Hunderttausende Tote befürchtet

Chinas Corona-Chaos: Das Virus ist außer Kontrolle – und Staatschef Xi Jinping schweigt

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Noch im November verkaufte Xi Jinping seinen Corona-Kurs als alternativlos – jetzt die Kehrtwende. Erklärt hat sich Chinas Parteichef bislang nicht. Das müssen andere für ihn erledigen.

München/Peking – Man stelle sich vor, Deutschland wird von einer neuen Corona-Welle erfasst, in nur zwei, drei Tagen werden Hunderttausende krank – und die Tagesthemen erwähnen mit keinem Wort die langen Schlangen vor den Krankenhäusern, die Medikamentenknappheit oder die nackte Panik, die viele ergriffen hat. Klingt absurd? Nicht in China: Seit dem Ende der Null-Covid-Politik liegt gefühlt das halbe Land flach. In den Hauptnachrichten aber ist am Donnerstag die Eröffnung des chinesisch-lateinamerikanischen Unternehmergipfels in Ecuador das wichtigste Thema. Gegen Ende der Sendung wird dann behauptet, es seien zuletzt nur 2000 neue Corona-Fälle gemeldet worden, alles halb so schlimm also.

Mitte vergangener Woche hatte China völlig überraschend seine Corona-Politik massiv gelockert. Nach drei Jahren Lockdowns, Zwangsquarantäne und Massentests war die Null-Covid-Strategie plötzlich Geschichte. Seitdem gibt es kaum noch Einschränkungen, und das Virus kann sich ungehindert ausbreiten – in einem Land, in dem sich keine Herdenimmunität entwickeln konnte und das es versäumt hat, die besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen ausreichend zu impfen. Wie viele Menschen sich in den vergangenen Tagen infiziert haben, ist nicht bekannt  – zumal Chinas Nationale Gesundheitskommission kürzlich dazu übergegangen ist, nur noch Menschen mit Symptomen in ihre Statistiken aufzunehmen. Todesfälle gibt es angeblich keine.

Chinas Staats- und Parteichef: So stieg Xi Jinping zum mächtigsten Mann der Welt auf

