IPPEN.MEDIA-Interview

CDU-Landesfraktionschef kontert AfD-Strategie: „Tiktok ersetzt nicht Kontakt zu Menschen“

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Thorsten Schick im Interview über den AfD-Erfolg bei Social Media, seine Gemeinsamkeiten mit Merz und ein besonderes Erlebnis mit Hendrik Wüst.

Köln – Thorsten Schick gibt nicht allzu viele Interviews. Der frisch wiedergewählte Chef der CDU-Landtagsfraktion – beachtliche 98,5 Prozent wollten ihn erneut an der Spitze – sieht sich eher als Praktiker. Für IPPEN.MEDIA macht er eine der seltenen Ausnahmen.

Dabei spricht er über den AfD-Erfolg bei TikTok und seine eigene Strategie bei Social Media, seine Gemeinsamkeiten mit CDU-Chef Friedrich Merz und prägende Erlebnisse aus seiner Zeit als Hauptschullehrer. Und Schick erzählt von einem ganz persönlichen Erlebnis mit Ministerpräsident Hendrik Wüst.

AfD bei TikTok extrem erfolgreich: CDU-Politiker setzt auf andere Strategie

Sie sind Diplom-Kaufmann, haben als Sportjournalist beim Radio gearbeitet, waren Lehrer an einer Hauptschule und sind Fraktionschef im Landtag. Haben Sie Schwierigkeiten, sich für eine Sache zu entscheiden?
Das ist eine Entwicklung, die viel mit Zufällen zu tun hat. Zum Radio bin ich durch einen engen Freund gekommen. Damals war ich noch sehr sportlich, da passte Sportjournalismus. Erste Berührungspunkte zur Politik hatte ich als Teenager. Über schulische Aktionen kam der Kontakt zur Jungen Union. Dort wurde ich gefordert und gefördert, so kam mein politischer Weg zustande. Das war kein vorbestimmter Plan, und das finde ich auch schön so.
Und wie sind Sie an die Hauptschule gekommen?  
Lehrer bin ich als Seiteneinsteiger geworden, als ich 2010 zwischenzeitlich aus dem Landtag ausgeschieden bin. Meine Schwester ist Lehrerin, mein bester Freund Lehrer. Und ich fand den Gedanken spannend, mit jungen Menschen zu arbeiten und Wissen zu vermitteln.  
CDU-NRW-Fraktionschef Thorsten Schick in der Kölner Redaktion von IPPEN.MEDIA.
Welche Fächer haben Sie denn unterrichtet? 
Wirtschaftslehre, Mathematik, Politik und Geschichte. 

