Antrittsbesuch in Peking

Baerbock in China: Die Außenministerin bricht zu ihrer schwierigsten Mission auf

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Annalena Baerbock reist zum Antrittsbesuch nach China. Wirklich willkommen dürfte sich die deutsche Außenministerin in Peking nicht fühlen.

München/Peking – Annalena Baerbock war keine zwei Monate im Amt, da musste sich die deutsche Außenministerin von Chinas Propagandazeitung Global Times als „Großmaul“ beschimpfen lassen. Die „Hardlinerin“ Baerbock vertrete eine „extreme“ China-Politik und verwechsle „richtig und falsch“, zeterte das staatlich kontrollierte Blatt und prophezeite: „Wenn eine deutsche Politikerin den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, wird ihr politisches Leben nicht mehr lange dauern.“ Mehr als ein Jahr ist das nun her, und Baerbock ist, vielleicht zur Überraschung manch chinesischer Zeitungskommentatoren, noch immer im Amt.

Jetzt fliegt die Grünen-Politikerin erstmals in ihrer Rolle als Außenministerin nach China: Baerbock wird zunächst am Donnerstag in der nordostchinesischen Hafenstadt Tianjin mit ihrem chinesischen Amtskollegen Qin Gang sowie Vertretern der deutschen Wirtschaft zusammentreffen. Am Tag darauf folgen in Peking Begegnungen unter anderem mit Chinas oberstem Außenpolitiker Wang Yi, den Baerbock zuletzt auf der Münchner Sicherheitskonferenz traf. Später geht es weiter nach Südkorea und Japan.

Es ist Baerbocks bislang heikelste Reise, offiziell angekündigt wurde der Kurztrip erst wenige Stunden vor Abflug. Kaum hatte am Mittwochvormittag Chinas Außenamt den Besuch bestätigt, fragen die Nutzer auf dem ansonsten streng zensierten sozialen Netzwerk Weibo, warum ihr Land eine „Anti-China-Pionierin“ und „Schoßhündin der USA“ überhaupt empfange. Ein herzliches Willkommen sieht anders aus.

Chinas Staats- und Parteichef: So stieg Xi Jinping zum mächtigsten Mann der Welt auf

