Peking und der Ukraine-Krieg

Chinas neuer Außenminister: Peking ist bereit, „die chinesisch-russischen Beziehungen weiter voranzutreiben“

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Seit ein paar Tagen hat China einen neuen Außenminister – und der hat prompt mit seinem Amtskollegen im Kreml gesprochen. „Nichts deutet darauf hin, dass China seinen Kurs gegenüber Russland ändert“, sagt ein Experte.

München/Peking – Kaum im Amt, machte Chinas neuer Außenminister deutlich, wo seine Prioritäten liegen: Peking sei bereit, „die chinesisch-russischen Beziehungen weiter voranzutreiben“, sagte Qin Gang am Montag in einem Telefonat mit dem russischen Außenminister Sergei Lawrow. Es war Qins erstes Gespräch mit einem ausländischen Amtskollegen, seit er am 30. Dezember zum Top-Diplomaten der chinesischen Regierung ernannt wurde – und die USA, wo er zuvor als Botschafter tätig war, verlassen hatte. Qin lobte in dem Telefonat die „umfassende strategische Partnerschaft der Zusammenarbeit zwischen China und Russland“ und versprach, mit Lawrow künftig „enge Kontakte zu pflegen“.

Überraschend kommt Qins Bekenntnis zu Russland nicht: Seit Beginn der russischen Invasion hält die Regierung in Peking zum Kreml, spricht von einem „Konflikt“ statt von einem Krieg. Sie fordert zwar Verhandlungen, um das Morden zu beenden – unternimmt aber keinerlei Schritte in diese Richtung. Immer wieder betont Peking zudem die „felsenfeste Freundschaft“ zu Moskau.

Außenminister Qin setzt diese Politik seines Amtsvorgängers Wang Yi fort. Wang selbst wurde im vergangenen Oktober auf dem Parteitag von Chinas Kommunisten in das 24-köpfige Politbüro befördert, wo er auch weiterhin für Chinas Diplomatie zuständig ist. Während Wang nun, zusammen mit Staats- und Parteichef Xi Jinping, die Leitlinien der chinesischen Außenpolitik festlegt, ist es Aufgabe von Qin Gang, diese umzusetzen. Vor dem Gespräch mit Lawrow dürfte er sich eng mit Wang abgestimmt haben.

Chinas Staats- und Parteichef: So stieg Xi Jinping zum mächtigsten Mann der Welt auf

