 2029 der Truppe zur Verfügung stehen – davon wäre, laut Soldat & Technik abhängig, inwieweit das Heer seinen „Plan Heer“ erfolgreich umsetzen kann. Für diese Division werden insgesamt 266 gefechtstaugliche Schützenpanzer Puma benötigt. Für die Nato-Speerspitze VJTF 2023 sind 40 Puma bereits umgerüstet worden, die Masse davon wurde bereits an die Bundeswehr übergeben. Da die 13 Fahrschul-Puma der Bundeswehr nicht umgerüstet werden, ist somit der einheitliche Konstruktionsstand S1 für alle Puma unter Vertrag.
Allerdings moniert die Bild weiterhin die Ausstattung der Puma mit letzten Endes gefährlichen Feuerlöschern – Ende 2022 soll ein Pulver-Feuerlöscher einen Kabelbrand zwar gelöscht, aber auch gleich die gesamte Technik lahmgelegt haben. Die Herstellerfirma des Feuerlöschers hatte einen ursächlichen Zusammenhang zurückgewiesen, sondern klargestellt, dass die Technik-Panne ein ganz normaler Kollateralschaden gewesen sei. CDU-Verteidigungsexperte Ingo Gädechens aus dem Wahlkreis Ostholstein-Storman moniert nach wie vor, dass das Pulver in jedem Fall den Panzer lahmzulegen droht. Laut Bild habe das Verteidigungsministerium auch nach einem Jahr als Alternative weder einen Halon-Gasfeuerlöscher in Betracht gezogen noch einen Kohlendioxid-Löscher.
Puma-Nachrüstung: Die Opposition entzürnt über den Handfeuerlöscher
Gädechens gegenüber der BamS: „Wenn wir uns wirklich auf einen Konfliktfall vorbereiten, müssen wir alles auf Einsatzbereitschaft ausrichten. Und der umweltfreundliche Feuerlöscher im Puma zeigt das genaue Gegenteil: Dann ist im Brandfall das Feuer zwar gelöscht, dafür aber der Panzer kampfunfähig. Das kann doch nicht ernst gemeint sein!“ Laut der Neuen Zürcher Zeitung symbolisiere die Historie des Puma „wie kaum eine andere die Irrtümer der deutschen Rüstungsbeschaffung der vergangenen drei Jahrzehnte“. Die schwierige Geschichte des Puma begann im Dezember 1999, als die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union den Aufbau einer schnellen Eingreiftruppe bis 2003 beschlossen hatten. Dazu sollten auch gepanzerte Kampftruppen gehören als „mittlere Kräfte“, die – ursprünglich mit dem Flugzeug – über mindestens 1.000 Kilometer verlegbar sein mussten.
Damals hatte die Bundesregierung laut NZZ über zwei grosse Rüstungsvorhaben zu entscheiden. Zum einen sollte ein neu zu bauendes Transportflugzeug die Transall ablösen. Das war der Airbus A400 M. Zum anderen benötigte das Heer für den 1971 eingeführten Schützenpanzer Marder einen Nachfolger – eben den Puma. Die Bundesregierung entschied, einen neuen Schützenpanzer werde nur gebaut, wenn er mit dem A400 M transportiert werden kann. Sie machte damit das maximale Transportgewicht des A400 M zum entscheidenden Konstruktionsmerkmal für den neuen Panzer – allerdings forderte die Generalität gleichzeitig eine Kampfkraft ähnlich des Kampfpanzers Leopard. Das Scheitern wurde ihm also bereits in die Wiege gelegt.
Puma-Nachrüstung: Der Alleskönner mit den vielen Geburtsfehlern
Der Puma sollte ein Alleskönner sein. Doch die militärischen Vorgaben auf der einen und die Gewichtsbegrenzung auf der anderen Seite machten das nahezu unmöglich. Das Konsortium aus Krauss-Maffei Wegmann und Rheinmetall wollte ihn trotzdem bauen und die ersten Puma innerhalb von sechs Jahren ausliefern; ein hehrer Anspruch, wie die NZZ fand: „Das widersprach sämtlichen Erfahrungen im Panzerbau, die Entwicklung des ,Marder‘ zum Beispiel hatte elf Jahre gedauert.“ Schon bald zeigte sich, dass die Versprechungen tatsächlich zu vollmundig gewesen waren.
Schleudersitz ade? Von Scharping bis Pistorius – wer im Bendlerblock das Sagen hat
Der Puma erforderte zahlreiche neue und oft hochkomplexe Lösungen am Rand des technisch Machbaren – was sich rächen und Deutschland innerhalb der Nato in Misskredit bringen sollte, wie die Tagesschau Anfang 2023 berichtete – 18 der 40 auf S1 hochgerüsteten und für den Abmarsch zur VJTF vorgesehenen Puma fielen während einer Übung aus: „Schon im Jahr 2018 war bei der Bundeswehr ein Panzer-Problem offenbar geworden: Damals gab es Berichte, dass viel zu wenig Kampf- und Schützenpanzer für die Nato-Truppe einsatzbereit seien. Dass aus Deutschland nun erneut Negativ-Schlagzeilen aufgrund von mangelhaftem Material kommen, dürfte bei so manchem Bündnispartner Stirnrunzeln auslösen.“
Dass eine komplette Kompanie, die sich als erste Einheit in ein Gefecht begeben sollte, ohne Feindkontakt ausfällt, motivierte den Militärblogger Thomas Wiegold im Deutschlandfunk zu der These, im Konstrukt des Puma sei von Bundeswehr und Industrie „viel vermasselt worden“.