CDU-Fraktionschef von NRW: „Hauptschullehrer ist schon ein harter Job“

Hat Ihnen Ihre Erfahrung als Politiker dabei geholfen, vor einer Hauptschulklasse zu bestehen? 
Im Plenum versucht die Opposition durchaus gerne, einen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Insofern macht der Politikbetrieb robust. Über mein Selbstvertrauen, auch vor einer Klasse bestehen zu können, gab es wenig Zweifel, aber pädagogisch musste ich schnell extrem viel dazulernen, Hauptschullehrer ist schon ein harter Job. 
Gab es ein prägendes Erlebnis? 
Ich erinnere mich an einen Schüler, der immer wieder zu spät kam. Irgendwann sagte ich ihm: Ich kann mir nicht vorstellen, dass deine Eltern dich immer so spät losschicken. Seine Antwort war: Mich schickt überhaupt niemand los, meine Eltern schlafen immer noch, wenn ich zur Schule gehe. Es hat sich niemand um den Jungen gekümmert. Das hat mich emotional sehr angefasst, und das war mir eine Lehre für meine weitere Politikkarriere. 
Inwiefern?  
Es gibt Chancenungleichheiten im Land, um die Politik sich kümmern muss. In NRW haben wir zum Beispiel das Startchancenprogramm mit niedrigschwelligen Angeboten. Das ist wichtig, und dafür wendet das Land viel Geld auf. Jeder Cent in Bildung ist gut investiert.
Die Landesregierung will 83 Millionen Euro im Sozialhaushalt einsparen. Wie passt das zusammen?
Wenn man die Bereiche Bildung und Soziales zusammenfasst, machen sie knapp 60 Prozent des gesamten Haushaltsvolumens aus. 2010 habe ich im Landtagswahlkampf noch stolz verkündet, dass es durch das damals neue Kinderbildungsgesetz des Landes 1,25 Milliarden Euro für Kinderbetreuung geben wird. In diesem Jahr sind es fünf Milliarden allein für 2024 und jetzt legen wir nochmal eine halbe Milliarde Euro für das kommende Jahr obendrauf. 
In anderen sozialen Bereichen fehlt aber Geld. Zehntausende haben kürzlich gegen die Sparpläne der Landesregierung protestiert. 
Ich fand es ein starkes und wertschätzendes Zeichen, dass sich Sozialminister Karl-Josef Laumann den Demonstranten gestellt hat und ihnen Rede und Antwort stand. Auch uns tut jeder Euro weh, den wir im Sozialbereich umschichten müssen, aber wir müssen aktuell priorisieren. Bei allen Diskussionen um Einsparungen muss auch berücksichtigt werden, dass wir viele zusätzliche Investitionen tätigen, um soziale Strukturen zu erhalten und Familien zu unterstützen. Zudem betreffen die Vorschläge oft Positionen, die durch Mittel des Europäischen Sozialfonds aufgefangen werden können oder wo Projekte auslaufen oder Gelder nicht vollständig abgerufen wurden.
400 Millionen investiert die Regierung in das Sicherheitspaket. Die Entscheidung scheint in der schwarz-grünen Koalition nicht für Reibung gesorgt zu haben. Auf Bundesebene war man von der Ampel anderes gewohnt. Ist Schwarz-Grün in NRW vielleicht eine Blaupause für die nächste Koalition im Bundestag? 
Schwarz-Grün in Nordrhein-Westfalen ist zuerst einmal eine Blaupause für gutes Regieren. Hier haben sich Parteien auf einen gemeinsamen Weg gemacht, um Sorgen und Nöte von Menschen in den Vordergrund zu stellen und nicht eigene Befindlichkeiten. Diese Erfahrung erleichtert es sicher, über mögliche Konstellationen nach der Bundestagswahl zu sprechen. Aber erstmal gilt für mich, dass ich auf meine Partei, auf die CDU, schaue. Es gibt vieles, das in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen ist. Diese Themen stellen wir jetzt nach vorn.  
Welche wären das?
Die Stärkung des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Wir hatten zwei Jahre hintereinander Rezession, und die Aussichten sind alles andere als rosig. Die Wachstumsprognosen werden fortlaufend nach unten korrigiert. Nächstes Jahr wird Donald Trump US-Präsident sein. Er hat schon angekündigt, mit Zöllen gerade die deutsche Automobilindustrie in den Fokus zu nehmen. Ich komme aus Südwestfalen, einer Region, wo die Wirtschaft extrem exportabhängig ist. 10.000 Personen in einem Kreis, der etwa 400.000 Menschen umfasst, sind in Kurzarbeit. Die Menschen erwarten Antworten von der nächsten Regierung, beispielsweise im Bereich der Energiepolitik. 
Microsoft will sich im Rheinischen Revier ansiedeln. Das soll weitere Tech- und Industrieunternehmen anziehen. Die brauchen günstige Energie. Woher soll die kommen? 
Wir investieren enorm in den Ausbau der Erneuerbaren Energien, das alleine wird aber nicht reichen. Leider hat sich der Bundeskanzler immer wieder gegen sein eigenes Versprechen eines günstigen Industriestrompreises gestellt. Die neue Bundesregierung muss hier schnell ihre Hausaufgaben machen, die Kraftwerksstrategie der Ampel greift viel zu kurz.