Chinas heutiger Staatschef Xi Jinping (2. von links) mit anderen Jugendlichen im Mao-Anzug
Xi Jinping wurde am 15. Juni 1953 in Peking geboren. Als Sohn eines Vize-Ministerpräsidenten wuchs er sehr privilegiert auf. Doch in der Kulturrevolution wurde er wie alle Jugendlichen zur Landarbeit aufs Dorf geschickt. Das Foto zeigt ihn (zweiter von links) 1973 mit anderen jungen Männer in Yanchuan in der nordwestlichen Provinz Shaanxi. Dort soll Xi zeitweise wie die Einheimischen in einer Wohnhöhle gelebt haben. © imago stock&people
Xi Jinping steht vor der Golden Gate Bridge in San Francisco
Xi Jinping 1985 vor der Golden Gate Bridge in San Francisco: Damals war er als junger Parteichef des Landkreises Zhengding in der nordchinesischen Agrarprovinz Hebei Delegationsleiter einer landwirtschaftlichen Studienreise nach Muscatine im US-Bundesstaat Iowa. Dort nahm die Gruppe nach offiziellen Berichten „jeden Aspekt der modernen Landwirtschaft unter die Lupe“. Anschließend reiste Xi weiter nach Kalifornien. Es war sein erster USA-Besuch. © imago stock&people
Xi Jingping und Peng Liyuan
Zweites Eheglück: Xi Jinping und seine heutige Ehefrau, die Sängerin Peng Liyuan, Anfang 1989. Zu dieser Zeit war Xi Vizebürgermeister der ostchinesischen Hafenstadt Xiamen. Die beiden haben eine gemeinsame Tochter. Xis erste Ehe war nach nur drei Jahren an unterschiedlichen Lebenszielen gescheitert. Seine erste Frau, die Diplomatentochter Ke Lingling, zog in den 1980er-Jahren nach Großbritannien. © imago
Xi Jinping gräbt mit Parteikollegen an einem Damm zur Verstärkung eines Deiches in Fujian
Aufstieg über die wirtschaftlich boomenden Küstenregionen: 1995 war Xi Jinping bereits stellvertretender Parteichef der Taiwan gegenüberliegenden Provinz Fujian – und noch ganz volksnah. Im Dezember 1995 arbeitet er mit an der Verstärkung eines Deiches am Minjiang-Fluss. © Imago/Xinhua
Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt Chinas Vizepräsident Xi Jinping das Regierungsviertel in Berlin
Vizepräsident Xi Jinping 2009 im Kanzleramt bei Angela Merkel: Die deutsch-chinesischen Beziehungen waren unter Merkel relativ eng und von wirtschaftlicher Zusammenarbeit geprägt. Merkel und Xi reisten aus Berlin weiter nach Frankfurt, um die dortige Buchmesse zu eröffnen. China war als Ehrengast geladen. © GUIDO BERGMANN/Pool/Bundesregierung/AFP
Die Vizepräsidenten Xi Jinping aus China und Joe Biden aus den USA halten T-Shirts mit einer Freundschaftsbekundung in die Kamera
Ein Bild aus besseren Zeiten: Aus ihrer jeweiligen Zeit als Vizepräsidenten kamen Joe Biden und Xi Jinping mehrmals zusammen. Im Februar 2012 demonstrierten sie bei einer Reise Xis nach Los Angeles in einer Schule „guten Willen“ zur Freundschaft mit T-Shirts, die ihnen die Schüler überreicht hatten. Damals fehlten Xi nur noch wenige Monate, um ganz an die Spitze der Kommunistischen Partei aufzusteigen. © FREDERIC J. BROWN/AFP
Ein alter Mann in Shanghai schaut auf Xi bei seiner ersten Rede als Parteichef im Fernseher.
Xi Jinping hat es geschafft: Zum Ende des 18. Parteitags am 15. November 2012 wurde Xi als neuer Generalsekretär der Kommunisten präsentiert – und ganz China schaute zu. Xi gelobte in seiner ersten kurzen Rede als Parteichef, die Korruption zu bekämpfen und ein „besseres Leben“ für die damals 1,3 Milliarden Menschen des Landes aufzubauen.  © PETER PARKS/AFP
Der neue Staatschef Xi Jinping geht hinter seinem Vorgänger Hu Jintao zu seinem Platz in der Großen Halle des Volkes in Peking.
Übernahme auch des obersten Staatsamtes: Xi Jinping wurde auf dem Nationalen Volkskongress im März 2013 Präsident und schloß damit den Übergang von seinem Vorgänger Hu Jintao (vorn im Bild) zur Xi-Ära ab. © GOH CHAI HIN/AFP
Chinas Präsident und seine Ehefrau Peng Liyuan gehen über den Flughafen Orly in Paris.
Xi Jinpings Ehefrau Peng Liyuan ist die erste First Lady Chinas, die auch öffentlich in Erscheinung tritt. Hier kommt das Ehepaar zu einem Staatsbesuch in Frankreich an. Die Gattinnen von Xis Vorgängern hatten sich nie ins Rampenlicht gedrängt. Vielleicht auch, weil Maos politisch aktive dritte Ehefrau Jiang Qing nach dem Tod des „Großen Vorsitzenden“ als Radikale verurteilt worden war. © YOAN VALAT/Pool/AFP
Funktionäre der Kommunistischen Partei Chinas auf dem Weg zum Parteitag in Peking
So sehen KP-Funktionäre aus: Delegierte des 19. Parteitags auf dem Weg zur Großen Halle des Volkes in Peking im Oktober 2017. Auf diesem Parteitag gelang es dem Staats- und Parteichef, seine „Xi Jinping-Gedanken zum Sozialismus Chinesischer Prägung in der Neuen Ära“ in die Parteiverfassung aufzunehmen. Er war der erste nach Mao, der zu Lebzeiten in der Verfassung eine Theorie mit seinem Namen platzieren konnte. Einen Kronprinzen präsentierte Xi auf dem Parteitag nicht – entgegen den normalen Gepflogenheiten. © GREG BAKER/AFP
Xi Jinping nimmt in einer Staatslimousine „Rote Fahne“ die Parade zum 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China ab.
70 Jahre Volksrepublik China: Staatschef Xi Jinping nahm 2019 in einer offenen Staatslimousine Marke „Rote Fahne“ die Militärparade in Peking zum Jahrestag der Staatsgründung ab. © GREG BAKER/AFP
Wirtschaftsforum in Wladiwostok
Xi Jinping pflegt eine offene Freundschaft zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin – bis heute, trotz des russischen Angriffskrieges in der Ukraine. Putin und Xi teilen die Abneigung gegen die von den USA dominierte Weltordnung. Hier stoßen sie 2018 bei einem gemeinsamen Essen auf dem Wirtschaftsforum von Wladiwostok, auf dem sich Russland als Handelspartner und Investitionsziel im asiatischen Raum präsentierte, miteinander an. © Sergei Bobylev/POOL TASS Host Photo Agency/dpa
Xi Jinping besucht im weißen Kittel ein Labor und lässt sich die Impfstoffentwicklung erklären
Ende 2019 brach in China die Corona-Pandemie aus. Im April 2020 informierte sich Xi Jinping in einem Labor in Peking über die Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung. Xi ist bis heute überzeugt, dass China die Pandemie besser im Griff hat als der Rest der Welt. Seine Null-Covid-Politik beendet er nicht, wohl auch wegen der viel zu niedrigen Impfquote unter alten Menschen. © Ding Haitao/Imago/Xinhua
Xi Jinpings Konterfei lächelt von einem Teller mit rotem Hintergrund
Auf dem 20. Parteitag im Oktober 2022 ließ sich Xi Jinping zum dritten Mal zum Generalsekretär der Kommunisten ernennen. Damit ist er der mächtigste Parteichef seit Mao Zedong. © Artur Widak/Imago

