CDU und Grüne

Koalition am Ende: Die Union reitet lieber auf der Anti-Grünen-Welle

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Schwarz-Grün galt als Zukunftsprojekt. Doch in Hessen bricht die Beziehung. Die Union reitet lieber auf der Anti-Grünen-Welle. Der Leitartikel.

Wiesbaden - Boris Rhein regiert weiter in Hessen, und das in einem neuen Bündnis. Aber von Aufbruchstimmung ist wenig zu spüren, schon gar nicht bei den arg gerupften Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen.

Rheins neue Koalition bedeutet zugleich das Ende von Schwarz-Grün in Hessen. Das ist ein Einschnitt, dessen Bedeutung weit über das Bundesland hinaus reicht – und der nicht zuletzt bundespolitische Gründe hat. Schwarz-Grün, das noch vor der Bundestagswahl 2021 als mögliches Modell auch für Berlin galt, ist in Misskredit geraten.

Nach zehn Jahren Regierung: Grüne sind Feindbild der Konservativen

Die Grünen, so die Botschaft aus Hessen, sind in der konservativen Bevölkerung zu einem solchen Feindbild geworden, dass die Union gerne die Partnerschaft mit ihnen beendet. Die Abgrenzung von der Ökopartei, die bei CSU-Chef Markus Söder bis zur Ausschließeritis reicht, ist in Mode. Das gilt sogar für ein Bundesland wie Hessen, wo die Grünen pragmatisch regierten und in zehn Jahren Vertrauen zwischen den einst verfeindeten Lagern gewachsen ist.

Der rote Teppich wird vor der konstituierenden Sitzung vor dem hessischen Landtag ausgerollt.

Die Koalition in Wiesbaden war nie eine Liebesbeziehung, sondern immer eine Zweckgemeinschaft. CDU und Grüne haben in zehn Jahren Koalition in Hessen eine Fähigkeit zur Kooperation aufgebaut, die auch in der Corona-Krise oder bei der Unterbringung einer hohen Zahl von Geflüchteten funktionierte. Das Bundesland galt damit als solides Gegenbild zum Chaos der Bundesregierungen von der großen Koalition bis zur Ampel. Es schien nur noch eine Frage der Zeit, bis es auch im Bund erstmals Schwarz-Grün geben würde.

Grüne in Hessen nie dem Ampel-Trend gefolgt

Danach sieht es jetzt nicht mehr aus. Dabei ist die einseitige Beendigung der Beziehung in Hessen eher einer Stimmung als der Notwendigkeit geschuldet, denn so unprofessionell, wie die Grünen in der Bundespolitik teils agieren – Stichworte Heizungsgesetz, Kindergrundsicherung oder Klimageld –, waren die hessischen Grünen nie. Im Gegenteil: Sie haben ihre Ziele – etwa kostengünstige Angebote für den öffentlichen Nahverkehr oder mehr Ökolandbau – konsequent verfolgt. Und dort, wo sie sich nicht durchsetzen konnten, haben sie keinen öffentlichen Koalitionskrach vom Zaun gebrochen.

Es wird sich erweisen müssen, ob die schwarz-rote Koalition in der Lage ist, ebenso professionell zu agieren. Der Auftritt der hessischen SPD wirft jedenfalls kein gutes Licht auf Rheins neuen Partner. Die Genossinnen und Genossen rangelten unerbittlich um Posten, um am Ende ohne ihre erfahrensten Kräfte dazustehen und die Ministerien mit fachfremden Politiker:innen zu besetzen. In Hessen ist es vorbei mit Schwarz-Grün. Aber es wäre zu früh, generell das Ende dieser Konstellation auszurufen.