Chinas heutiger Staatschef Xi Jinping (2. von links) mit anderen Jugendlichen im Mao-Anzug
Xi Jinping wurde am 15. Juni 1953 in Peking geboren. Als Sohn eines Vize-Ministerpräsidenten wuchs er sehr privilegiert auf. Doch in der Kulturrevolution wurde er wie alle Jugendlichen zur Landarbeit aufs Dorf geschickt. Das Foto zeigt ihn (zweiter von links) 1973 mit anderen jungen Männer in Yanchuan in der nordwestlichen Provinz Shaanxi. Dort soll Xi zeitweise wie die Einheimischen in einer Wohnhöhle gelebt haben. © imago stock&people
Xi Jinping steht vor der Golden Gate Bridge in San Francisco
Xi Jinping 1985 vor der Golden Gate Bridge in San Francisco: Damals war er als junger Parteichef des Landkreises Zhengding in der nordchinesischen Agrarprovinz Hebei Delegationsleiter einer landwirtschaftlichen Studienreise nach Muscatine im US-Bundesstaat Iowa. Dort nahm die Gruppe nach offiziellen Berichten „jeden Aspekt der modernen Landwirtschaft unter die Lupe“. Anschließend reiste Xi weiter nach Kalifornien. Es war sein erster USA-Besuch. © imago stock&people
Xi Jingping und Peng Liyuan
Zweites Eheglück: Xi Jinping und seine heutige Ehefrau, die Sängerin Peng Liyuan, Anfang 1989. Zu dieser Zeit war Xi Vizebürgermeister der ostchinesischen Hafenstadt Xiamen. Die beiden haben eine gemeinsame Tochter. Xis erste Ehe war nach nur drei Jahren an unterschiedlichen Lebenszielen gescheitert. Seine erste Frau, die Diplomatentochter Ke Lingling, zog in den 1980er-Jahren nach Großbritannien. © imago
Xi Jinping gräbt mit Parteikollegen an einem Damm zur Verstärkung eines Deiches in Fujian
Aufstieg über die wirtschaftlich boomenden Küstenregionen: 1995 war Xi Jinping bereits stellvertretender Parteichef der Taiwan gegenüberliegenden Provinz Fujian – und noch ganz volksnah. Im Dezember 1995 arbeitet er mit an der Verstärkung eines Deiches am Minjiang-Fluss. © Imago/Xinhua
Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt Chinas Vizepräsident Xi Jinping das Regierungsviertel in Berlin
Vizepräsident Xi Jinping 2009 im Kanzleramt bei Angela Merkel: Die deutsch-chinesischen Beziehungen waren unter Merkel relativ eng und von wirtschaftlicher Zusammenarbeit geprägt. Merkel und Xi reisten aus Berlin weiter nach Frankfurt, um die dortige Buchmesse zu eröffnen. China war als Ehrengast geladen. © GUIDO BERGMANN/Pool/Bundesregierung/AFP
Die Vizepräsidenten Xi Jinping aus China und Joe Biden aus den USA halten T-Shirts mit einer Freundschaftsbekundung in die Kamera
Ein Bild aus besseren Zeiten: Aus ihrer jeweiligen Zeit als Vizepräsidenten kamen Joe Biden und Xi Jinping mehrmals zusammen. Im Februar 2012 demonstrierten sie bei einer Reise Xis nach Los Angeles in einer Schule „guten Willen“ zur Freundschaft mit T-Shirts, die ihnen die Schüler überreicht hatten. Damals fehlten Xi nur noch wenige Monate, um ganz an die Spitze der Kommunistischen Partei aufzusteigen. © FREDERIC J. BROWN/AFP
Ein alter Mann in Shanghai schaut auf Xi bei seiner ersten Rede als Parteichef im Fernseher.
Xi Jinping hat es geschafft: Zum Ende des 18. Parteitags am 15. November 2012 wurde Xi als neuer Generalsekretär der Kommunisten präsentiert – und ganz China schaute zu. Xi gelobte in seiner ersten kurzen Rede als Parteichef, die Korruption zu bekämpfen und ein „besseres Leben“ für die damals 1,3 Milliarden Menschen des Landes aufzubauen.  © PETER PARKS/AFP
Der neue Staatschef Xi Jinping geht hinter seinem Vorgänger Hu Jintao zu seinem Platz in der Großen Halle des Volkes in Peking.
Übernahme auch des obersten Staatsamtes: Xi Jinping wurde auf dem Nationalen Volkskongress im März 2013 Präsident und schloß damit den Übergang von seinem Vorgänger Hu Jintao (vorn im Bild) zur Xi-Ära ab. © GOH CHAI HIN/AFP
Chinas Präsident und seine Ehefrau Peng Liyuan gehen über den Flughafen Orly in Paris.
Xi Jinpings Ehefrau Peng Liyuan ist die erste First Lady Chinas, die auch öffentlich in Erscheinung tritt. Hier kommt das Ehepaar zu einem Staatsbesuch in Frankreich an. Die Gattinnen von Xis Vorgängern hatten sich nie ins Rampenlicht gedrängt. Vielleicht auch, weil Maos politisch aktive dritte Ehefrau Jiang Qing nach dem Tod des „Großen Vorsitzenden“ als Radikale verurteilt worden war. © YOAN VALAT/Pool/AFP
Funktionäre der Kommunistischen Partei Chinas auf dem Weg zum Parteitag in Peking
So sehen KP-Funktionäre aus: Delegierte des 19. Parteitags auf dem Weg zur Großen Halle des Volkes in Peking im Oktober 2017. Auf diesem Parteitag gelang es dem Staats- und Parteichef, seine „Xi Jinping-Gedanken zum Sozialismus Chinesischer Prägung in der Neuen Ära“ in die Parteiverfassung aufzunehmen. Er war der erste nach Mao, der zu Lebzeiten in der Verfassung eine Theorie mit seinem Namen platzieren konnte. Einen Kronprinzen präsentierte Xi auf dem Parteitag nicht – entgegen den normalen Gepflogenheiten. © GREG BAKER/AFP
Xi Jinping nimmt in einer Staatslimousine „Rote Fahne“ die Parade zum 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China ab.
70 Jahre Volksrepublik China: Staatschef Xi Jinping nahm 2019 in einer offenen Staatslimousine Marke „Rote Fahne“ die Militärparade in Peking zum Jahrestag der Staatsgründung ab. © GREG BAKER/AFP
Wirtschaftsforum in Wladiwostok
Xi Jinping pflegt eine offene Freundschaft zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin – bis heute, trotz des russischen Angriffskrieges in der Ukraine. Putin und Xi teilen die Abneigung gegen die von den USA dominierte Weltordnung. Hier stoßen sie 2018 bei einem gemeinsamen Essen auf dem Wirtschaftsforum von Wladiwostok, auf dem sich Russland als Handelspartner und Investitionsziel im asiatischen Raum präsentierte, miteinander an. © Sergei Bobylev/POOL TASS Host Photo Agency/dpa
Xi Jinping besucht im weißen Kittel ein Labor und lässt sich die Impfstoffentwicklung erklären
Ende 2019 brach in China die Corona-Pandemie aus. Im April 2020 informierte sich Xi Jinping in einem Labor in Peking über die Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung. Xi ist bis heute überzeugt, dass China die Pandemie besser im Griff hat als der Rest der Welt. Seine Null-Covid-Politik beendet er nicht, wohl auch wegen der viel zu niedrigen Impfquote unter alten Menschen. © Ding Haitao/Imago/Xinhua
Xi Jinpings Konterfei lächelt von einem Teller mit rotem Hintergrund
Auf dem 20. Parteitag im Oktober 2022 ließ sich Xi Jinping zum dritten Mal zum Generalsekretär der Kommunisten ernennen. Damit ist er der mächtigste Parteichef seit Mao Zedong. © Artur Widak/Imago

