Der Fuchs tritt ab, ein neuer Transporter muss her. Boris Pistorius liebäugelt mit einem finnischen Panzer – und zeigt Rheinmetall die kalte Schulter.
Berlin – Da hat sich Armin Papperger vergaloppiert; aber gehörig. Der Tagesspiegel hatte von ihm wissen wollen, wie er zu einer engeren Zusammenarbeit europäischer Rüstungskonzerne stünde – quasi, zu einer nahezu gleichen Ausstattung der einzelnen Streitkräfte über die Ländergrenzen hinweg.
Papperger sieht das skeptisch: „Eine europäische Armee ist doch nur möglich, wenn alle EU-Staaten in ihrer Verfassung verankern, dass ein europäischer Verteidigungsminister sie in den Krieg schicken kann. Können Sie sich das vorstellen? Das ist ein schöner Traum, mehr nicht. Aktuell läuft es bei der Rüstung sogar in die andere Richtung: Renationalisierung statt Europäisierung.“
Den Vorstandschef der deutschen Rüstungsschmiede Rheinmetall hat jetzt Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) eines Besseren belehrt, wie das Handelsblatt berichtet: Der finnische Rüstungskonzern Patria habe demnach eine Kooperationsvereinbarung mit zwei deutschen Rüstungsunternehmen für den Bau eines Transportpanzers 6x6 für die Bundeswehr unterzeichnet. Patria wird den 6x6 zusammen mit Defence Service Logistics (DSL), das zur deutsch-französischen KNDS Group gehört, und der Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft (FFG) in Deutschland produzieren. Eventuell wird künftig auch komplett in Deutschland in Lizenz gebaut. Das Volumen könnte sich letztendlich auf bis zu 1000 Fahrzeuge belaufen und in eine Produktion bis zum Jahr 2037 münden. Eine Million Euro soll ein einzelnes Fahrzeug kosten.
Das neue Rüstungsprojekt: Ein neuer Fehlgriff durchaus möglich
Der 6x6 von Patria wird nach Medieneinschätzungen den Fuchs-Transportpanzer von Rheinmetall bei der Bundeswehr ersetzen. Zwar wurde der Auftrag noch nicht offiziell erteilt. Patria erfülle mit der Produktion in Deutschland aber eine Bedingung der Ampel-Regierung für den Erwerb des 6x6 für die Bundeswehr. Rheinmetall wäre damit ausgebootet. Das Magazin Soldat&Technik vermutet, dass der Preis den Ausschlag gegeben hat und warnt vor einem möglichen Fehlgriff mit dem finnischen Fahrzeug sowie dem Sparen an der falschen Stelle.
Seit April 2023 gehört Deutschland zu dem ursprünglich von Finnland und Lettland gegründeten Programm CAVS (Common Armoured Vehicle System). CAVS steht für ein Entwicklungsprogramms für ein möglichst günstiges 6×6-Fahrzeug – bezüglich Beschaffungs- und Unterhaltkosten – für den osteuropäischen Raum; oder sogar darüber hinaus. Finnland, Lettland und Estland nehmen seit 2019 an dem Programm teil, Schweden seit 2021. Patria produziert den gepanzerten 6×6 Mannschaftstransportwagen, der als Favorit gilt für die Nachfolge der rund 900 deutschen Transportpanzer Fuchs. Mitbewerber waren der Transportpanzer Fuchs 1A9 von Rheinmetall und der Pandur Evolution von General Dynamics European Land System (GDELS), wie das Magazin Europäsche Sicherheit&Technik berichtet.
