Scharfe Kritik an Macron

„Ein schwerer Fehler“: Macrons Taiwan-Position sorgt für Spannungen zwischen Paris und Berlin

Nach seinem China-Besuch sorgte der französische Präsident Macron für Irritationen mit Aussagen über Taiwan. Die Reaktionen aus Berlin sind missbilligend.

Berlin/Paris/Taipeh - Die deutsche Politik reagiert zum Teil entrüstet auf die Worte Emmanuel Macrons. Der hatte nach seiner dreitägigen Reise nach China für eine unabhängigere Rolle Europas gegenüber den USA und China geworben und gefordert, dass Europa in der Taiwan-Frage kein „Mitläufer“ sein dürfe. Im politischen Berlin zeigte man sich entsetzt. „Macron scheint von allen guten Geistern verlassen“, sagte beispielsweise der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen.

„Während es Amerika ist und nicht Frankreich oder Deutschland, das die Ukraine maßgeblich unterstützt und damit Europa verteidigt, fordert Macron eine Abkehr von Amerika. Während China gerade den Angriff auf Taiwan übt, verlangt Macron eine Annäherung an China“, so Röttgen gegenüber der Bild. Mit einer solchen „naiven und gefährlichen Rhetorik“ schwäche und spalte Macron Europa. Das Thema Taiwan stehe für den globalen Machtanspruch Chinas, eine Weltordnung nach chinesischen Vorstellungen sei nicht im Interesse Europas.

Der französische Präsident Emmanuel Macron wird international für seine Aussage im Zusammenhang mit dem Taiwan-Konflikt kritisiert.

Nach Macrons Taiwan-Äußerungen: Von Röttgen hagelt es Kritik

Röttgen führte im Deutschlandfunk weiter aus: „Macron isoliert sich in Europa, er schwächt die Europäische Union, und er konterkariert ja das, was die Präsidentin der Europäischen Kommission in Peking gesagt hat“, sagte er mit Blick auf EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. „Ich glaube, das Reden von europäischer Souveränität hat keine Beziehung zur Realität.“ Man müsse diese Reden nur mal im Fall der Ukraine anwenden und fragen, ob eigentlich Frankreich oder Europa die europäische Sicherheit schützten oder ob es wieder die Amerikaner seien.

Die USA wären nach Röttgens Worten „sehr einverstanden“, wenn die Europäer mehr in der Lage wären, europäische Sicherheit selbst zu gewährleisten. „Beschämender Weise sind wir es erneut nicht. Und die Beiträge von Frankreich zur Unterstützung der Ukraine sind bescheiden. Sie haben mit Souveränität und der Rhetorik des französischen Staatspräsidenten wirklich nichts zu tun“, sagte der CDU-Außenexperte.

Taiwan-Konflikt: Macron sorgt mit Aussagen für Empörung

Auch von der SPD erntete Frankreichs Präsident kein Lob. Der Außenpolitiker der Partei, Metin Hakverdi, erklärte dem Tagesspiegel, es sei „ein schwerer Fehler“, sich als Westen ausgerechnet im Umgang mit Peking spalten zu lassen. „Das schwächt unsere westliche Wertegemeinschaft“, so Hakverdi. „Gegenüber China muss der Westen, also Europa und die USA, immer versuchen, gemeinsam aufzutreten, nicht gespalten.“ Und der CDU-Europapolitiker Christoph Ploß wies Macrons Vorstoß ebenfalls zurück. „Wenn Macron nun einen separaten Weg Europas ohne den engen Schulterschluss mit den USA anstrebt, wäre das fatal“, sagte Ploß dem Tagesspiegel. Die USA seien der wichtigste Partner Deutschlands außerhalb Europas.

Vom Vorsitzenden der Europäischen Volkspartei (EVP), Manfred Weber, hagelte es auch Kritik. „Wer für Freiheit und Demokratie eintritt, ist kein Mitläufer“, stellte er klar. Die EU-Staaten machten sich unglaubwürdig, „wenn man einerseits Souveränität für Europa einfordert und dann jeden Wirtschaftsdeal mit China abschließt, den man kriegen kann“, sagte er den Zeitungen der Mediengruppe Bayern. „Die chinesische Führung wird die Europäer so nicht respektieren“, betonte der EVP-Chef.