War der Atomausstieg in Deutschland ein Fehler?

Gaskraftwerke sollen den Ausgleich bringen.  
Damit der Kohleausstieg 2030 gelingt, müssen Schwankungen durch Erneuerbare Energien im Stromnetz ausgeglichen werden. Dafür brauchen wir genügend Gaskraftwerke, die später mit Wasserstoff betrieben werden können. Bereits heute ist absehbar, dass die seitens der Bundesregierung vorgesehenen Kraftwerkskapazitäten alleine nicht ausreichen werden. Mit jedem Tag, der verstreicht, wird es unrealistischer, dass diese Kraftwerke 2030 zur Verfügung stehen. Das schreckt auch Unternehmen ab, hier zu investieren.  
„Ich merke, dass das Interesse an echten Begegnungen wieder steigt“, sagt Thorsten Schick im Gespräch mit Thomas Kemmerer und Peter Sieben.
In den USA bauen die großen Tech-Konzerne eigene Atomkraftwerke oder wollen Kapazitäten reservieren, weil das KI-Business energieintensiv ist. Ist das Thema Atomkraft in Deutschland tot? 
Die Genehmigungszeiten sind so lang, dass die Debatte darüber eine rein akademische wäre und keinen praktischen Sinn mehr ergibt. 
War der Atomausstieg ein Fehler? Initiiert hat ihn die CDU gemeinsam mit der SPD.
Nach Fukushima ist der Ausstieg beschleunigt worden. Als die Gaspreise im Zuge des Ukraine-Kriegs explodiert sind, hatten wir aber noch fünf Atomkraftwerke am Netz. Ich stelle mir schon die Frage: Warum hat man diese Werke nicht noch ein bisschen länger laufen lassen? 
Das Bundeswirtschaftsministerium argumentiert mit zu hohen Kosten, einem zu großen Sicherheitsrisiko und verfassungsrechtlichen Bedenken. 
Wer dann entscheidet, dass wir keinen Atomstrom mehr in Deutschland haben, der muss sich umso schneller darum kümmern, dass Alternativen geschaffen werden. Da ist zu wenig passiert. 
CDU und Grüne liegen inhaltlich in vielen Punkten recht weit auseinander. War es schwer, sich aneinander zu gewöhnen?
Ich finde es sehr wertvoll, dass wir in NRW auf menschlicher Ebene extrem gut zusammenarbeiten. Es gibt großes gegenseitiges Vertrauen und auf beiden Seiten ein großes Interesse daran, die Arbeitsweisen und Entscheidungsprozesse beim jeweils anderen kennenzulernen.
Wie läuft das ab? Gehen Sie, Hendrik Wüst und Mona Neubaur dann mal zusammen ein Bier trinken? 
Sagen wir es so: Es geht um ein wertschätzendes und persönliches Miteinander, nicht nur um irgendeinen politischen Deal. Das führte bislang immer zu gemeinsamen Lösungen. Zum Beispiel beim Thema Windenergie, die ein großer Schritt nach vorne ist. Schwarz und Grün haben hier Lösungen gefunden, auf die wären andere Konstellationen vielleicht nicht gekommen.
Friedrich Merz hat neulich gesagt, dass er Windräder hässlich findet. Wie fanden Sie das?
Friedrich Merz sieht das sicher ähnlich wie wir als Koalition in NRW. Regenerative Energie ist notwendig. Wir haben entschieden, dass Bürger und Gemeinden aktiv an den Erlösen durch Windräder partizipieren können. Das schafft Akzeptanz vor Ort. Wenn man im Sauerland aber bestimmte Höhenzüge sieht, kann ich schon die Argumentation vieler Menschen dort verstehen, die sagen: Na ja, ohne Windräder sieht dieser Höhenzug irgendwie schöner aus. Wir haben aber Kompromisse gefunden: Windkraftkonzentrationszonen sorgen dafür, dass in touristisch attraktiven Regionen nicht allzu viele Einzelanlagen in der Landschaft nötig sind.
Friedrich Merz stammt wie Sie aus dem Sauerland. Gibt es eine typisch westfälische Eigenschaft, die Sie teilen?
Ich gelte ja eher als der Rheinländer unter den Westfalen. Als ich das erste Mal kandidiert habe, war die Überschrift in der Lokalzeitung: ‚Gute-Laune-Schick möchte in den Landtag‘. Was uns verbindet, ist vielleicht ein starker Fokus auf Mittelstand und Menschen, die versuchen, mit Schaffenskraft das Land voranzubringen und einen Wohlstand zu erwirken, der Freiraum für Innovationen eröffnet. 