Der neue Transporter: Bundeswehr braucht bis zu 1.000 Stück
Tatsächlich bedeutet der bloße Programm-Beitritt eines Landes keine automatische Kaufentscheidung. Denkbar ist auch die Absicht der Bundeswehr, den Wettbewerb um die Fuchs-Nachfolge um einen ernstzunehmenden Kandidaten zu erweitern und sich so in eine bessere Verhandlungsposition gegenüber der Industrie zu bringen. Im Januar 2023 war Boris Pistorius als Verteidigungsminister angetreten, die Bundeswehr schneller, günstiger und praktikabler auszurüsten. „Laufende Projekte werden wir nicht mehr anhalten können, außer sie scheitern“, so der SPD-Politiker gegenüber der Tagesschau damals. Andere Projekte sollen demnach weiterlaufen, „weil wir uns im Rahmen von Verträgen bewegen“, wie er sagte. Aber „von jetzt an“ gelte das Aus für „Goldrandlösungen“ für die Beschaffung von Projekten und insbesondere ihre Planung, betonte der Verteidigungsminister.
Die allradgetriebene, sechsrädrige Fahrzeugflotte auf Basis des von Rheinmetall gebauten Transportpanzers Fuchs dient in der Bundeswehr seit mehr 40 Jahren und soll nun durch neue Fahrzeuge ersetzt werden. Von den ehemals mehr als 1.400 für die Bundeswehr gebauten Fuchs sind nach Angaben des Generalinspekteurs noch 825 Fahrzeuge im Einsatz, in unterschiedlichen Varianten – vom ABC-Spürpanzer bis zum Truppentransporter. 272 davon in der neuesten Version 1A8.
Die neuen Herausforderungen: genügend Schutz auch gegen Drohnen
Im April 2023 war Deutschland offiziell dem finnisch geführten CAVS-Programm für ein neues 6×6-Transportfahrzeug beigetreten. Diese Entwicklung kam für Beobachter wohl überraschend. Aus den Plänen der Streitkräfte, das Fahrzeug auch im Rahmen der Mittleren Kräfte einsetzen zu wollen, leitet Soldat&Technik ab, dass der Fuchs-Nachfolger über ein hohes Schutzniveau verfügen muss, da die Mittleren Kräfte neben der Landes- und Bündnisverteidigung auch im Rahmen von Stabilisierungsoperationen – wie beispielsweise der Einsatz in Mali – eingesetzt werden sollen. Außerhalb von Lagermauern sei mindestens der Nato-Schutzstandard 3 zu erfüllen – von sechs möglichen Stufen. Das Fahrzeug muss Minen von mindestens acht Kilo Sprengstoff widerstehen können. Da sieht Soldat&Technik Schwierigkeiten heraufziehen.
Leicht, mittel, schwer – die neuen Kräfte der Bundeswehr
Die Umsetzung der von 2025 an geltenden Verpflichtungen der Bundesregierung gegenüber der Nato und die bereits 2014 begonnene Refokussierung der Bundeswehr auf die Landes- und Bündnisverteidigung führte zu strukturellen Anpassungen in künftig drei Kategorien mit verschiedenen Charakteristika:
Leichte Kräfte (beispielsweise Infanterie): gering geschützt gegen Feindeinwirkung, luftbeweglich und schnell in der Luft zu verlegen, wirksam auf kurze Distanz gegen leichte feindliche Kräfte;
Mittlere Kräfte (Grenadiere auf radgestützten Panzern): stark geschützt gegen Feindeinwirkung, eigenbeweglich verlegbar; direkt und indirekt wirksam auf Distanz;
Inwieweit der Patria die deutschen Forderungen in den Punkten Schutz und Mobilität zu erfüllen vermag, ließe sich dem Fachblatt zufolge vermutlich nur über Tests durch die Wehrtechnischen Dienststellen klären. Immerhin halten sie für ausgeschlossen, „dass die Bundeswehr ein modernes Gefechtsfahrzeug ohne ausreichenden Schutz wie Brandunterdrückung, ABC-Schutzbelüftung oder ähnliches einführt. Zumindest in diesem Bereich müsste der Patria sicherlich ,germanisiert‘ werden, schreibt Soldat&Technik und vermutet, das würde wiederum den Preis treiben, der sich dann vielleicht doch wieder in der Nähe eines Rheinmetall-Produktes bewegen könnte.