Scharfe Kritik an Macron: Nicht von den Linken

Allein auf weiter Flur schien hingegen der Linken-Fraktionsvorsitzende Dietmar Bartsch zu sein. Er befürwortete im Gegensatz zu den meisten seiner Politik-Kollegen Macrons Vorstoß. Dessen Wunsch nach strategischer Unabhängigkeit für Europa sei ein erstrebenswertes Ziel, sofern es mit dem Ziel verbunden sei, die Friedensmacht der Welt zu werden.

Macron tätigte seine umstrittenen Aussagen zu Taiwan, China und den USA in einem Interview in der französischen Zeitung Les Echos. „Das Schlimmste wäre es zu denken, dass wir Europäer Mitläufer seien und uns dem amerikanischen Rhythmus und einer chinesischen Überreaktion anpassen müssten“, sagte der französische Staatschef. Europa müsse „aufwachen“. Ähnlich äußerte er sich auch auf seinem Rückflug aus China gegenüber der US-Zeitschrift Politico. Dabei schien ihm wichtig zu sein, dass Europa seine eigene Linie im Taiwan-Konflikt findet. „Unsere Priorität kann es nicht sein, uns der Agenda von anderen in allen Weltregionen anzupassen“, so Macron. Europa riskiere, „zu Vasallen zu werden, während wir der dritte Pol sein können, wenn wir ein paar Jahre Zeit haben, ihn aufzubauen“, sagte er weiter.

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wurde das Land von 2016 bis 2024 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. Ihr folgte im Mai 2024 ihr Parteifreund Lai Ching-te. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa

Paris weist Vorwürfe an Macron zurück: „Teilen gemeinsame Werte“ mit USA

Paris wies unterdessen die internationale Kritik am Präsidenten zurück. Eine Sprecherin des Élysée-Palasts erklärte, Macron habe oft gesagt, dass Frankreich nicht gleich weit von den USA und China entfernt sei. Sie sagte: „Die USA sind unsere Verbündeten, wir teilen gemeinsame Werte.“ China hingegen sei Partner, Konkurrent und systemischer Rivale, mit dem man eine gemeinsame Agenda schaffen wolle, um Spannungen zu reduzieren und globale Fragen anzugehen, so die Sprecherin. Frankreich unterstütze beim Thema Taiwan zudem den Status quo. Macron habe Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping klar gesagt, dass die Taiwan-Frage durch Dialog geklärt werden müsse.

Berichten zufolge gingen mit dem Staatsbesuch Macrons in der Volksrepublik China auch einige Abschlüsse von Wirtschaftsverträgen einher. So unterzeichnete offenbar unter anderem der europäische Flugzeugbauer Airbus einen vielversprechenden Vertrag: Er will seine Produktion in China verdoppeln. Daneben beteiligt sich EDF an einem Offshore-Windpark in Jiangsu, und auch Alstom, L’Oréal und weitere französische Unternehmen schlossen Verträge ab. Macron hatte bei seinem Besuch in China auch für ein Wiederankurbeln der französisch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen geworben.

Taiwan-Konflikt: Militärmanöver Chinas führten zu Instabilität in der Region

Die Worte Macrons kamen auch mit Blick auf die dreitägige Übung des chinesischen Militärs in der Nähe Taiwans für viele zur Unzeit. Die Manöver waren wohl eine Reaktion Chinas auf den US-Besuch von Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen. Das taiwanische Verteidigungsministerium sprach von einer Rekordzahl von Militärflugzeugen um die Insel herum. Taiwans Präsidentin sagte, die chinesischen Militärmanöver hätten zu Instabilität in der Region geführt.

Die Regierung in Peking betrachtet das demokratisch regierte Taiwan als abtrünnige Provinz und wertet Treffen taiwanischer Spitzenpolitiker mit westlichen Politikern als Abkehr vom Ein-China-Prinzip. Taiwan sieht sich als unabhängige Republik und ist seit 1949 selbstverwaltet. China drohte bereits mehrfach mit einer Eroberung. Der Konflikt um Taiwan ist ein zentrales Streitthema zwischen China und den USA. Washington hat sich seit 1979 der Verteidigungsfähigkeit der Insel verpflichtet, was bisher meist Waffenlieferungen bedeutete. (ale/dpa)

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