China und Russland: Neuer Außenminister setzt Ukraine-Kurs seines Landes fort

Qin Gang, Jahrgang 1966, begann seine diplomatische Karriere Ende der 80er-Jahre in Chinas Außenministerium, später fungierte er als Sprecher der Behörde. Damals erwarb sich Qin einen Ruf, der ihn bis heute begleitet: Qin galt als sogenannter „Wolfskrieger“, als knallharter Diplomat, der mit markigen Worten und bisweilen aggressivem Tonfall die Interessen seines Landes verteidigte. Seinen (un)diplomatischen Stil rechtfertigte er seinerzeit mit den Worten, es sei „unverschämt, China zu beleidigen und gleichzeitig verhindern zu wollen, dass das Land zurückschlägt“. Zuletzt, als Botschafter in Washington, hatte sich Qin verbal allerdings deutlich zurückgenommen. Und das, obwohl die Beziehungen zwischen China und den USA auch unter Joe Biden angespannt sind. Qin war offenbar daran gelegen, nicht noch mehr Porzellan zu zerschlagen.

Qin Gang ist seit Jahresende Chinas neuer Außenminister.

Ob Qin diesen neuen, sanfteren Ton auch im Außenministerium beibehalten wird, bleibt abzuwarten. Dafür spräche, dass erst vor wenigen Tagen ein anderer „Wolfskrieger“ das Ministerium verlassen hatte: Zhao Lijian, der als Außenamtssprecher immer wieder Verschwörungstheorien zum Ursprung des Coronavirus verbreitet hatte und 2020 wegen einer geschmacklosen Fotomontage für einen diplomatischen Eklat mit Australien sorgte, wurde in eine andere Abteilung versetzt – offenbar eine Degradierung für den meinungsstarken Chinesen. Beobachter rechnen jedenfalls damit, dass die Versetzung von Zhao ein erstes Anzeichen für einen Kurswechsel in der chinesischen Diplomatie sein könnte: Sari Arho Havrén, European China Policy Fellow bei der Denkfabrik Merics, spricht von einer „Charmeoffensive“ Pekings, um „Zeit zu gewinnen“.

