Zwischen Fichten, Kiefern und Birken: Der Eurofighter landet jetzt auch in Finnland – entweder auf einer regulären Piste oder auf der Autobahn. Das war Teil der jüngsten Übung von Nato-Kräften; als Vorbereitung auf einen möglichen kommenden Krieg.
Manöver zwischen Kiefern, Fichten, Birken: Deutsche und Amerikaner üben im finnischen Straßennetz das Ausweichen und Angreifen. Schweden macht‘s vor.
Ranua – „Die Möglichkeit, von unseren finnischen Kollegen zu lernen, verbessert unsere Fähigkeit, Luftstreitkräfte von unkonventionellen Standorten aus schnell einzusetzen“, sagt James Hecker. Der kommandierende General der US Air Forces in Europe berichtet im Defense Express darüber, dass Nato-Kampfjets jetzt auf einer Autobahn nahe Ranua im Norden Finnlands gestartet und gelandet sind – Wladimir Putin zwinge dazu, wie das Magazin unmissverständlich titelt: „für zukünftige Kriege zu üben“. Der Kalte Krieg gewinnt wieder an Temperatur – auch China trägt offenbar dazu bei.
Neben zwei F-35 vom 48. Jagdgeschwader des britischen Royal Air Force-Stützpunkts Lakenheath gehörten zur Übung ein finnisches Jet-Trainingsflugzeug vom Typ Hawk sowie ein deutscher Eurofighter Typhoon. Laut Defense Express befürchte die US-Air Force, dass ihr Militär im Falle eines Krieges mit einem Gegner, der über Distanzwaffen wie China verfüge, große amerikanische Stützpunkte in Ländern wie Japan und Guam mit Raketensalven oder anderen Angriffen zerstören könne. Die Luftwaffen müsse insofern in der Lage sein, ihre Flugzeuge auch von ungewöhnlichen Pisten aus in die Luft oder wieder in Sicherheit zu bringen.
Deutschland als Zwischenstopp: Nato-Flieger sollten Autobahnen nutzen
In verschiedenen Nato-Ländern sind Straßen dafür vorgesehen gewesen, zur Rollbahn umfunktioniert zu werden: Während des Kalten Krieges war Deutschland als Nato-Mitglied die Nahtstelle im Konflikt zwischen den beiden Supermächten. Im Falle eines Konflikts wären zahlreiche Nato-Truppen auf dem Gebiet der ehemaligen Bundesrepublik stationiert worden, darunter auch fliegende Verbände aus Übersee. „Und die brauchten Platz“, wie die Bundeswehr schreibt. Zum Beispiel auf Autobahnen.
„Da die Start- und Landebahn viel kürzer ist als gewohnt, muss man natürlich vorsichtiger sein, wohin man seine Nase richtet. Und man hat nicht so viel Spielraum, falls etwas schief geht. Aber es fühlt sich gut an, Teil der Nato zu sein, und es fühlt sich an, als ob man mit vielen Ressourcen unterstützt wird. Und wir können die Nato auch mit unseren Ressourcen, unserem Land und solchen Landebahnen unterstützen.“
In Finnland gehöre die behelfsweise Nutzung der Verkehrswege zur Pilotenausbildung, in Deutschland sei das zuletzt in den 1980er-Jahren trainiert worden, weil sich die Anzahl der Flugplätze erhöhte und gleichzeitig die Gefahr einer militärischen Eskalation minimierte. Die Reaktivierung einstiger „Notlandeplätze“ stünde aber wieder zur Diskussion, schreibt die Bundeswehr.
Notlandeplatz – Start und Landung an der Notrufsäule
Die Autobahn galt während des Kalten Krieges als „militärische Infrastruktur“; nicht nur für die Verlegung von Bodentruppen, gepanzerten Verbänden oder für die Logistik, sondern auch für die Luftwaffe.
Ein typischer Autobahn-Notlandeplatz bestand aus einem geraden Abschnitt der Autobahn von 1.500 bis 3.500 Metern Länge, der mindestens 23 Meter breit war, später sogar 30 Meter. Der Mittelstreifen war durchbetoniert, und die sogenannte Europa-Leitplanke zwischen den Richtungsfahrbahnen war nicht verschraubt, sondern mit einer Schnellbefestigung versehen, sodass sie in kürzester Zeit demontiert werden konnte. Die Haltepfosten waren nicht einbetoniert, sondern nur gesteckt. An den Enden der Piste gab es jeweils einen Parkplatz, der als Abstellfläche für sechs bis zehn Flugzeuge gedacht war. Diese Flächen hatten eine vom sonstigen Parkplatz-Standard abweichende Form und zusätzliche Rollwege zur Piste, die in Friedenszeiten wiederum mit Leitplanken verschlossen waren. Fast immer gab es Zuwege, sodass diese Bereiche auch von außerhalb der Piste über Verbindungsstraßen erreichbar waren.