Chinas heutiger Staatschef Xi Jinping (2. von links) mit anderen Jugendlichen im Mao-Anzug
Xi Jinping wurde am 15. Juni 1953 in Peking geboren. Als Sohn eines Vize-Ministerpräsidenten wuchs er sehr privilegiert auf. Doch in der Kulturrevolution wurde er wie alle Jugendlichen zur Landarbeit aufs Dorf geschickt. Das Foto zeigt ihn (zweiter von links) 1973 mit anderen jungen Männer in Yanchuan in der nordwestlichen Provinz Shaanxi. Dort soll Xi zeitweise wie die Einheimischen in einer Wohnhöhle gelebt haben. © imago stock&people
Xi Jinping steht vor der Golden Gate Bridge in San Francisco
Xi Jinping 1985 vor der Golden Gate Bridge in San Francisco: Damals war er als junger Parteichef des Landkreises Zhengding in der nordchinesischen Agrarprovinz Hebei Delegationsleiter einer landwirtschaftlichen Studienreise nach Muscatine im US-Bundesstaat Iowa. Dort nahm die Gruppe nach offiziellen Berichten „jeden Aspekt der modernen Landwirtschaft unter die Lupe“. Anschließend reiste Xi weiter nach Kalifornien. Es war sein erster USA-Besuch. © imago stock&people
Xi Jingping und Peng Liyuan
Zweites Eheglück: Xi Jinping und seine heutige Ehefrau, die Sängerin Peng Liyuan, Anfang 1989. Zu dieser Zeit war Xi Vizebürgermeister der ostchinesischen Hafenstadt Xiamen. Die beiden haben eine gemeinsame Tochter. Xis erste Ehe war nach nur drei Jahren an unterschiedlichen Lebenszielen gescheitert. Seine erste Frau, die Diplomatentochter Ke Lingling, zog in den 1980er-Jahren nach Großbritannien. © imago
Xi Jinping gräbt mit Parteikollegen an einem Damm zur Verstärkung eines Deiches in Fujian
Aufstieg über die wirtschaftlich boomenden Küstenregionen: 1995 war Xi Jinping bereits stellvertretender Parteichef der Taiwan gegenüberliegenden Provinz Fujian – und noch ganz volksnah. Im Dezember 1995 arbeitet er mit an der Verstärkung eines Deiches am Minjiang-Fluss. © Imago/Xinhua
Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt Chinas Vizepräsident Xi Jinping das Regierungsviertel in Berlin
Vizepräsident Xi Jinping 2009 im Kanzleramt bei Angela Merkel: Die deutsch-chinesischen Beziehungen waren unter Merkel relativ eng und von wirtschaftlicher Zusammenarbeit geprägt. Merkel und Xi reisten aus Berlin weiter nach Frankfurt, um die dortige Buchmesse zu eröffnen. China war als Ehrengast geladen. © GUIDO BERGMANN/Pool/Bundesregierung/AFP
Die Vizepräsidenten Xi Jinping aus China und Joe Biden aus den USA halten T-Shirts mit einer Freundschaftsbekundung in die Kamera
Ein Bild aus besseren Zeiten: Aus ihrer jeweiligen Zeit als Vizepräsidenten kamen Joe Biden und Xi Jinping mehrmals zusammen. Im Februar 2012 demonstrierten sie bei einer Reise Xis nach Los Angeles in einer Schule „guten Willen“ zur Freundschaft mit T-Shirts, die ihnen die Schüler überreicht hatten. Damals fehlten Xi nur noch wenige Monate, um ganz an die Spitze der Kommunistischen Partei aufzusteigen. © FREDERIC J. BROWN/AFP
Ein alter Mann in Shanghai schaut auf Xi bei seiner ersten Rede als Parteichef im Fernseher.
Xi Jinping hat es geschafft: Zum Ende des 18. Parteitags am 15. November 2012 wurde Xi als neuer Generalsekretär der Kommunisten präsentiert – und ganz China schaute zu. Xi gelobte in seiner ersten kurzen Rede als Parteichef, die Korruption zu bekämpfen und ein „besseres Leben“ für die damals 1,3 Milliarden Menschen des Landes aufzubauen.  © PETER PARKS/AFP
Der neue Staatschef Xi Jinping geht hinter seinem Vorgänger Hu Jintao zu seinem Platz in der Großen Halle des Volkes in Peking.
Übernahme auch des obersten Staatsamtes: Xi Jinping wurde auf dem Nationalen Volkskongress im März 2013 Präsident und schloß damit den Übergang von seinem Vorgänger Hu Jintao (vorn im Bild) zur Xi-Ära ab. © GOH CHAI HIN/AFP
Chinas Präsident und seine Ehefrau Peng Liyuan gehen über den Flughafen Orly in Paris.
Xi Jinpings Ehefrau Peng Liyuan ist die erste First Lady Chinas, die auch öffentlich in Erscheinung tritt. Hier kommt das Ehepaar zu einem Staatsbesuch in Frankreich an. Die Gattinnen von Xis Vorgängern hatten sich nie ins Rampenlicht gedrängt. Vielleicht auch, weil Maos politisch aktive dritte Ehefrau Jiang Qing nach dem Tod des „Großen Vorsitzenden“ als Radikale verurteilt worden war. © YOAN VALAT/Pool/AFP
Funktionäre der Kommunistischen Partei Chinas auf dem Weg zum Parteitag in Peking
So sehen KP-Funktionäre aus: Delegierte des 19. Parteitags auf dem Weg zur Großen Halle des Volkes in Peking im Oktober 2017. Auf diesem Parteitag gelang es dem Staats- und Parteichef, seine „Xi Jinping-Gedanken zum Sozialismus Chinesischer Prägung in der Neuen Ära“ in die Parteiverfassung aufzunehmen. Er war der erste nach Mao, der zu Lebzeiten in der Verfassung eine Theorie mit seinem Namen platzieren konnte. Einen Kronprinzen präsentierte Xi auf dem Parteitag nicht – entgegen den normalen Gepflogenheiten. © GREG BAKER/AFP
Xi Jinping nimmt in einer Staatslimousine „Rote Fahne“ die Parade zum 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China ab.
70 Jahre Volksrepublik China: Staatschef Xi Jinping nahm 2019 in einer offenen Staatslimousine Marke „Rote Fahne“ die Militärparade in Peking zum Jahrestag der Staatsgründung ab. © GREG BAKER/AFP
Wirtschaftsforum in Wladiwostok
Xi Jinping pflegt eine offene Freundschaft zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin – bis heute, trotz des russischen Angriffskrieges in der Ukraine. Putin und Xi teilen die Abneigung gegen die von den USA dominierte Weltordnung. Hier stoßen sie 2018 bei einem gemeinsamen Essen auf dem Wirtschaftsforum von Wladiwostok, auf dem sich Russland als Handelspartner und Investitionsziel im asiatischen Raum präsentierte, miteinander an. © Sergei Bobylev/POOL TASS Host Photo Agency/dpa
Xi Jinping besucht im weißen Kittel ein Labor und lässt sich die Impfstoffentwicklung erklären
Ende 2019 brach in China die Corona-Pandemie aus. Im April 2020 informierte sich Xi Jinping in einem Labor in Peking über die Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung. Xi ist bis heute überzeugt, dass China die Pandemie besser im Griff hat als der Rest der Welt. Seine Null-Covid-Politik beendet er nicht, wohl auch wegen der viel zu niedrigen Impfquote unter alten Menschen. © Ding Haitao/Imago/Xinhua
Xi Jinpings Konterfei lächelt von einem Teller mit rotem Hintergrund
Auf dem 20. Parteitag im Oktober 2022 ließ sich Xi Jinping zum dritten Mal zum Generalsekretär der Kommunisten ernennen. Damit ist er der mächtigste Parteichef seit Mao Zedong. © Artur Widak/Imago

