VonFinn Mayer-Kuckukschließen
Der Staatsbetrieb SAIC wagt als erster chinesischer Autohersteller die Produktion in der EU. Der Schritt in den Zielmarkt wird das Ansehen und die rechtliche Stellung der chinesischen Anbieter dramatisch verbessern.
Dieser Artikel liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem China.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn China.Table am 6. Juli 2023.
Shanghai – Der staatliche Autohersteller SAIC aus Shanghai sucht nach einem Standort für die Produktion vor Ort in Europa. Das berichtet das Magazin Caixin aus einem Pressetreffen mit Firmenchef Yu De. Yu hege Europa-Pläne, weil sein Unternehmen im ersten Halbjahr 115.000 Autos in der EU abgesetzt hat, ein Anstieg von 143 Prozent. Generell zeichnet sich ein Verkaufsboom guter und günstiger E-Automodelle aus China in der EU ab.
SAIC wäre der erste chinesische Autohersteller, der in der EU eine eigene Produktion aufbaut, ohne eine komplette europäische Marke zu übernehmen. Zwar hat Geely im Jahr 2010 Volvo gekauft und verfügt damit über Fabriken in Schweden, Belgien und den Niederlanden. Was SAIC jetzt vorhat, ähnelt dagegen eher den ersten Schritten des japanischen Anbieters Toyota in die EU, der seit 1992 vor Ort herstellt und inzwischen acht europäische Standorte betreibt.
Newsletter von Table.Media
Erhalten Sie 30 Tage kostenlos Zugang zu weiteren exklusiven Informationen der Table.Media Professional Briefings – das Entscheidende für die Entscheidenden in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Verwaltung und NGOs.
Chinas Autobauer in Deutschland: Vorteile für Image, Zölle und Logistik
SAIC streckt bereits ganz konkret die Fühler in der Region aus. Chen Hong, Chairman von SAIC, und Wang Xiaoqiu, Präsident des Unternehmens, waren dem Bericht zufolge für erste Sondierungen in Europa unterwegs.
Eine Produktion in der EU hätte eine Reihe von wichtigen Vorteilen für SAIC:
- Was vor Ort produziert wird, ist vor Handelsstreit und Zöllen geschützt. Je höher der lokale Herstellungsanteil, desto weniger können politische Querelen dem Geschäft etwas anhaben.
- Die gesellschaftliche Akzeptanz der Anbieter ist höher, wenn sie vor Ort Arbeitsplätze schaffen.
- Die Lieferwege sind kürzer.
Chinas Autobauer wollen Kritikern Wind aus den Segeln nehmen
China steht insgesamt als besserer Wirtschafts-Weltbürger da, wenn es nicht nur im eigenen Land herstellt und fremde Märkte überschwemmt, sondern bereit ist, sich vor Ort zu engagieren. Es hat inzwischen die nötige Kapitalkraft und Erfahrung erreicht, um diese neue Stufe der globalen Einbindung zu erklimmen.
Investitionen in Produktionsanlagen in anderen Ländern würden auch deshalb als fair empfunden, weil die europäische, amerikanische, japanische und taiwanische Industrie über die Jahrzehnte viele Strukturen in China aufgebaut hat. Die Werke internationaler Hersteller haben ganzen Städten und Regionen zur Entwicklung verholfen.
Das Vorhaben von SAIC verrät zugleich eine langfristige Orientierung in Richtung des europäischen Marktes. „Der Plan zeigt, dass die chinesischen Autohersteller kommen, um zu bleiben“, sagt Stefan Bratzel von Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach. Sie haben gelernt, dass Erfolge auf der internationalen Bühne nicht kurzfristig erreicht werden, sondern einen langen Atem benötigen. „Aus chinesischer Sicht halte ich das für einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung“, sagt Bratzel.
Elektroauto-Markt in China boomt: Zehn Marken, die Sie kennen sollten




Absatz von China-Autos in Deutschland steigt rasant
Im Jahr 2020 tauchte SAIC noch gar nicht als Hersteller in der Zulassungsstatistik des Kraftfahrt-Bundesamts auf. Im Jahr 2021 setzte das Unternehmen 3.239 Fahrzeuge in Deutschland ab, 2022 waren es bereits 15.684 – ein Anstieg von 480 Prozent. Dabei handelt es sich durchweg um Elektroautos.
SAICS wichtigster Brückenkopf in Europa ist die britische Marke MG, die sich seit 2007 im Besitz des Shanghaier Unternehmens befindet. Die Autos werden seit 2016 komplett in China gebaut und verkaufsfertig exportiert. Im Mai hat SAIC 21.000 Autos der Marke MG in Europa abgesetzt, 170 Prozent mehr als im Vorjahr.
Die BBC berichtet, in dem neuen europäischen Werk sollen nicht in erster Linie Autos der Marke MG hergestellt werden, noch sei aber nicht entschieden, welche Marken vom Band laufen sollen. Weitere SAIC-Marken sind Roewe, Maxus, Rising und Yue Jin. Offen ist auch, ob SAIC eine neue Fabrik auf die grüne Wiese setzt oder ein vorhandenes Werk kauft und anpasst. Ein heißer Kandidat dafür wäre die Fabrik von Ford in Saarlouis im Saarland. Kurz nach den Regierungskonsultationen in Berlin im Juni wurde bekannt, dass ein Investor für den Standort gefunden sei.
SAIC ist wichtiger VW-Partner
Ford stellt die Produktion dort 2025 ein. Alle Beteiligten haben ein Interesse daran, möglichst viele der 5.700 Beschäftigten in dem Ford-Werk und bei den benachbarten Zulieferern zu erhalten. Ein Einstieg von SAIC würde also bestens passen.
Der deutschen Auto-Community ist SAIC schon lange ein Begriff. In China handelt es sich um einen wichtigen Partner von Volkswagen. Die Zusammenarbeit begann 1984 mit der gemeinsamen Produktion des in China legendären Santana. Seit 1988 existiert ein ungewöhnlich erfolgreiches Gemeinschaftsunternehmen.
Wie überall in Chinas Autoindustrie läuft bei SAIC die Umstellung auf die E-Mobilität derzeit sehr konsequent, so dass auch VW die Partnerschaft mit dem Konzern vertieft. Das Ranking des International Council on Clean Transportation (ICCT) ordnet SAIC zusammen mit vielen anderen chinesischen Anbietern und den deutschen Firmen mit Mittelfeld der Unternehmen ein, die die Umstellung schnell vorantreiben. Tesla und BYD bilden die Spitze.
Derweil gibt es bei Elektroautos eine „fatale Entwicklung“: VW kämpft mit flauem E-Auto-Absatz.