Außenministerin Baerbock in China: Risikominimierung statt Abkoppelung

Deutlich freundlicher war die Stimmung in dem Land, als Bundeskanzler Olaf Scholz im vergangenen November in Peking mit Staats- und Parteichef Xi Jinping zusammenkam. In Peking sieht man Scholz als verlässlichen Verbündeten, der erkannt habe, worum es im Verhältnis zwischen China und Deutschland geht: um wirtschaftlichen Austausch zum beiderseitigen Nutzen, nicht um Abkoppelung und als nervig empfundenes Menschenrechtsgedöns.

Unlängst hatte allerdings auch Außenministerin Baerbock klargemacht, dass sie keine wirtschaftliche Entflechtung von China anstrebe, sondern eine Risikominimierung. Einseitige Abhängigkeiten müssten im Interesse der eigenen Sicherheit reduziert werden, sagte Baerbock vergangene Woche am Rande eines Nato-Treffens in Brüssel. Wie das gehen soll, sollte eigentlich eine deutsche China-Strategie aufzeigen – die allerdings noch immer auf sich warten lässt. Vor der Theorie kommt für Baerbock in China nun also die Praxis.

Unangenehm für Baerbock dürfte dabei werden, dass nur wenige Stunden vor ihrem Abflug bekannt wurde, dass der Einstieg der chinesischen Staatsreederei Cosco beim Hamburger Hafenterminal Tollerort auf der Kippe steht. Denn das Terminal wurde nun als kritische Infrastruktur registriert. Baerbock und ihr Parteikollege, Wirtschaftsminister Robert Habeck, waren zwar von Anfang an gegen das Engagement von Cosco; durchgesetzt hatte sich im vergangenen Oktober allerdings der Kanzler, wenn auch mit einem Kompromiss, der die Beteiligung auf unter 25 Prozent drückte. In Peking dürfte sich Baerbock nun einige unangenehme Fragen anhören müssen, obwohl die Hafenfrage gar nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fällt.

