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Chinas Ministerpräsident ist zu Regierungskonsultationen nach Berlin gekommen. Die Bundesregierung müsse „alle Streitpunkte ansprechen“, fordert CDU-Außenpolitiker Jürgen Hardt.
Berlin – Sie tragen rote T-Shirts, schwenken kleine chinesische Fähnchen und recken ein riesiges rotes Banner in die Luft: Ein gutes Dutzend junger Chinesinnen und Chinesen hat sich an diesem Montag am Potsdamer Platz und vor dem Schloss Bellevue in Berlin versammelt, um – so ist in chinesischen Schriftzeichen auf dem Banner zu lesen – ihrem Ministerpräsidenten Li Qiang ein „herzliches Willkommen“ zu wünschen. Es ist ein Begrüßungskommando wie aus dem Bilderbuch. Ein klein wenig aber wirkt es so, als sei es von Chinas Regierung bestellt worden. Willkommen ist Li jedenfalls nicht bei jedem während seines ersten Deutschlands-Besuchs, mehrere Menschenrechtsgruppen hatten im Vorfeld lautstarke Proteste angemeldet.
Li Qiang, einer der engsten Vertrauten von Staatschef Xi Jinping, ist nach Deutschland gekommen, um an den mittlerweile siebten deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen teilzunehmen. Zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt im März hat Chinas Ministerpräsident dazu die Volksrepublik verlassen. Regierungskonsultationen finden regelmäßig mit besonders engen Partnern wie Frankreich, Spanien und den Niederlanden statt – oder aber mit Ländern, die für Deutschland besonders wichtig sind, wie Indien, Brasilien und eben China. Bundeskanzler Olaf Scholz sowie acht Bundesminister und -ministerinnen werden am Dienstag an den Gesprächen teilnehmen, aus Peking hat Ministerpräsident Li ebenfalls acht Minister mitgebracht. Das Treffen steht unter der Überschrift „Gemeinsam nachhaltig handeln“.
Steinmeier: China muss „Einfluss auf Russland zu nutzen, um auf einen gerechten Frieden hinzuwirken“
Am Montagvormittag wurde Li Qiang bereits von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue empfangen. Steinmeier forderte China dabei laut einer Sprecherin auf, im Ukraine-Krieg „sein weltpolitisches Gewicht und seinen Einfluss auf Russland zu nutzen, um auf einen gerechten Frieden hinzuwirken“. Auch hob er die große Bedeutung der derzeit angespannten amerikanisch-chinesischen Beziehungen für die weltweite Sicherheit hervor – in Peking war am Sonntag und Montag US-Außenminister Blinken mit Vertretern der chinesischen Regierung zusammengekommen, unter anderem mit Staatschef Xi.
Anlässlich von Li Qiangs Berlin-Besuch erklärte die chinesische Regierung nun, man sei bereit, im Geiste gegenseitigen Respekts „Kooperationspotenziale gemeinsam auszuschöpfen, Unterschiede und Differenzen angemessen anzugehen, und unsere umfassende strategische Partnerschaft inhaltlich zu bereichern“. Li hoffe auf ein „starkes positives Signal für stabile internationale Industrie- und Lieferketten sowie Weltfrieden und -prosperität“, hieß es in einer Stellungnahme der chinesischen Regierung.
Bundeskanzler Scholz, der am Montagabend mit Li zusammentreffen wird, erwartet ein „ganz wichtiges Arbeitstreffen“. Jetzt sei der richtige Zeitpunkt, sich miteinander auszutauschen, so Scholz. Auch wollen beide Staaten die Zusammenarbeit beim Klima- und Umweltschutz intensivieren. Das kündigten Umweltministerin Steffi Lemke und ihr chinesischer Amtskollege Huang Runqiu am Montag nach Gesprächen im Vorfeld der Konsultationen an. Beide Länder verbinde hier eine „langjäjrige Zusammenarbeit“, so Lemke. China komme im globalen Umweltschutz eine Schlüsselrolle zu.
