Ukraine-Krieg

Butscha: Satellitenbilder widerlegen russische Darstellung

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Provisorisch ausgehobene Gräber in der ukrainischen Kleinstadt Butscha

Satellitenbilder der New York Times sollen die russische Haltung zu den Gräueltaten von Butscha widerlegen. Der Bürgermeister der Kleinstadt bittet öffentlich um Hilfe.

New York - Videos und Satellitenbilder aus dem Kiewer Vorort Butscha sollen nach Darstellung der «New York Times» Moskauer Behauptungen widerlegen, dass Leichen getöteter Zivilisten dort erst nach dem Abzug des russischen Militärs platziert worden seien. Satellitenaufnahmen zeigten, dass sich die Überreste mehrerer Menschen bereits Mitte März auf der Straße befanden, schrieb die Zeitung in der Nacht zum Dienstag. Auf einem der Bilder, das mit dem Datum vom 19. März datiert ist, waren sieben Figuren zu sehen. Die Analyse weiterer Aufnahmen habe gezeigt, dass die Körper später nicht bewegt worden seien.

Die Todesursache der Menschen sei daraus nicht klar ersichtlich, hieß es weiter. Auf Videos war zu sehen, dass drei der Menschen neben Fahrrädern lagen. Bei einigen waren die Hände zusammengebunden. Die am Wochenende nach dem Abzug russischer Truppen bekanntgewordenen Gräueltaten sorgten international für Entsetzen.

Die Ukraine macht für das Massaker das russische Militär verantwortlich, das die Stadt bis vor kurzem besetzt hatte. Moskau bestreitet das. So behauptete das russische Verteidigungsministerium am Sonntag, es handele sich um eine Inszenierung. Die russischen Truppen hätten Butscha am 30. März verlassen, aber die Körper wirkten, als seien die Menschen erst danach gestorben, schrieb das Ministerium beim Chatdienst Telegram und verwies etwa auf das Fehlen einer Leichenstarre. Ein Experte, der an der Aufklärung von Kriegsverbrechen unter anderem im Kosovo und in Ruanda gearbeitet hatte, sagte dem britischen Sender BBC aber, die Leichenstarre lasse nach vier Tagen meist bereits nach.

Bürgermeister bittet um Hilfe

Wenige Tage nach Bekanntwerden eines Massakers an Zivilisten hat der Bürgermeister der zerstörten ukrainischen Kleinstadt Butscha um Hilfe gebeten. Er bitte insbesondere Ärzte und Mitarbeiter verschiedener Versorgungsunternehmen, nach Butscha zurückzukehren, sagte Anatoli Fedoruk in einer am Dienstag veröffentlichten Videobotschaft. Derzeit gebe es in dem Vorort der Hauptstadt Kiew weder Strom noch Gas, doch diese kritische Infrastruktur solle mithilfe von Spezialisten schnellstmöglich wieder hergestellt werden. «Wenn Sie können, kommen Sie zurück!»

Die Bilder aus Butscha, wo nach dem Abzug russischer Truppen zahlreiche Leichen von Bewohnern auf den Straßen gefunden wurden, sorgen seit dem vergangenen Wochenende weltweit für Entsetzen. Kiew ist überzeugt, dass russische Soldaten in der kleinen Stadt schwere Kriegsverbrechen begangen haben.
«Meine Leute wurden aus Spaß oder aus Wut erschossen», sagte Fedoruk der italienischen Zeitung «Corriere della Sera». «Die Russen haben auf alles geschossen, was sich bewegt hat: Passanten, Leute auf Fahrrädern, Autos mit der Aufschrift «Kinder». Butscha ist die Rache der Russen für den ukrainischen Widerstand.» Weil Russland militärisch nicht weitergekommen sei, «wurde eine Safari auf Zivilisten organisiert», meinte er. Teile der Stadt seien «in ein Konzentrationslager umgewandelt worden» ohne Essen und Wasser. «Wer sich da raus wagte, um Nahrung zu suchen, der wurde erschossen.»

Moskau streitet das ab und behauptet, die Stadt am bereits am 30. März verlassen zu haben. Russland wirft den Ukrainern Vertuschung vor. Fedoruk etwa habe in seiner ersten Nachricht am 1. April über die Befreiung Butschas die vielen Leichen noch nicht erwähnt. «Absurd», sagte der Bürgermeister dazu dem «Corriere». «Die Stadt war über Wochen von der Außenwelt abgeschlossen. Erst als wir sie befreit hatten, konnten wir sehen, was passiert ist, und die Ausmaße des Horrors begreifen. Sobald ich das gesehen habe, hab ich es erzählt.»
Am Montag hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Butscha besucht und von einem «Völkermord» gesprochen. (dpa)

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