Mitte Februar traf Außenministerin Baerbock in München mit Chinas Top-Diplomat Wang Yi zusammen. Nun gibt es in Peking ein Wiedersehen.

Wie weit kommt Baerbock in China mit ihrer „wertegeleiteten Außenpolitik“?

In China wird sich auch zeigen, wie weit Baerbock mit ihrer „wertegeleiteten Außenpolitik“ kommt. Das Thema Menschenrechte stehe jedenfalls prominent auf der Tagesordnung, hieß aus dem Außenministerium. Unklar blieb hingegen, ob Baerbock auch mit Regimegegnern vor Ort sprechen wird oder ob es bei Mahnungen, etwa mit Blick auf Xinjiang und Tibet, bleiben wird. In China ist man es gewöhnt, derartige Belehrungen höflich wegzulächeln.

Über allem stehen aber wohl sowieso zwei noch einmal deutlich brisantere Themen. So will Baerbock mit Qin Gang und Wang Yi auch über den Ukraine-Krieg sprechen und die Rolle, die China in dem Konflikt spielt. Das Land weigert sich, Russlands Angriffskrieg zu verurteilen – und dringt gleichzeitig auf eine friedliche Lösung, ohne aber konkrete Schritte dahin zu unternehmen.

Baerbock sieht eine Vermittlerrolle Chinas wegen seiner Nähe zu Russland ohnehin kritisch, anders als etwa Brasiliens Präsident Luiz Inácia Lula da Silva, der am Freitag von Xi Jinping empfangen wird, oder Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Dieser hatte sich in der vergangenen Woche an Xi die Zähne ausgebissen, als er den chinesischen Präsidenten zu einer aktiveren Rolle bei einer möglichen friedlichen Lösung des Konflikts drängen wollte. Baerbock dürfte mit gedämpften Erwartungen nach Peking reisen.

Nach Macrons Taiwan-Äußerungen: Baerbock muss in China die Dinge richtigstellen

Überhaupt Macron: Der Franzose hatte unlängst auch in der deutschen Politik für einigen Unmut gesorgt, nachdem er in einem Interview gefordert hatte, Europa müsse in der Taiwan-Frage Abstand zu den USA halten, um nicht in einen Konflikt hineingezogen zu werden, der die Europäer nichts angehe. „Wir lehnen uns natürlich eng an die USA an“, hieß es dazu von der Bundesregierung, ansonsten aber wolle man Macrons Äußerungen nicht kommentieren. Für China, das seit Jahren versucht, einen Keil zwischen die USA und Europa zu treiben, war das Macron-Interview jedenfalls ein gefundenes Fressen. An Baerbock liegt es nun, den Chinesen klarzumachen, dass sich die Europäer und ihre amerikanischen Verbündeten mitnichten auseinander dividieren lassen. Und dass eine friedliche Lösung des Taiwan-Konflikts sehr wohl im ureigensten Interesse Europas liegt.

Vor Baerbocks Reise zeigte sich das Außenministerium in Berlin „sehr besorgt“ über die Lage in der Taiwan-Straße. Dort hatte Chinas Militär nach dem USA-Besuch der taiwanischen Präsidentin Tsai Ing-wen mehrere Tage lang unter anderem eine Abriegelung der Insel geprobt. Die kommunistische Volksrepublik betrachtet das demokratisch regierte Taiwan als abtrünnige Provinz und versucht, die Regierung in Taipeh international zu isolieren.

Man erwarte, so eine Sprecherin des Auswärtigen Amts, dass alle Beteiligten „zu Stabilität und Frieden beitragen“. Chinas „Drohgebärden“ stünden dem entgegen. Eine „einseitige Veränderung des Status quo“ lehne Deutschland ab. Auch das dürfte man in Peking nicht gerne hören. Das Umfeld für Baerbocks Antrittsbesuch in China könnte schlechter also kaum sein.

Rubriklistenbild: © Sven Hoppe/AFP

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