Die Aktivierung hätte, von der Alarmierung bis zur Einsatzbereitschaft, 24 Stunden in Anspruch genommen. Hierzu hätte neben der Entfernung der Leitplanken die Aufstellung von Landebahnbeleuchtung, mobilem Tower, Radar- und Funktechnik, die Anbringung von provisorischen Landebahnmarkierungen, die Aufstellung von Nachschub für Kerosin und Munition, die Verlegung von insgesamt rund 40 Kilometern Kabel und vieles mehr gehört.
Quelle: Thomas Skiba / bundeswehr.de
In Finnland allerdings sind die Verkehrswege dicht von Bäumen umstanden – für die Bundeswehr-Piloten nach eigenen Angaben ein ungewohnter Einsatzort. Dazu waren drei Eurofighter des in Wittmund beheimateten Jagdgeschwaders „Richthofen“ nach Finnland verlegt worden sowie eine Transportmaschine A400M aus Wunstorf mit 23 Kräften. „Das ‚Richthofen‘-Geschwader hat für dieses Training einer „Dispersed Operation“, zu Deutsch ,verstreute Operation‘, versucht, mit einem möglichst kleinen Kontingent und in kurzer Verlegezeit den maximalen Lernerfolg zu erzielen, wie die Bundeswehr schreibt.
Finnland als neue Nahtstelle: Grenze der Nato zu Putins Reich verdoppelt
Start und Ziel der Übung war das finnische Rovaniemi. Übungsziel sei das mehrmalige „Touch-and-Go“ gewesen, also das kurze Aufsetzen und das Wiederdurchstarten auf einer Landebahn. Seit April 2023 ist Finnland der 31. Partner der nordatlantischen Verteidigungsallianz. Die Grenze der Nato zu Russland hat sich damit um mehr als 1.300 Kilometer verlängert und insgesamt damit fast verdoppelt; mit gesteigerter Unsicherheit auf beiden Seiten – damit einhergehend haben sich auch die Aufgaben der Nato-Kräfte vermehrt, beispielsweise die Luftraum-Überwachung.
Eine Friedensmission, wie die Nato betont, mit dem Ziel, die Sicherheit des alliierten Luftraums zu gewährleisten: „Es handelt sich um eine kollektive Aufgabe, die die ständige Präsenz – 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr – von Kampfflugzeugen und Besatzungen erfordert, die bereit sind, schnell auf mögliche Verletzungen des Luftraums zu reagieren.“ Bis Ende November 2024 werden fünf Eurofighter des Taktischen Luftwaffengeschwaders 74 als Teil des Verstärkten Air Policing Baltikum (VAPB) in Lettland stationiert bleiben.
Polizeieinsätze in der Luft: Auch über den Wolken verschärft sich der Konflikt zu Russland
Die Einheit aus dem bayerischen Neuburg an der Donau ist der Leitverband der Nato-Mission. Die Kampfflugzeuge stellen seit März rund um die Uhr eine scharf bewaffnete Alarmrotte. Zu diesem Zweck hatte die Luftwaffe in den vergangenen 20 Jahren des Baltic Air Policing schon mehrfach Kontingente ins Baltikum entsandt, meist nach Litauen (Šiauliai) oder Estland (Ämari). Nun ist erstmals der dritte baltische Staat Gastgeber mit dem Flugplatz Lielvarde in der Mitte Lettlands.
Schweden tankt Selbstvertrauen: Der neue Nato-Partner übt ebenfalls in den Wäldern
Im Mai hatte die Nato online veröffentlicht, dass auch die Schweden trainieren, auf ihren Straßen zu landen – aus der Ukraine lerne die Nato, wie verwundbar Hauptflughäfen durch Angriffe mit Marschflugkörpern grundsätzlich sind, und dass vor allem Drohnen für Stützpunkte immer gefährlichere und nahezu unberechenbare Gegner sind – die Flieger wären selbst durch eine löchrige Piste am Boden oder in der Luft gefangen.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Straßen würden die Möglichkeiten der Luftwaffe multiplizieren und die Feindaufklärung zumindest erschweren, sagt im Nato-Video Patrik Lange: „Das ist gut für die Überlebenschancen im Krieg, würde ich sagen.“ Der Hauptmann der schwedischen Luftwaffe ist mit seinem Land der 32. und jüngste Partner der Verteidigungsallianz geworden.
Das Bündnis verfügt somit jetzt auch über ein Vielfaches an Pisten – ebenfalls dicht von Wäldern umsäumt und daher übungsintensiv, wie das selbst der Schwede Lange empfindet: „Da die Start- und Landebahn viel kürzer sei als gewohnt, „muss man natürlich vorsichtiger sein, wohin man seine Nase richtet. Und man hat nicht so viel Spielraum, falls etwas schief geht. Aber es fühlt sich gut an, Teil der Nato zu sein, und es fühlt sich an, als ob man mit vielen Ressourcen unterstützt wird. Und wir können die Nato auch mit unseren Ressourcen, unserem Land und solchen Landebahnen unterstützen“. (KaHin)