VonAndreas Schmidschließen
Die Bundeswehr sucht Nachwuchs an Schulen. Der FR liegt exklusiv eine Übersicht über aktuelle Pläne vor. Die Linke sieht eine „Militarisierung der Gesellschaft“.
Frankfurt – Darf die Bundeswehr an Schulen oder Universitäten für den Wehrdienst werben? Die Linke findet: nein – und kritisiert die „Imagepflege“ der Bundeswehr. Innerhalb der Fraktion ist gar von einer „Wehrpflicht durch die Hintertür“ die Rede. In einer aktuellen Anfrage fragt die Partei nach dem Ausmaß der Bundeswehrwerbung. Die Antwort des Verteidigungsministeriums liegt unserer Redaktion exklusiv vor.
Linke kritisiert Bundeswehr-Auftritte an Schulen: „Aggressive Versuche, zu rekrutieren“
Zaklin Nastic, menschenrechtspolitische Sprecherin der Linken, erkennt „immer aggressivere Versuche, unter Schülerinnen und Schülern zu rekrutieren“. Junge Menschen seien zwar „immer weniger dazu bereit, ihr Leben potenziell für sinnlose Kriege herzugeben“. Dennoch treibe die Bundesregierung „die Militarisierung der Gesellschaft“ weiter voran, sagt Nastic der Frankfurter Rundschau. „Selbst in den Schulen, die eigentlich ein geschützter Raum sein sollten, wird Krieg als etwas Gewöhnliches und das Töten als Job unter vielen dargestellt.“ Die Wehrbeauftragte der Bundesregierung, Eva Högl (SPD), weist diese Vorwürfe zurück. Sie sagt, es gehe um Aufklärung über die Arbeit der Bundeswehr.
Für den Zeitraum bis September 2023 sind insgesamt 119 „Vorträge / Veranstaltungen von Karriereberaterinnen und Karriereberatern“ an deutschen Schulen vorgesehen. Von Gesamt- und Mittelschulen bis Real- und Oberschulen sowie Gymnasien ist alles dabei. Auch an Berufsschulen ist die Bundeswehr präsent. Im Vergleich zu den bisherigen Quartalen – unserer Redaktion liegen die Auskünfte des Verteidigungsministeriums seit Januar 2022 vor – ist jedoch kein signifikanter Anstieg der Bundeswehrwerbung an Schulen erkennbar. So waren es etwa ein Jahr zuvor mehr Vorträge, die mit Abstand meisten Veranstaltungen gab es Anfang 2022 (siehe Tabelle).
Karriereberatungsveranstaltungen der Bundeswehr an deutschen Schulen
| Januar bis März 2022 | 241 |
| April bis Juni 2022 | 155 |
| Juli bis September 2022 | 148 |
| Oktober bis Dezember 2022 | 105 |
| Januar 2023 bis März 2023 | 350 |
| April 2023 bis Juni 2023 | 196 |
| Juli 2023 bis September 2023 (geplant) | 119 |
Hinweis: Seit 2023 gibt das Verteidigungsministerium auch Nachmeldungen zu Vorträgen an, die zuvor nicht geplant und dementsprechend in der Ministeriumsauskunft nicht aufgelistet waren. Deshalb sind die Zahlen im ersten Quartal so hoch. Die bisher geplanten Termine bis September könnten also noch mehr werden.
In der Regel richten sich die Vorträge an Schülerinnen und Schüler, die ein bis zwei Jahre vor ihrem Abschluss stehen. Damit umfassen die Bundeswehrauftritte teils Besuche ab der 8. oder 9. Klasse. Die Linke kritisiert, dass damit auch Minderjährige „in der prägenden Orientierungs- und Sozialisierungsphase“ Bundeswehr-Werbung erhielten.
