Nicht zum Kanzler gewählt

Reaktionen auf Wahl-Klatsche für Merz: „Chaos im Land“ – Söder sieht „Vorboten von Weimar“

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Friedrich Merz ist nicht zum Kanzler gewählt. Er scheiterte beim ersten Wahlgang im Bundestag. Die Reaktionen fallen teils bestürzt aus.

Berlin – Ratlosigkeit, Schock, Entsetzen – das waren die ersten Reaktionen auf das Scheitern von Friedrich Merz (CDU) bei der Kanzlerwahl. Hatte morgens noch jeder damit gerechnet, dass Merz heute loslegt als Kanzler, platzten dessen Ambitionen urplötzlich und überraschend. Merz erlebte ein Debakel im Bundestag, das es zuvor in Deutschland noch nie bei einer Kanzlerwahl gegeben hatte.

Friedrich Merz verlässt nach gescheiterter Kanzlerwahl sofort den Plenarsaal

Sechs Stimmen zu wenig hatte Friedrich Merz beim ersten Wahlgang der Kanzlerwahl im Bundestag. Der CDU-Chef verließ sofort mit erstarrter Miene den Plenarsaal, zog sich mit dem engsten Kreis zurück. Es geht jetzt um die weitere Strategie und einen zweiten Termin für die Kanzlerwahl, von Mittwoch oder Freitag ist die Rede.

Friedrich Merz (CDU) verlässt im Bundestag bei der Kanzlerwahl das Unions-Fraktionsbüro. Merz ist im Bundestag im ersten Wahlgang durchgefallen, die Reaktionen fallen geschockt aus.

Merz nicht zum Kanzler gewählt – Warnungen vor „Chaos im Land“

Die Reaktionen auf die Kanzlerwahl fallen heftig aus. Nicht nur bei den Fast-Koalitionspartnern Union und SPD ist der Schock groß: Katrin Göring-Eckardt (Grüne) warnte auf X davor, mit Schadenfreude auf Merz‘ verpatzte Kanzlerwahl zu blicken: „Das ist nicht gut. Auch wenn ich diesen Kanzler nicht will oder unterstütze. Kann nur alle warnen, sich über Chaos zu freuen“, schrieb sie nach dem ersten Wahlgang. Renate Künast (Grüne) sagte, die fehlende Mehrheit für Merz im ersten Wahlgang verheiße „nichts Gutes für die Fähigkeit, Mehrheiten zu organisieren bei einen zukünftigen Kanzler Merz“.

Ralf Stegner (SPD) blickte ebenfalls mit großer Sorge auf den schlechten Start des designierten Kanzlers Merz: „Wir haben ja keine Alternative, sonst stürzt das Land ins Chaos“, sagte er zum Spiegel. Sören Pellmann, kommissarischer Fraktionschef der Linken, sah ebenfalls „großes Chaos“ schon bevor die schwarz-rote Koalition im Amt ist. 

„Das ist absurd“, erklärte wiederum Olaf Scholz vor der Presse. Der Noch-Kanzler muss nun nach seiner Verabschiedung am Montag (5. März) in die Verlängerung. Nach der Merz-Pleite bleibt er erstmal geschäftsführend im Amt.

Merz nicht gewählt: Söder mahnt nach verpatzter Kanzler-Wahl vor Weimarer Verhältnissen

Der CSU-Vorsitzende Markus Söder mahnte zur Besonnenheit. „Es ist jetzt der falsche Zeitpunkt zu streiten und gar eine Schuldzuweisung zu machen“, sagte Söder laut der Nachrichtenagentur AFP. „Es geht jetzt nicht um den Einzelnen, es geht um uns alle.“ Wichtig sei, vernünftig und ruhig zu bleiben.

Der bayerische Ministerpräsident warnte zugleich nachdrücklich vor einem Scheitern von Merz. Dies könne „am Ende ein Vorbote von Weimar sein“, sagte Söder. Er spielte damit auf die gescheiterte Weimarer Republik an, auf die in Deutschland 1933 der Nationalsozialismus folgte – „der heutige Vormittag zeigt, dass wir in einer ernsten Lage sind“, betonte der CSU-Politiker.

Merz bei Kanzlerwahl im Bundestag gescheitert – „Startmöglichkeiten verpufft“

Deutschland brauche jetzt kein neues politisches Chaos, sondern politische Stabilität und eine neue Regierung – so fielen die meisten Reaktionen am Dienstag aus. Im Sender Phoenix sagte der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte, dass Merz einen großen Dämpfer erhalten habe. „Die Startmöglichkeiten für ihn, mit vielleicht auch Zauber des Anfangs daherzukommen, die sind verpufft“.

Dennoch könne Merz nach wie vor ein erfolgreicher Kanzler werden, so der Politologe, wenn er nach einem erfolgreichen späteren Wahlgang schnell zeige, dass er wichtige Vorhaben für Deutschland voranbringe. Merz wollte eigentlich gleich am nächsten Montag als neuer deutscher Kanzler nach Polen reisen, dann zum französischen Präsidenten Emmanuel Macron nach Paris. Ob das jetzt noch klappt, ist offen.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Reaktionen auf Merz-Scheitern bei Kanzlerwahl im Bundestag – Linke und AfD mit Häme

Auch die Schuldzuweisungen für das Scheitern im Wahlgang gingen sofort los: Linken-Chef Jan van Aken erklärte, Merz könne nur spalten, nicht aber verbinden.

AfD-Chefin Alice Weidel sagte im gewohnten Ton zu Journalisten: „Der Wahlbetrüger und Lügner Friedrich Merz ist im ersten Wahlgang gescheitert.“ Es brauche Neuwahlen, um „das langsame Sterben von Friedrich Merz sofort zu beenden“. Den AfD-Abgeordneten im Bundestag war ihre Freude über die Schlappe von Merz nach dem ersten Wahlgang ins Gesicht geschrieben. Sie unterhielten sich gelöst und umarmten sich selig.

Merz wird nicht zum Kanzler gewählt – Wadephul bemüht sich um Fassung

Der designierte Außenminister Johann Wadephul bemühte sich nach der Kanzlerwahl um Nüchternheit: „Abgeordnete sind eben keine Abstimmungsmaschinen“, sagte er vor der Presse. Man müsse jetzt halt in einen zweiten Wahlgang, Merz werde es dann schon schaffen.

Auch für die neuen geplanten Minister des neuen Kabinetts läuft der Tag nun anders als gedacht: Sie sollten heute vereidigt werden und ihr Ressort beziehen, sind mit Familien und Unterstützern angereist. Daraus wird jetzt nichts: Friedrich Merz ist erst einmal nicht Kanzler – und ohne Kanzler gibt es kein Kabinett. Wie es jetzt weitergeht für Merz, regelt das Grundgesetz. (smu)

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa

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