Keine Einigung

Trotz Corona-Lage: EU schränkt Einreise aus China nicht ein, spricht jedoch Empfehlung aus

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Angesichts der steigenden Corona-Zahlen in China empfiehlt die EU fortan eine Testpflicht für Einreisende. Die Wirkung der Maßnahme ist unter Ärzten und Epidemiologen umstritten.

München/Brüssel/Peking – Trotz rasant steigender Corona-Zahlen in China haben sich die EU-Staaten nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen können. In Brüssel vereinbarten die EU-Staaten lediglich eine Empfehlung der Testpflicht. Wie die schwedische Ratspräsidentschaft nach dem Treffen mitteilte, werden die EU-Mitgliedsstaaten nachdrücklich zu einer Kontrolle aufgefordert. Diese solle einen maximal 48 Stunden alten, negativen Corona-Test für Reisende aus China vor der Abreise beinhalten.

Die EU-Staaten sprachen ebenfalls eine Empfehlung für das Tragen von Masken aus. An Bord der Flugzeuge sollten bestenfalls medizinische oder FFP2-Masken verwendet werden. Die Entscheidung ist für die EU-Staaten nicht bindend, gilt aber als Leitfaden. Mitte Januar sollen die Maßnahmen überprüft werden.

Einreise aus China: Die Wirkung einer Testpflicht ist umstritten

Umstritten ist, was Maßnahmen wie eine Testpflicht bringen. Es sei „unsinnig“ anzunehmen, dass durch Einreisende aus China in Europa eine neue Corona-Welle entstehen könnte, sagte etwa der Epidemiologe Klaus Stöhr am Mittwoch im Deutschlandfunk. Angesichts der ohnehin noch immer hohen Infektionszahlen in Europa würden ein paar Tausend zusätzliche Infektionen aus China keinen Unterschied machen. „Das ist vielleicht ein oder 0,5 Prozent mehr Fälle, die im Land dann auftreten.“ Auch von Tests an der Grenze hält Stöhr wenig. Es sei so zwar möglich, neue Varianten festzustellen. Welche davon dominant seien, wisse man dann allerdings noch nicht. Außerdem dauere es Monate, einen angepassten Impfstoff zu entwickeln. „Dann ist die Variante schon durchgeschlüpft.“

Bereits in den vergangenen Tagen hatten mehrere europäische Staaten Regelungen zum Umgang mit Reisenden aus China erlassen. Italien, Frankreich, Spanien und Großbritannien verlangen Corona-Tests von Menschen, die mit dem Flugzeug aus der Volksrepublik einreisen. Österreich und Belgien kündigten an, das Abwasser von Flugzeugen aus China untersuchen zu lassen. So sollen potenziell gefährliche neue Virusvarianten entdeckt werden. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte zuletzt auf ein gemeinsames europäisches Vorgehen gedrängt. Wichtig sei ein „Varianten-Monitoring“ an den Flughäfen, für eine Testpflicht für Einreisende sehe er allerdings derzeit keinen Grund. Anders sieht das etwa Johannes Nießen, Vorsitzender des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Den Zeitungen der Funke Mediengruppe sagte Nießen am Dienstag: „Jeder Reisende aus China sollte bei der Einreise in die EU per Schnelltest getestet werden.“

China lehnt Einreisebeschränkungen ab: „unverhältnismäßig und einfach inakzeptabel“

Chinas Außenministerium wies die Einreisebeschränkungen, die mehrere Länder bereits erlassen hatten, am Dienstag als „unwissenschaftlich“ zurück. „Einige dieser Maßnahmen sind unverhältnismäßig und einfach inakzeptabel“, sagte eine Außenamtssprecherin in Peking. „Wir lehnen es entschieden ab, Covid-Maßnahmen für politische Zwecke zu nutzen, und werden auf der Grundlage des Prinzips der Gegenseitigkeit entsprechende Maßnahmen als Reaktion auf unterschiedliche Situationen ergreifen.“ China selbst verlangt von Menschen, die in die Volksrepublik reisen, einen negativen PCR-Test.

Eine Reisende aus Peking am Flughafen von Madrid: Die EU hat sich auf gemeinsame Regeln für den Umgang mit Ankommenden aus China geeinigt.

China hatte nach drei Jahren Null-Covid-Politik Anfang Dezember in einer überraschenden Kehrtwende fast sämtliche Corona-Maßnahmen abgeschafft. Seitdem haben sich viele Millionen Menschen im Land mit dem Virus infiziert; es dürfte auch zu unzähligen Todesfällen gekommen sein. Verlässliche Daten gibt es nicht, weil die chinesischen Behörden kürzlich aufgehört haben, die täglichen Fallzahlen zu veröffentlichen; zudem fließen in die Todesstatistiken nur noch Corona-Infizierte ein, die an einer Lungenentzündung oder an Atemversagen gestorben sind. Verschiedene Schätzungen und Berechnungen gehen davon aus, dass sich im Laufe der aktuellen Corona-Welle zwischen 70 und 90 Prozent der 1,4 Milliarden Chinesen mit dem Virus anstecken werden. Zudem könnte es zu Hunderttausenden Todesfällen kommen.

Einige chinesische Experten gehen davon aus, dass mehrere Großstädte wie Peking, Shanghai und Guangzhou den Scheitelpunkt der Corona-Welle bereits erreicht haben. In den nächsten Wochen dürfte sich die Welle vor allem auf die ländlichen Gebiete ausbreiten, vor allem in den Tagen rund um das chinesische Neujahrsfest. Es wird dieses Jahr am 22. Januar gefeiert. Dann fahren traditionell viele Millionen Stadtbewohner zu ihren Verwandten aufs Land. Die örtlichen Gesundheitssysteme könnte das vor große Herausforderungen stellen, da viele ländliche Krankenhäuser unzureichend ausgestattet sind. Zudem sind vor allem Menschen über 80 nicht ausreichend gegen das Coronavirus geimpft. Ein Angebot der EU, kostenlos Impfstoff zur Verfügung zu stellen, hatte die Regierung von Staats- und Parteichef Xi Jinping abgelehnt. Man habe die Situation „unter Kontrolle“, so die Sprecherin des chinesischen Außenministeriums.

Rubriklistenbild: © Pierre-Philippe Marcou/afp

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