Leitartikel

COP in Baku: Was bringen die Klimagipfel?

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Zumindest diese Restaurantangestellten werden von dem Klimagipfel in Baku profitieren.
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Das Trump-Gespenst droht den Klimagipfel in Aserbaidschan zu überschatten. Warum es trotzdem sinnvoll ist, COPs zu veranstalten.

Das Jahr 2024 wird in die Klimageschichte eingehen – und zwar gleich aus drei Gründen. Erstens: Es wird das 1,5-Grad-Jahr sein, das erste Jahr also, in dem der Mensch mit seinen Emissionen die globale Temperatur durchgehend so stark gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter erhöht hat. Zweitens: Es dürfte auch das Jahr sein, in dem der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen seinen absoluten Höhepunkt – mit der Chance zur Trendwende – erreicht. Und drittens: Es ist das Jahr, in dem in der größten Volkswirtschaft erneut ein Mann zum Präsidenten gewählt wird, der solche Fakten, die über die Zukunft des Planeten entscheiden, leugnet. Oder dem sie zumindest egal sind.

Das ist die Lage zu Beginn der 29. UN-Klimagipfels, der in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, stattfindet. Sie ist verstörend. Denn sie zeigt, dass offenbar 28 dieser Mega-Konferenzen seit der ersten 1995 in Berlin es nicht geschafft haben, die Welt auf einen noch halbwegs verträglichen Kurs zu bringen. Ein unübersehbares Signal dafür ist das Reißen des 1,5-Grad-Erwärmungsziels, das im Pariser Weltklima-Abkommen von 2015 fixiert ist. Das Limit dürfte im Laufe des nächsten Jahrzehnts auch dauerhaft, also um natürliche Schwankungen bereinigt, kippen. Damit und mit jeder weiteren Erhöhung auch nur um Zehntelgrade droht das irreversible Auslösen gefährlicher Kippelemente, die das Weltklima dramatisch verändern würden.

Natürlich: Das wissen alle, die in Baku über die Klimarettung verhandeln, das heißt über Schritte zur Reduktion des CO2-Ausstoßes und die dafür sowie für die Anpassung an den Klimawandel zentrale internationale Finanzierung. Aber das ist eben nur ein Teil der Agenda. Die Klimakrise gibt hier den Hintergrund ab für einen beinharten Poker um wirtschaftliche Interessen, wobei vor allem die fossilen Lobbys ihren Einfluss auf die Regierungen ausspielen. Sie haben schon gleich zu Beginn erkannt, dass es auf den COPs um ihre Zukunft geht. Mit anderen Worten: Der Trumpismus war schon immer Teil der Klimakonferenzen, selbst in Zeiten, als man das Wort noch gar nicht kannte.

Machen die riesigen Klima-Treffen überhaupt noch Sinn?

Immer wieder in den drei Jahrzehnten COP-Verhandlungen hat sich die Frage gestellt: Machen die alljährlichen Mega-Events mit zigtausend Teilnehmenden überhaupt noch Sinn? Auch diesmal sind die Zweifel sehr groß. Die Konferenz findet in einem Erdölstaat statt, dessen nationale Politik der COP-Idee zuwiderläuft. Die Staats- und Regierungschefs der drei Obereinheizer China, USA und Indien – zusammen sind sie für rund 50 Prozent der Emissionen verantwortlich – bleiben gleich ganz fern. Und in Washington steht eine der wichtigsten Regierungen (erneut) vor dem Austritt. Wer wollte es jemandem wie Justin Tkatchenko, dem Außenminister des vom Klimawandel akut bedrohten pazifischen Inselstaates Papua-Neuguinea, verübeln, wenn er sagt: Die COP sei „eine totale Zeitverschwendung“, in seinem Land habe man die Misserfolge vergangener Gipfel und „die Rhetorik satt“. Der Mann bleibt lieber zuhause, als um die halbe Welt zu jetten.

Wer wollte es leugnen, die Aussichten für Baku sind nicht rosig. Es wird schwer werden, Ziele wie eine vollständige Abkehr von den fossilen Energien mit handfesten Daten zu versehen, auch wenn die G20-Staatengruppe hier zuletzt positive Signale gesetzt hat. Die Debatte über die Finanzen als Hauptthema der COP wiederum verspricht heftige Auseinandersetzungen. Hier geht es um die dringend nötige Anhebung der Klimahilfen für die ärmeren Länder über die aktuell geltend 100 Milliarden Dollar jährlich hinaus. Trump will die Zahlungen des wichtigen Gebers USA ohnehin rasieren. Aber auch sonst ist bei vielen Staaten des Westens das Geld wegen der gestiegenen Rüstungsausgaben knapp.

Hinzu kommt, dass „neureiche“ Länder wie China oder Saudi-Arabien hier bisher mauern; sie wollen nicht genauso wie die Alt-Verschmutzer, die klassischen Industrieländer, in die Pflicht genommen werden, obwohl das angesichts ihre Emissionsniveaus und ihrer finanziellen Potenz längst angezeigt wäre. Hier drohen Blockaden, wenn keiner sich bewegen will.

Trotzdem wäre es falsch, den COP-Prozess abzuschreiben. Es ist wichtig, dass dort fast alle Staaten vor der Weltöffentlichkeit immer wieder zeigen (müssen), dass sie das Thema nicht abgehakt haben – womit der Druck aufrecht erhalten bleibt, zu Lösungen zu kommen. Man darf, bei allen Unzulänglichkeiten, nicht vergessen: Eine Umsetzung der abgegebenen Ankündigungen der Staaten zum Erreichen der Klimaneutralität ab Mitte des Jahrhunderts würde immerhin auf einen 1,8-Grad-Pfad führen – noch dramatisch genug, aber nicht die Apokalypse einer Aufheizung um drei oder vier Grad. Die dazu nötige Technologie – Erneuerbare plus Effizienz – ist vorhanden, inzwischen auch billig genug, und es gibt ausreichend Geld auf der Welt, um die Wende zu schaffen. Bereits die Umlenkung der jährlich Billionen Dollar schweren fossilen Subventionen in die Energiewende würde genügen. Das muss das Thema der COPs werden.

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