VonMarcus Giebelschließen
In ganz Deutschland gehen Bürger gegen die Politik der AfD auf die Straße. Deren Führungsfigur Björn Höcke zieht einen geschmacklosen Vergleich.
Berlin – Er wird noch rauer. Der Ton der AfD. Als Reaktion auf den plötzlichen Gegenwind, der den Rechtspopulisten quer durch die Bundesrepublik entgegenweht. Entfacht von Zehntausenden Demonstranten, die die Ansichten und die Rhetorik, vor allem von Björn Höcke, nicht länger schweigend ertragen wollen. In unzähligen Städten gehen die Menschen an diesem Wochenende auf die Straße, in Hamburg waren es am Freitag sogar so viele, dass die angekündigte Veranstaltung abgebrochen werden musste.
Höcke schimpft auf Anti-AfD-Demonstranten: „Sah aus wie 1933 die Fackelmärsche der Nazis“
Die transportierte Botschaft der Massen, dass Deutschland jeglicher Form von Rassismus und Diskriminierung Einhalt gebietet, bewegt ganz offensichtlich auch den Hauptadressaten. Und der lässt sich zu Diffamierungen und einem Vergleich hinreißen, den die AfD ansonsten gerne ihren Gegnern vorwirft: den Verweis auf Nazi-Deutschland.
Wie ein Twitter-Video offenbart, behauptete Höcke während einer Rede in Gera: „Man hat zwar Taschenlampen, also Handy-Leuchten, in den Himmel gehalten, aber es sah so ein bisschen aus wie 1933 die Fackelmärsche der Nazis.“ Im Saal herrschte derweil Totenstille.
Höcke wendet sich an ausländische Journalisten: „Deutschland ist keine funktionierende Demokratie mehr“
Thüringens AfD-Chef, der womöglich ab Herbst die stärkste Kraft im Erfurter Landtag stellen wird, legte aber noch nach gegen die Demonstranten: „Diese Menschen, die jetzt auf der Seite, die auf der Seite der angeblichen Demokratie stehen. Nein, Deutschland ist im Jahre 2024 – und das sage ich ganz betont an dieser Stelle vor allem in Richtung der ausländischen Kamerateams – Deutschland ist im Jahre 2024 keine funktionierende Demokratie mehr.“ Dafür bekam Höcke dann doch den erhofften Applaus.
Wie die Bild berichtet, schoss sich der 51-Jährige noch ein weiteres Mal auf die Protestler ein – und wieder musste die dunkelste Stunde des Landes als Bezugspunkt herhalten: „Die Kartellparteien, vor allem die Roten und Grünen, haben sich eine Straßenkämpfertruppe zusammengebaut. Diese Gutmenschen, oftmals steuerfinanziert, die da die Lichter in die Höhe gehalten haben, das sind dieselben Menschen, die 1933 die Fackelmärsche in Nazi-Deutschland veranstaltet haben.“ Reichlich geschichtsvergessen, der ehemalige Geschichtslehrer.
Correctiv von AfD angegriffen: Partei verortet „Linksextremisten“ in Redaktionsnetzwerk
Zumal die aktuellen Demonstrationen bekanntlich einen Auslöser hatten, der Anfang des Jahres große Teile der Nation aufgerüttelt hat. Die veröffentlichten Recherchen des Redaktionsnetzwerks Correctiv über ein Treffen einiger durchaus mächtiger AfD-Mitglieder mit bekannten Rechtsextremisten in einer Villa in Potsdam, wo ein Plan zur „Remigration“ bestimmter Bevölkerungsgruppen vorgestellt wurde, hatte einen Hallo-wach-Effekt.
Seither befindet sich auch das Team im Visier der AfD und ihrer Unterstützer. So schreibt das Mitgliedermagazin „AfD kompakt“, Correctiv würde „reihenweise Linksextremisten und politische Krawallmacher“ beschäftigen. Einer der Gründer und ein Journalist werden direkt angegriffen.
Correctiv mit Vorwurf an AfD: Partei mobilisiert mit Sprache radikale Kreise
Correctiv selbst berichtet, seit der Veröffentlichung der Recherchen „Geheimplan gegen Deutschland“ erreichen das Team „Hasskommentare und Drohungen – auch von der AfD“. Diese habe „eine kaum verklausulierte Drohung formuliert, die auf mehreren Kanälen der Partei geteilt wurde“.
Hervorgehoben wird der Schlusssatz: „Schmutzwerfer und linke Extremisten, die unter dem Deckmantel des Journalismus ihre Propaganda verbreiten, müssen in ihre Schranken gewiesen werden!“ Laut Correctiv ist ein solcher Satz „geeignet, Menschen gerade in radikalen Kreisen zu mobilisieren. Die Partei nimmt genau das in Kauf.“
Drohanruf bei Correctiv-Reporter: Frage nach Polizeischutz wird wiederholt
Auch ein Vorfall vom 18. Januar kommt zur Sprache. An diesem Tag sei ein Correctiv-Reporter vor Zeugen von einem anonymen Anrufer zweimal gefragt worden, ob er Polizeischutz habe. Danach sei aufgelegt worden.
Andererseits hätten das Team auch viele aufmunternde Nachrichten erreicht. Zwar seien in einer Debatte auch Gegenargumente auszuhalten, doch es müssten „auch klare Grenzen bei Hass und Hetze“ gesetzt werden.
Fraglich ist, wo die AfD für sich die Grenzen zieht. Oder ob sie überhaupt welche kennt. Höcke & Co. treten trotz der Demonstrationen vermeintlich aus einer Position der Stärke auf – dank der vielen Erfolge in den Sonntagsfragen. Seit Monaten fährt die Partei hier Zahlen ein, von denen wohl kein Mitglied so schnell zu träumen gewagt hat. Weil die AfD in vielen Augen nicht mehr als eine Protestpartei ist. Nicht zuletzt Höckes widerwärtiges Framing könnte aber nun dafür sorgen, dass immer mehr Menschen eine klarere Sicht darauf gewinnen, wofür die Partei wirklich steht. (mg)
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