TikTok und Co: „Parteien wie AfD und BSW leben von reißerischen Tabubrüchen“

Steht die CDU insgesamt eher für die Landbevölkerung und die Grünen eher für die Großstädter? 
Auch in Großstädten gibt es ein starkes bürgerliches Milieu, Essen und Düsseldorf beispielsweise werden von der CDU regiert. Ich bin aber auch deswegen ein großer Verfechter der schwarz-grünen Koalition, weil ich glaube, dass sie Brücken bauen kann. Beispielsweise beim Ausgleich der Interessen zwischen Stadt und Land. 
Wenn man sich die sozialen Medien anschaut, haben da allerdings besonders polarisierende Botschaften oft den größten Erfolg. Wie kann man da gegenhalten? 
Man kann auch mal hart in der Sache sein, aber unter dem Strich habe ich kein Interesse an polarisierenden Debatten und der Spaltung der Gesellschaft. Dieses Geschäft betreiben die Parteien an den Rändern. 
Wie die AfD, die bei TikTok sehr viel erfolgreicher ist als die Union. Wie wollen Sie sich da behaupten? 
Die Wertschätzung von Social-Media-Posts ist viel stärker, wenn es direkte Bezüge zu Menschen gibt, die man persönlich getroffen hat. Parteien wie AfD und BSW leben von reißerischen Tabubrüchen. Wir hingegen gehen raus und kommen mit den Menschen ins Gespräch, sei es auf dem Marktplatz, beim Kreissportbund oder auch mal an der Theke. TikTok ersetzt nicht den Kontakt zu echten Menschen.  
Aber gegen die Reichweite von Akteuren, die auf extreme Polarisierung setzen, kommen sie damit nicht an. Wird das nicht zum Problem? 
Ich merke, dass das Interesse an echten Begegnungen wieder steigt. Viele Menschen haben keine Lust mehr auf Acht-Sekunden-Beiträge und zugespitzte Reden. Je wilder die Zeiten werden, und wild sind sie in diesen Tagen, desto mehr sehnen sich die Leute nach echten Gesprächen mit Menschen, denen man vertrauen kann. Es ist kein Zufall, dass die Popularität von Karl-Josef Laumann oder Herbert Reul groß ist. Und Hendrik Wüst hat eine ungemeine Strahlkraft. 
Wie macht sich das bemerkbar? 
Ich bin in engem Austausch mit meinen Fraktionsvorsitzenden-Kollegen in anderen Bundesländern. Viele möchten Hendrik Wüst im Wahlkampf dabeihaben. Er vermittelt einfach ein Gefühl der Menschlichkeit, und das ist nicht gespielt.
Das klingt jetzt aber ein bisschen sehr ideal.  
Ist aber authentisch. Ein kleines Beispiel: Ich war im Sommer mit meiner Familie beim Champions-League-Finale und Hendrik Wüst rief an. Ich hätte aus dem Telefonat heraus etwas mitschreiben und zusammenfassen sollen, irgendwann fiel Wüst aber ein: „Ach, ihr seid doch in London. Dann mach ich das eben selbst, hab mir eh Notizen gemacht. Habt ihr mal einen schönen Abend.” Ich glaube, die Leute erkennen es, wenn jemand Menschlichkeit nicht nur spielt. 

Rubriklistenbild: © Peter Sieben

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