Bittere Erkenntnis - ein innenpolitischer Rückblick auf das Jahr 2023

Seit Januar: Christine Lambrecht gibt das Verteidigungsministerium auf, ihr folgt Boris Pistorius nach, der die Balance zwischen seinem zögerlichen Kanzler und den von Moskau diktierten Notwendigkeiten des Krieges in der Ukraine besser hält. Im Mai holt sich Pistorius mit Carsten Breuer einen neuen Generalinspekteur. Breuer hatte sich als Manager bei der Ahrflut in der Öffentlichkeit bewährt. Bild: T. SCHWARZ/AFP
Seit Januar: Christine Lambrecht gibt das Verteidigungsministerium auf, ihr folgt Boris Pistorius nach, der die Balance zwischen seinem zögerlichen Kanzler und den von Moskau diktierten Notwendigkeiten des Krieges in der Ukraine besser hält. Im Mai holt sich Pistorius mit Carsten Breuer einen neuen Generalinspekteur. Breuer hatte sich als Manager bei der Ahrflut in der Öffentlichkeit bewährt. Bild: T. SCHWARZ/AFP © AFP
April: Die Maskenpflicht wegen Coronaviren-Gefahr wird auch in Arztpraxen beendet. Damit gilt Deutschland de jure als von der Pandemie befreit. Die Viren schwirren natürlich weiter umher, aber nun gelten sie als ähnlich gesundheitsgefährdend wie Grippeviren. Die Corona-Impfung wird zur weiteren Vorsorgeimpfung. Kennt man ja. Und was geschieht nun im Winter? Corona und Grippe melden sich zurück. rut/Bild: imago images
April: Die Maskenpflicht wegen Coronaviren-Gefahr wird auch in Arztpraxen beendet. Damit gilt Deutschland de jure als von der Pandemie befreit. Die Viren schwirren natürlich weiter umher, aber nun gelten sie als ähnlich gesundheitsgefährdend wie Grippeviren. Die Corona-Impfung wird zur weiteren Vorsorgeimpfung. Kennt man ja. Und was geschieht nun im Winter? Corona und Grippe melden sich zurück. rut/Bild: imago images © IMAGO/Revierfoto
Mai: Auch wenn Jahrhundertkabarettist Matthias Beltz weiterhin Recht behält mit Bremen („Da gewinnt die SPD immer, egal welcher Pfft kandidiert“), ist es für die Partei im Jahr 2023 doch ein Grund zur Freude, dass sie die Bürgerschaftswahl wieder gewinnt. Finden auch der rockige Co-Parteichef und Klampfer Lars Klingbeil und der singende Bürgermeister Andreas Bovenschulte mit Shaker. Rock on! bild: Carmen Jaspersen/AFP
Mai: Auch wenn Jahrhundertkabarettist Matthias Beltz weiterhin Recht behält mit Bremen („Da gewinnt die SPD immer, egal welcher Pfft kandidiert“), ist es für die Partei im Jahr 2023 doch ein Grund zur Freude, dass sie die Bürgerschaftswahl wieder gewinnt. Finden auch der rockige Co-Parteichef und Klampfer Lars Klingbeil und der singende Bürgermeister Andreas Bovenschulte mit Shaker. Rock on! bild: Carmen Jaspersen/AFP © AFP
August: Mit dem Bericht über ein antisemitisches Flugblatt sichert die „Süddeutsche Zeitung“ unbeabsichtigt Hubert Aiwangers Freien Wählern in Bayern den Landtagswahlsieg. Bedröppelt steht nun Markus Söders CSU da, die immer glaubte, sie habe die bayrische Volksseele fest im Griff. Söder bleibt zwar Ministerpräsident, aber Juniorpartner Aiwanger rückt immer näher an die Seniorität. Bild: Tobias SCHWARZ/AFP
August: Mit dem Bericht über ein antisemitisches Flugblatt sichert die „Süddeutsche Zeitung“ unbeabsichtigt Hubert Aiwangers Freien Wählern in Bayern den Landtagswahlsieg. Bedröppelt steht nun Markus Söders CSU da, die immer glaubte, sie habe die bayrische Volksseele fest im Griff. Söder bleibt zwar Ministerpräsident, aber Juniorpartner Aiwanger rückt immer näher an die Seniorität. Bild: Tobias SCHWARZ/AFP © AFP
August: Björn Höcke, der faschistische AfD-Chef in Thüringen – und eigentliche Tonangeber bei den Rechtsaußen – hat es in Aussicht gestellt: Nach 2023 befindet sich Deutschland im „Vorbürgerkrieg“. Das lässt sich als nichts anderes denn als Kampfansage an alles Menschliche und Anständige verstehen. Höcke und seine AfD sind nicht die ersten Rechten der Nachkriegszeit, die mit allen Mitteln die Macht ergreifen wollen. Doch die Chancen von Höckes Gefolgschaft sind erschreckend hoch. Im August veröffentlichte Infratest dimap eine Umfrage, wonach 70 Prozent der Befragten in Deutschland gegen Kooperationen mit der AfD auf lokaler und regionaler Ebene nichts einzuwenden hätten. Und Insa legte nach: 33 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern wären bereit, die AfD zur stärksten Macht im Deutschen Bundestag zu erheben. Bild: Sascha Fromm/Imago Images
August: Björn Höcke, der faschistische AfD-Chef in Thüringen – und eigentliche Tonangeber bei den Rechtsaußen – hat es in Aussicht gestellt: Nach 2023 befindet sich Deutschland im „Vorbürgerkrieg“. Das lässt sich als nichts anderes denn als Kampfansage an alles Menschliche und Anständige verstehen. Höcke und seine AfD sind nicht die ersten Rechten der Nachkriegszeit, die mit allen Mitteln die Macht ergreifen wollen. Doch die Chancen von Höckes Gefolgschaft sind erschreckend hoch. Im August veröffentlichte Infratest dimap eine Umfrage, wonach 70 Prozent der Befragten in Deutschland gegen Kooperationen mit der AfD auf lokaler und regionaler Ebene nichts einzuwenden hätten. Und Insa legte nach: 33 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern wären bereit, die AfD zur stärksten Macht im Deutschen Bundestag zu erheben. Bild: Sascha Fromm/Imago Images © IMAGO/Funke Foto Services
Oktober: Sahra Wagenknecht beweist mit der langwierigen Trennung von ihrer alten Partei, dass nicht nur Männer die Stimmung im Land herunterziehen können. Ob die BSW-Neugründung einer linken oder linkspopulistischen oder radikal linken Partei eine Zukunft hat, muss sich noch weisen. Immerhin hat sie der Linkspartei nun ein historisch vernehmbares Aufatmen ermöglicht. Bild: imago images
Oktober: Sahra Wagenknecht beweist mit der langwierigen Trennung von ihrer alten Partei, dass nicht nur Männer die Stimmung im Land herunterziehen können. Ob die BSW-Neugründung einer linken oder linkspopulistischen oder radikal linken Partei eine Zukunft hat, muss sich noch weisen. Immerhin hat sie der Linkspartei nun ein historisch vernehmbares Aufatmen ermöglicht. Bild: imago images © IMAGO/Emmanuele Contini
Seit Oktober: Die Massaker der Hamas im Süden Israels rufen in Deutschland Schock, Trauer und eine Welle der Solidarität hervor. Sie treiben aber auch Antisemitinnen und Antisemiten aus allen politischen Lagern aus ihren Löchern. Der harte Gegenschlag der Israelis im Gazastreifen befeuert die deutsche Debatte und lässt die Fronten nur noch mehr verhärten. Bild: Carsten Koall/dpa
Seit Oktober: Die Massaker der Hamas im Süden Israels rufen in Deutschland Schock, Trauer und eine Welle der Solidarität hervor. Sie treiben aber auch Antisemitinnen und Antisemiten aus allen politischen Lagern aus ihren Löchern. Der harte Gegenschlag der Israelis im Gazastreifen befeuert die deutsche Debatte und lässt die Fronten nur noch mehr verhärten. Bild: Carsten Koall/dpa © dpa
Christian Lindner, Robert Habeck und Olaf Scholz im Bundestag.
Seit November: Das Bundesverfassungsgericht kippt alle Reformpläne der Ampel-Koalition , weil deren Finanzierung nicht verfassungskonform ist. Nun ist auf der Regierungsbank guter Rat plötzlich sehr teuer – © AFP