China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt




FDP-Politikerin Alt: „Menschenrechtsverletzungen ansprechen und verurteilen“
Michael Roth (SPD), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, erwartet, dass die chinesische Seite bei den Gesprächen Fragen zum neuen Konzept des „De-Risking“ haben werde. „Schließlich wollen wir einseitige Abhängigkeiten bei strategisch wichtigen Gütern und Technologien beenden“, so Roth zu IPPEN.MEDIA. Im Ukraine-Krieg werde man China deutlich machen, dass für eine konstruktive Rolle mehr nötig sei als „abstrakt über Frieden und Stabilität zu sprechen“: „Trotz des Zwölf-Punkte-Plans und des neuen chinesischen Gesandten sehe ich keine Anzeichen, dass Peking seinen Einfluss aktiv nutzt, um Moskau zum Einlenken zu bewegen.“ Vor wenigen Wochen hatte Chinas Sondergesandter Li Hui unter anderem Russland und die Ukraine besucht.
Die FDP-Politikerin Renata Alt fordert untedessen, dass in Berlin auch „Menschenrechtsverletzungen des kommunistischen Regimes von Xi Jinping vom Kanzler und den Kabinettsmitgliedern in aller Deutlichkeit angesprochen und verurteilt werden“. Raum für Kompromisse gebe es bei diesem Thema nicht, sagte die Vorsitzende des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe im Bundestag unserer Redaktion. „Uiguren und Tibeter, Menschenrechtsanwälte, Journalisten, Aktivisten in Hongkong – jeder, der Zhongnanhai nicht nach dem Mund redet, riskiert Verfolgung und Verhaftung“, so Alt. Zhongnanhai ist der Sitz der chinesischen Regierung in Peking.
Deutsche Wirtschaft will weiter mit China zusammenarbeiten
Die Bundesregierung betrachtet China ebenso wie die EU als Partner, Wettbewerber und systemischen Rivalen. „Wir sehen, dass dabei die Elemente der Rivalität und des Wettbewerbs in den vergangenen Jahren zugenommen haben“, heißt es in der Nationalen Sicherheitsstrategie, die am vergangenen Mittwoch vom Kabinett beschlossen wurde. In dem Dokument wird Peking zudem vorgeworfen, regionale Stabilität und internationale Sicherheit „zunehmend unter Druck“ zu setzen. Eine eigene China-Strategie will die Bundesregierung in den nächsten Wochen vorlegen.
Die deutsche Wirtschaft sucht derweil nach Wegen, weiterhin mit China zusammenzuarbeiten. Bei der Erarbeitung der China-Strategie habe man sich vor allem mit China als Systemrivalen und Wettbewerber auseinandergesetzt, sagte Jens Hildebrandt, Geschäftsführer der Deutschen Handelskammer (AHK), am Freitag in einer Presserunde zu den Konsultationen in Peking. Die Diskussion um China als Kooperationspartner sei zu kurz gekommen. In einer kürzlichen AHK-Umfrage Umfrage sprachen sich die Mitgliedsunternehmen für mehr Kooperation in verschiedenen Branchen aus, darunter Umweltschutz und Klimaneutralität, intelligente Fertigung, Elektroautos, digitale Infrastruktur sowie Gesundheitswesen und Altenpflege.
CDU-Außenpolitiker Hardt: „Freihandel stärken, anstatt politische Spannungen zu schüren“
Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, bezeichnete die Regierungskonsultationen als „überfällig“. Die Bundesregierung müsse „alle Streitpunkte ansprechen“, darunter „die gefährliche chinesische Außenpolitik der Destabilisierung der pazifischen Region“ und den Taiwan-Konflikt. „Wenn Peking an einer nach eigenem Bekunden friedlichen Entwicklung interessiert ist, sollte es alle Eroberungsrhetorik gegenüber Taiwan beenden“, sagte Hardt unserer Redaktion.
Der CDU-Politiker fordert China zudem auf, „den Freihandel zu stärken, anstatt politische Spannungen zu schüren“. Das sei auch im Interesse Pekings: „Die USA zusammen mit der Europäischen Union bilden ungeachtet des chinesischen Aufstieges den stärksten und innovativsten Wirtschaftsraum der Welt. China kann davon profitieren, wenn es zu Zusammenarbeit statt Konfrontation bereit ist.“
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