Chinas Corona-Politik ist „absolut richtig“, schreibt die Staatspresse

Wie düster die Lage wirklich ist, zeigt sich in unzähligen Berichten und Videos, die in den sozialen Medien geteilt werden. Da berichtet ein Bestatter in Pekings Stadtbezirk Chaoyang, er wisse gar nicht mehr, wo er all die Corona-Toten lagern solle, weil er mit dem Verbrennen nicht mehr hinterherkomme. Andere erzählen, wie sie stundenlang vor völlig überfüllten Krankenhäusern anstehen mussten – oder verzweifelt versuchen, an Fiebermedikamente und Selbsttests zu kommen.

Und Chinas Staats- und Parteichef? Vor wenigen Wochen erst hatte Xi Jinping auf dem Parteikongress von Chinas Kommunisten seine knallharte Corona-Politik verteidigt und behauptet, vorderstes Ziel sei es, Menschenleben zu schützen. Noch im November hatten Staatsmedien Xi mit den Worten zitiert, China werde mit seiner Null-Covid-Politik „unbeirrt“ fortfahren, um den „Kampf“ gegen die Pandemie „entschlossen zu gewinnen“. Jetzt aber, da es offenbar zu massenhaft Todesfällen kommt, schweigt Xi Jinping. Pikant: Just an dem Tag, als China die Corona-Lockerungen verkündete, flog Xi zum Staatsbesuch nach Saudi-Arabien.

Offenbar aus Angst vor einer Infektion wagte sich dieser Mann in Peking nur mit Gasmaske aus dem Haus.

Statt sich selbst an sein Volk zu wenden, schickt er andere vor, um den Kurswechsel zu rechtfertigen. Etwa die Vize-Ministerpräsidentin Sun Chunlan, die zuerst Lockerungen verkündete und später erklärte, dass die Zahl der Corona-Infektionen in Peking „rasant steigt“. Oder Zhong Nanshan, den renommiertesten Epidemiologen des Landes, der sagte, man solle Covid-19 ab sofort einfach als „Corona-Erkältung“ bezeichnen, weil das Virus kaum gefährlicher sei als eine Grippe. Gleichzeitig verteidigte das Parteiblatt, die Volkszeitung, am Donnerstag in einem ganzseitigen Kommentar Xis Corona-Politik als „absolut richtig“.

China und Corona: Erst drei Jahre Angst – jetzt die plötzliche Öffnung

Die Chinesen wissen derweil nicht mehr, was sie glauben sollen. Schließlich hatte man ihnen drei Jahre lang eingeredet, dass die einzige Alternative zur Null-Covid-Politik ein Massensterben wie im Rest der Welt sei. Geradezu genüsslich hatten die chinesischen Staatsmedien monatelang jeden Tag aufs Neue Horrorzahlen etwa aus den USA vermeldet, wo gut eine Million Menschen an Covid starben. Und heute? Hat der Corona-Horror China selbst erreicht.