Experte: „Nichts deutet darauf hin, dass China seinen Kurs gegenüber Russland ändert“

Auch ein Bericht der Financial Times legt nahe, dass sich Chinas Außenpolitik derzeit wandelt. Gestützt auf Quellen aus chinesischen Regierungskreisen berichtet das Blatt, dass Peking zumindest ein Stück weit von Russland abrücken könnte. China halte es für wahrscheinlich, dass Russland den Ukraine-Krieg nicht gewinnen werde und „aus dem Konflikt als ‚unbedeutende Macht‘ hervorgeht, die wirtschaftlich und diplomatisch auf der Weltbühne stark geschwächt ist“, zitiert die FT eine anonyme Quelle.

Alexander Gabuev, Experte für chinesisch-russische Beziehungen bei der US-Denkfabrik Carnegie Endowment for International Peace, glaubt allerdings nicht daran, dass sich so schnell etwas ändern könnte am Verhältnis zwischen Peking und Moskau. Im vergangenen Jahr habe es „mehr Handel, mehr Militärübungen und mehr Geschäfte in RMB“ – der chinesischen Währung – gegeben, so Gabuev. „Nichts deutet darauf hin, dass China seinen Kurs gegenüber Russland ändert.“

Während Deutschland und andere EU-Staaten seit dem 24. Februar 2022 alles tun, um ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland zu kappen, tut China das Gegenteil. Vor allem im Energiesektor dürfte die Verflechtung noch enger werden. Erst im Dezember eröffnete der russische Präsident Wladimir Putin ein neues Erdgasfeld in Ostsibirien, das eine merkliche Steigerung der Ausfuhren nach China bringen soll. Zudem ist eine zweite Pipeline in Richtung China in Planung.

Nicht nur Chinas Russland-Kurs sorgt für Befremden im Westen

In einem Beitrag für die US-Fachzeitschrift The National Interest hatte der neue Außenminister Qin Gang Ende Dezember unter der Überschrift „Wie China die Welt sieht“ einmal mehr der Ukraine und dem Westen eine Mitschuld an dem Krieg gegeben. „Langfristig müssen die Menschen erkennen, dass es nicht funktioniert, die eigene Sicherheit auf die Unsicherheit anderer Länder zu gründen“, schreibt Qin. Soll heißen: Schuld an dem Krieg ist nicht Moskau, sondern der Wunsch der Ukraine, sich enger an den Westen zu binden. Zu einer Verurteilung der russischen Verbrechen in der Ukraine konnte sich Qin in seinem Text zudem nicht durchringen.

Laut dem Bericht der Financial Times will Peking, parallel zur angeblichen Abkehr von Russland, wieder enger mit den europäischen Staaten zusammenarbeiten. Man habe in China erkannt, dass die Nähe zu Russland den Handel mit dem Westen gefährde, so die zitierten Regierungsquellen. Deswegen habe sich Staatschef Xi im vergangenen Jahr mit dem deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz und EU-Ratspräsident Charles Michel getroffen. Und deshalb seien in diesem Jahr auch Staatsbesuche von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Italiens neuer Regierungschefin Giorgia Meloni geplant.

Was Pekings allerdings übersieht: Nicht nur Chinas Unterstützung von Russland sorgt für Befremden in der EU. Auch die Drohgebärden gegenüber Taiwan, die Niederschlagung der Demokratiebewegung in Hongkong sowie die Menschenrechtsverletzungen in der Provinz Xinjiang lassen im Westen die Alarmglocken schrillen. Selbst wenn es China also ernst meinen sollte mit der neuen Distanz zum Kreml: So einfach, wie sich das manch einer in Pekings Regierungsviertel Zhongnanhai vorstellt, wird es kaum werden, die Herzen des Westens wiederzugewinnen. Ein paar Schritte weg von Wladimir Putin und hin in Richtung Europa reichen dazu kaum aus.

Rubriklistenbild: © Amanuel Sileshi/afp

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