Spannungen nehmen zu

China-General droht Taiwan: „Werden niemals versprechen, vom Einsatz von Gewalt abzusehen“

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Chinesische Kampfjets nehmen im April bei einer Übung in der Nähe von Taiwan teil.

Chinas Verteidigungsminister heizt den Taiwan-Konflikt mit einer „seltenen“ Drohung weiter an – und droht dem Inselstaat mit Gewalt.

München/Singapur – Eigentlich soll es beim Shangri-La-Dialog, der an diesem Freitag in Singapur begann, um die Frage gehen, wie in Asien nachhaltig Frieden und Sicherheit bewahrt werden können. Schon kurz vor Start der Konferenz machte Chinas neuer Verteidigungsminister, der General Li Shangfu, allerdings mit ganz und gar nicht friedlichen Tönen auf sich aufmerksam. Mit Blick auf Taiwan sagte Li am Donnerstag: „Wir werden niemals versprechen, von dem Einsatz von Gewalt abzusehen.“

Zwar betonte Li laut chinesischen Staatsmedien im Gespräch mit seinem Amtskollegen aus Singapur, Ng Eng Hen, auch, dass sein Land eine friedliche Lösung für die Taiwan-Frage suche; Peking werde jedoch nicht zulassen, dass die in Taipeh regierende Fortschrittspartei die Unabhängigkeit anstrebe. „China muss vereint werden“, so Li. China betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz, obwohl der demokratisch regierte Inselstaat nie unter der Kontrolle der Volksrepublik stand.

Ähnlich wie Li äußern sich chinesische Spitzenpolitiker regelmäßig. So erklärte etwa Staats- und Parteichef Xi Jinping im vergangenen Oktober: „Wir werden uns weiterhin mit größter Aufrichtigkeit und größter Anstrengung um die friedliche Wiedervereinigung bemühen, aber wir werden niemals versprechen, auf die Anwendung von Gewalt zu verzichten, und wir behalten uns die Möglichkeit vor, alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen.“

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wurde das Land von 2016 bis 2024 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. Ihr folgte im Mai 2024 ihr Parteifreund Lai Ching-te. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa

Chinas Taiwan-Drohung richtet sich auch gegen die USA

Für den ehemaligen taiwanischen Verteidigungsminister Andrew Yang Nien-dzu hat Lis Aussage allerdings eine neue Qualität: Eine derart deutliche Warnung an Taiwans Regierungspartei sei „selten“, zitierte die South China Morning Post den Politiker.

Taiwan wählt im kommenden Januar einen Nachfolger für die scheidende Präsidentin Tsai Ing-wen, die nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten darf. „China wird versuchen, durch Desinformationskampagnen und andere Manipulationen auf die Wahl Einfluss zu nehmen“, sagte die Asien-Expertin May-Britt Stumbaum von der Universität der Bundeswehr München unlängst im Interview mit dem Münchner Merkur. Pekings Ziel sei es zu verhindern, dass Tsais Parteifreund William Lai neuer Präsident werde, da dieser „noch vehementer für eine Unabhängigkeit von China“ eintrete als die derzeitige Amtsinhaberin. Vielmehr hoffe Peking auf einen Sieg des Kandidaten der eher Peking-freundlichen Kuomintang, Hou Yu-ih.

Neben Taiwans Regierungspartei beziehungsweise den taiwanischen Wählerin dürften auch die Länder des Westens Adressat von Li Shangfus Drohungen aus Singapur sein – allen voran die USA. Die Regierung in Washington, die nur inoffizielle Beziehungen zu Taiwan unterhält, hat ihre Unterstützung für den bedrohten Inselstaat zuletzt verstärkt. So genehmigte das Pentagon vor einigen Wochen Waffenlieferungen im Wert von umgerechnet rund 582 Millionen Euro an Taiwan; zudem unterzeichneten beide Länder Anfang dieser Woche ein neues Handelsabkommen. Die USA haben sich 1979 dazu verpflichtet, Taiwan mit Defensivwaffen auszustatten. Gleichzeitig hatte Washington die diplomatischen Verbindungen zu dem Land abgebrochen und stattdessen die Regierung in Peking anerkannt.

China sagte Treffen mit US-Verteidigungsminister ab

Die Beziehungen zwischen China und den USA befinden sich aktuell an einem Tiefpunkt. Ein für dieses Wochenende in Singapur angedachtes Treffen zwischen den Verteidigungsministern beider Länder hatte China vor wenigen Tagen platzen lassen. Als Grund nannte das Außenministerium in Peking indirekt die Sanktionen, die die USA 2018 gegen Li erlassen hatte. Der heutige Verteidigungsminister war damals als Leiter der Abteilung für Waffenentwicklung der Volksbefreiungsarmee wegen Waffengeschäften mit Russland ins Visier der USA geraten.

In Peking erklärte das Verteidigungsministerium am Mittwoch, „die Verantwortung für die gegenwärtigen Schwierigkeiten beim Austausch zwischen den beiden Armeen liegt ausschließlich bei der amerikanischen Seite“. Die USA müssten „Fehler zu korrigieren, um die notwendigen Bedingungen und die richtige Atmosphäre für die Kommunikation und den Austausch zwischen beiden Seiten zu schaffen“, sagte Ministeriumssprecher Tan Kefei.

Vorfall über dem Südchinesischen Meer heizt Konflikt an

Für zusätzliche Spannungen sorgte Ende vergangener Woche ein Vorfall im Luftraum über dem Südchinesischen Meer. Dabei sei ein chinesischer Kampfjet einem US-Aufklärungsflugzeug gefährlich nahegekommen, wie mehrere Tage später bekannt wurde. Die USA sprachen von einem „unnötig aggressiven“ Manöver, US-Außenminister Antony Blinken forderte anschließend eine bessere Kommunikation mit China. Peking wiederum warf den USA vor, der Einsatz des Aufklärungsflugzeugs sei eine „Provokation“ gewesen und habe „die nationale Souveränität und Sicherheit Chinas“ verletzt.

Von deutscher Seite nimmt am Shangri-La-Treffen in Singapur neben Verteidigungsminister Boris Pistorius auch der Staatsminister im Auswärtigen Amt Tobias Lindner teil. Er wolle „mit vielen unserer Partner darüber sprechen, wie Deutschland, wie Europa dazu beitragen kann, dass Frieden und Sicherheit im Indo-Pazifik gewahrt bleiben und Spannungen reduziert werden können“, erklärte der Grünen-Politiker am Donnerstag. (sh)

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