In Nordrhein-Westfalen unter Hendrik Wüst und in Schleswig-Holstein unter Daniel Günther regieren die beiden Parteien weiterhin zusammen. In Baden-Württemberg tun sie das unter der Führung eines grünen Ministerpräsidenten, der konservativer nicht sein könnte, in Sachsen und Brandenburg in Dreierbündnissen mit den Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen.

CDU reitet auf Anti-Grünen-Welle

Doch in einer Zeit, in der die „Bild“-Zeitung und rechte Meinungsbildner in den sozialen Netzwerken die Grünen zum größten Übel erklären, schwimmen die Bosse der Union gerne auf der Anti-Grünen-Welle mit. Dieses Weltbild führt tief zurück in die Vergangenheit, in die Zeiten, in denen Leute wie Roland Koch und Joschka Fischer sich aneinander abarbeiteten.

Unter dem einstigen „Schwarzen Sheriff“ Volker Bouffier wurde dieses Denken überwunden. Nun hat ausgerechnet Boris Rhein die Bremse gezogen – der Frankfurter, der in seiner Heimatstadt schwarz-grüne Bündnisse ausgehandelt hat, als sie bei der Landes-CDU noch als „Teufelszeug“ gegolten hätten, wie er einmal sagte. Der Frankfurter Römer, wo CDU und Grüne seit 2006 insgesamt 15 Jahre zusammen regierten, war so etwas wie die Feuerprobe für Schwarz-Grün im Land.

Nun servierte Rhein die Grünen ab – so wie die Ökopartei 2021 der CDU den Stuhl vor die Tür des Römers gestellt hatte. Wer weiß, ob diese späte Genugtuung, neben der bundespolitischen Großwetterlage, auch ein Motiv für Rheins Partnerwahl ist.

CDU und SPD starten den Kulturkampf in Hessen

Die Attraktivität der SPD kann es jedenfalls nicht gewesen sein. Eher ihre Schwäche. Denn Schwarz-Rot ist längst keine „große“ Koalition mehr. Der hessische Koalitionsvertrag spiegelt die Dominanz der CDU wieder.

Haben die Grünen zum Feindbild erklärt. Friedrich Merz (l.) und Markus Söder.

So haben sich CDU und SPD in Hessen auf die Fahnen geschrieben, das Gendern mit Sonderzeichen in der öffentlichen Verwaltung, den Schulen, Universitäten und im Rundfunk zu verbieten. Das ist Teil des Kulturkampfs, der sich gegen das Abziehbild einer angeblich von Grünen und Linken gegängelten Republik wendet.

Koalition in Hessen als Entscheidungshilfe für Friedrich Merz

Wie weit die geschwächte SPD auf diesem Weg mitgeht, wird eine der spannenden Fragen in dieser hessischen Regierung sein. Und auch, ob sie wenigstens einige Erfolge in der Sozial- oder Wohnungsbaupolitik erringt.

Das wird auch Friedrich Merz mit Interesse beobachten. Nach der kommenden Bundestagswahl könnte sich für den CDU-Vorsitzenden die Frage stellen, ob er einer Koalition mit den Grünen oder mit der SPD den Vorzug gibt. Er kann dann bei Boris Rhein in Hessen nachfragen.

Rubriklistenbild: © dpa

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