Darüber hinaus zeigten laut Soldat&Technik die Gefechte im Rahmen des Ukraine-Krieges, dass dem Schutz der Fahrzeuge auch in der modernen Landes- und Bündnisverteidigung ein höherer Stellenwert beizumessen sein muss als dies noch zu Zeiten des Kalten Krieges: „Direktbeschuss durch unterschiedliche Handwaffen- und Maschinenkanonenkaliber, Minen und Granatsplitter der Artillerie und Mörser sowie von Drohnen abgeworfene Wirkmittel – oftmals improvisiert – sind für einen erheblichen Teil der Fahrzeugausfälle beider Kriegsparteien verantwortlich. Hier wäre es also hilfreich, wenn die zukünftige 6×6-Fahrzeugfamilie nicht nur gegen den Beschuss durch einfache Infanteriehandwaffen geschützt wäre.“
Wie das Blog Augen geradeaus! berichtet, sollen zunächst 20 Patria für Tests eingekauft werden. Allerdings ist das eine vorsichtige Schätzung, weil die Modernisierung der 6x6-Armada der deutschen Landstreitkräfte ursprünglich aus dem Sondervermögen für die Bundeswehr erfolgen sollte – bis der Bundesrechnungshof die Pläne der Ampel durchkreuzte und im Wirtschaftsplan radikal herumstrich – eines der sechs für 2023 herausfallenden Projekte ist eben der neue Transportpanzer. Ob und wie viele CAVS-Panzer die Bundeswehr schließlich kaufen wird, steht also weiterhin in den Sternen; sie müssten dann aus dem normalen Wehretat angeschafft werden. Das Handelsblatt zumindest ist optimistisch: „In Rüstungskreisen ist von einem Auftragsvolumen von bis zu 1.000 Einheiten die Rede. Patria plant, 90 Prozent der Panzer für Deutschland zusammen mit DSL und FFG hierzulande zu produzieren.“
Laut Patria-Manager Hugo Vanbockryck könnte bereits Mitte 2025 der erste Panzer an Deutschland geliefert werden. Der erste komplett in Deutschland produzierte 6x6 werde voraussichtlich Anfang 2026 vom Band laufen können. Von 2027 an rechnet Patria mit dem Erreichen der geplanten Produktionskapazitäten in Deutschland in Kooperation mit DSL und FFG, dann sollen 100 Panzer jährlich vom Band rollen.
Schleudersitz ade? Von Scharping bis Pistorius – wer im Bendlerblock das Sagen hat
Die Liste der Baustellen zu einer kriegstüchtigen Bundeswehr ist ellenlang – auch in Bezug auf die Radfahrzeuge, die künftig eine zentrale Rolle in der Nato-Doktrin einnehmen sollen. Zwar steht mit dem Boxer der modernste Radpanzer der Bundeswehr seit zehn Jahren im Truppendienst, allerdings fehlt beispielsweise eine Version als Mörser. Und das bringt scheinbar Rheinmetall-Chef Armin Papperger wieder ins Spiel: Seit rund zwei Jahren arbeitet Rheinmetall nach Informationen von Soldat&Technik an einer Machbarkeitsstudie, inwiefern das „Zukünftige System indirektes Feuer kurzer Reichweite“ – Projektname der Bundeswehr für einen 120-mm-Mörsernachfolger – realisiert werden könnte; auf Basis eines Transportpanzers Fuchs.
Papperger gibt sich gegenüber dem Tagesspiegel jedenfalls gelassen über die Rolle, die Rheinmetall in der europäischen Rüstung künftig spielen wird: „Die Nachfrage ist enorm gewachsen, richtig. Und gleichzeitig suchen wir den Dialog mit den Regierungen, um unsere Produkte zu erklären. Wir drängen niemandem etwas auf, in Fragen von Krieg und Frieden entscheiden allein die Regierungen, was sie brauchen. Die Rüstungsindustrie hat zu dienen und letztendlich zu liefern.“