Man kann bereits mit 17 Jahren Soldat werden, laut Auskunft der Bundeswehr stellte sie vergangenes Jahr 1.773 minderjährige Soldatinnen und Soldaten (mit Zustimmung der Erziehungsberechtigten) ein. Das entspricht 9,2 Prozent der insgesamt 18.776 Neuzugänge. Das Verteidigungsministerium betonte im März, dass die unter 18-Jährigen keinen Dienst leisten, „der den selbstständigen Gebrauch der Waffe fordern könnte.“
Der Bundeswehr geht es nach Eigenangaben um Chancengleichheit. Die Links-Fraktion meint, die Bundeswehr wolle durch das Werben an Schulen den durch das Abschaffen der Wehrpflicht entstandenen Rekrutierungsmangel kompensieren. Die Bundesregierung weist diese „Wertung“ zurück. De facto steht die Bundeswehr aber tatsächlich vor Herausforderungen in puncto Nachwuchs.
SPD-Bundeswehr-Pläne: Linke erkennt „Wehrpflicht durch die Hintertür“
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) kündigte am 1. Juni eine neue Anwerbekampagne an. Das Thema Personal habe neben dem Material höchste Priorität. Eigentlich will die Bundeswehr eine Aufstockung auf 203.000 Soldatinnen und Soldaten bis 2031. „Ich wage keine Prognose, ob wir die Zahl erreichen können“, sagte Pistorius dazu. „Wir tun alles dafür, aber vielleicht müssen wir die Zahl auch mal überprüfen, sowohl nach unten wie nach oben.“
Wehrbeauftragte Högl denkt derweil über die Wiedereinführung der Musterung nach. „Man könnte wie in Schweden einen gesamten Jahrgang junger Leute für die Bundeswehr zur Musterung einladen“, sagte Högl dem Nachrichtenportal t-online. Nastic sieht darin den „ersten Schritt zur Wiedereinführung der Wehrpflicht durch die Hintertür, auch wenn Frau Högl und Verteidigungsminister Pistorius etwas anderes behaupten.“
Im Verteidigungsministerium gibt es derweil Zweifel, ob eine Wehrpflicht gerade mit Blick auf den Personalmangel der Bundeswehr überhaupt effizient ist. „Die Reaktivierung würde für Unterbringung und Ausbildung Wehrpflichtiger viele Ressourcen und vor allem Personal binden“, sagte eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums auf Anfrage.
Die zuvor aufgelisteten Vorträge an Schulen leiten Karriereberater der Bundeswehr. Es gibt aber auch Jugendoffiziere, die in Seminaren vor den Jugendlichen sprechen. Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) wünscht sich mehr Präsenz, um den Jugendlichen den Ukraine-Krieg näherzubringen. Die Linke sieht hier eine „einseitige“ Vermittlung. Ferner bietet die Bundeswehr sogenannte Truppenbesuche an. Schulklassen besuchen dann Orte wie das militärhistorische Museum der Bundeswehr, ein Artilleriebataillon oder das Feldjägerregiment, eine Art Militärpolizei.
Einsatz von Jugendoffizieren bei Seminaren mit deutschen Schulen
| Januar bis März 2022 | 39 |
| April bis Juni 2022 | 60 |
| Juli bis September 2022 | 44 |
| Oktober bis Dezember 2022 | 20 |
| Januar 2023 bis März 2023 | 15 |
| April 2023 bis Juni 2023 | 52 |
| Juli 2023 bis September 2023 (geplant) | 26 |
Bundeswehr-„Nachwuchswerbung“: 35,3 Millionen Euro Budget
Außerdem ist die Bundeswehr an mehreren hundert Messen im Jahr sowie in Jobcentern vertreten und tritt bei Sportveranstaltungen auf. Des Weiteren betreibt sie regelmäßig Werbekampagnen. Der Auftrag dafür ging an die Düsseldorfer Werbeagentur Castenow. Zuletzt erarbeitete sie zusammen mit dem Verteidigungsministerium eine Kampagne, die laut Unternehmen dazu aufruft, „die Zeitenwende bei der Bundeswehr mitzugestalten“.
Für den Haushaltstitel „Nachwuchswerbung“ ist ein jährliches Budget von 35,3 Millionen Euro veranschlagt, ein Bruchteil des 100 Milliarden Euro schweren Sondervermögens. Kanzler Olaf Scholz hat bereits bekräftigt, beim klammen Ampel-Haushalt nicht an der Verteidigung zu sparen. Dazu zählt die Bundeswehr – auch an Deutschlands Schulen. (as)
