- VonLisa Schmedemannschließen
Die Spitzen von FDP und CDU sind einig: In Deutschland wird zu wenig gearbeitet wird. Das Institut für Deutsche Wirtschaftsforschung sieht das anders.
Berlin – Arbeiten die Deutschen wirklich zu wenig? Wenn es nach Finanzminister Christian Lindner (FDP) und Friedrich Merz geht, könnten die geleisteten Arbeitsstunden der Deutschen pro Jahr höher liegen. Das äußerten beide nun im Rahmen der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF). Einig sind sich die Politiker auch in der Frage, was die Gründe dafür sind: Arbeitszeitverkürzung, Demografie und Teilzeitarbeit von Frauen.
Im Interview mit dem Sender ntv sagte CDU-Chef Merz: „Wir hatten 2023 in Deutschland eine Rezession und waren damit unter den großen Industrienationen der Welt das einzige Land. Der internationale Währungsfonds hat für das Jahr 2024 gerade in diesen Tagen die Wachstumsperspektiven [für dieses Jahr] nach unten korrigiert: Jetzt liegen wir noch bei 0,5 [Prozent]. Das ist ja praktisch kein Wachstum.“ Die deutsche Wirtschaft sei zu schwach, um daraus Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zu generieren, so Merz.
Christian Lindner will weniger Bürokratie in Deutschland
Problem der deutschen Wirtschaft sei nicht ein Defizit an öffentlichen Investitionen, sondern ein Defizit an geleisteten Arbeitsstunden im Jahr, sagte FDP-Chef Lindner am Donnerstag am Rande der Frühjahrstagung des IWF. Das liege an Regelungen zur Arbeitszeitverkürzung, der Demografie und auch an ungewollter Teilzeit wegen mangelnder Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Lindner plädiert daher neben dem Abbau von Bürokratie und steuerlichen Anreizen für Investitionen von Unternehmen auch für Reformen am Arbeitsmarkt.
Studie: In Deutschland wird so viel gearbeitet wie nie
Den Aussagen der Politiker gegenüber steht die nun veröffentlichte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Darin heißt es, dass trotz Konjunkturflaute mit 55 Milliarden Stunden in Deutschland so viel gearbeitet wurde wie noch nie. Zum Vergleich: 1991 lag dieser Wert bei 52 Milliarden Stunden. Den bisherigen Tiefpunkt bildet der Wert von 47 Milliarden Stunden im Jahr 2005. „Das Gesamtarbeitsvolumen ist vor allem gestiegen, weil immer mehr Frauen erwerbstätig sind“, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters den Studienautoren Mattis Beckmannshagen. „Allerdings ist fast die Hälfte der Frauen in Deutschland teilzeitbeschäftigt, obwohl einige gern mehr arbeiten würden. Ihr Potenzial für den Arbeitsmarkt bleibt also teilweise ungenutzt.“
Abhilfe könnte dabei auch eine Reform der Lohnsteuerklassen schaffen. Annika Sperling vom DIW sagte: „Um dem Fachkräftebedarf zu begegnen, sollten das Arbeitsmarktpotenzial von Frauen besser genutzt und Fehlanreize behoben werden. Reformen der Lohnsteuerklassen und des Ehegattensplittings könnten dazu beitragen, dass es sich für Frauen als Zweitverdiener mehr lohne, ihre Arbeitszeit über die Minijob-Grenze hinaus auszuweiten.“ Dazu bedürfe es allerdings auch einer gerechteren Aufgabenverteilung bei Kinderbetreuung und Haushalt, wo Frauen aktuell mehr unbezahlte Stunden leisten als Männer. Sperling nennt wie Lindner als Lösungsansatz den Bedarf an Kitaplätzen und sagt auch, dass die Entwicklung der Elternzeitregelung für Väter besser unterstützt werden müsse.
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