Die große Frage ist, warum China ausgerechnet jetzt eine Kehrtwende in der Corona-Politik hinlegt. Waren es die Proteste Ende November, die zu einem Umdenken geführt haben? In Dutzenden Städten waren Tausende Menschen auf die Straße gegangen, um gegen den Lockdown-Wahnsinn zu demonstrieren. Aber warum dann diese plötzliche, völlig übereilte Öffnung? Schließlich hätte Xi auch einen schrittweisen Plan präsentieren können, der Lockerungen in den nächsten Monaten in Aussicht stellt. Auch das hätte die wütenden Bürger wohl besänftigt und der Regierung Zeit gegeben, das Gesundheitssystem auf den erwarteten Andrang von Kranken vorzubereiten – und mit einer neuen Kampagne die Impfquote unter den besonders Verletzlichen zu erhöhen. Nur rund 40 Prozent der über 80-jährigen Chinesen haben bislang eine dritte Impfung erhalten, die notwendig ist, damit Chinas selbst produzierte Vakzine den vollen Schutz bieten. Von heute auf morgen lässt sich das kaum ändern.

Chinas Top-Epidemiologe Zhong Nanshan erklärt den jüngsten Kurswechsel mit der hochansteckenden Omikron-Variante: „Unter solchen Umständen ist es schwierig, die Übertragungsketten komplett zu unterbrechen – egal wie stark die Vorbeugung und Kontrolle sind.“ Dass Omikron bereits Anfang des Jahres in China angekommen war, verschweigt man lieber.

Chinas wachsender Einfluss: So wollen Deutschland und die EU den Anschluss wahren.

China drohen Hunderttausende Corona-Tote

Laut Weltgesundheitsorganisation WHO war die Zahl der Corona-Fälle bereits vor den Lockerungen massiv gestiegen. Falls das stimmt, bleibt die Frage, warum Chinas Krankenhäuser erst seit wenigen Tagen von Corona-Kranken gestürmt werden. Vielleicht ja, weil die Menschen aus Angst vor einer Zwangsquarantäne bislang lieber zu Hause blieben, wenn sie sich infiziert hatten.

Auf viele Chinesen wirkt Xi Jinpings Corona-Politik jedenfalls vollkommen unverständlich, der Unmut in den streng kontrollierten sozialen Medien nimmt zu. Trey McArver von der auf China spezialisierten Beratungsfirma Trivium spricht vom „gefährlichsten Moment in der chinesischen Politik seit Jahrzehnten“ und einer „gefährlichen Zeit für Xi Jinping“. Bei einer Online-Veranstaltung Mitte der Woche sagt McArver, „zum ersten Mal, seit Xi im Amt ist“, sei nicht klar, „welches Standing“ er in der Kommunistischen Partei noch habe. Er glaube aber nicht, dass Xis Herrschaft ernsthaft in Gefahr sei. Schließlich hätten Chinas oberste Anführer schon weitaus dramatischere Krisen überstanden, etwa den „Großen Sprung nach Vorne“, als Ende der 1950-er Jahre eine missglückte Wirtschaftsreform von Staatsgründer Mao Zedong zu bis zu 50 Millionen Hungertoten führte.

Unklar ist, ob Xi Jinping die Corona-Kehrtwende im Alleingang entschieden hat. Wenn ja, dann spräche das für eine fast grenzenlose Machtfülle von Chinas Staats- und Parteichef. Es wäre eine beängstigende Vorstellung, wenn ein Mann alleine, vielleicht aus einer Laune heraus, derart folgenschwere – und ganz offensichtlich erratische – Entscheidungen treffen kann. Zentral ist, wie sich die Lage in den kommenden Wochen entwickelt. Mehreren Studien zufolge könnten schon bald Hunderttausende Menschen sterben – eine derartige Tragödie könnte selbst Chinas massiver Zensurapparat nicht mehr verheimlichen. Ein Zurück zur Null-Covid-Politik dürfte allerdings ausgeschlossen sein. „Der Geist ist aus der Flasche“, sagte Trivium-Analyst McArver.

Rubriklistenbild: © Andy Wong/dpa

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