VonFlorian Naumannschließen
Grönland scheint weit weg – doch auf der Riesen-Insel ballen sich exemplarisch Probleme des Globus. USA, Russland, China und Konzerne spielen mit.
Fast 3800 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Frankfurt und Nuuk, der Hauptstadt von Grönland. Die Kleinstadt könnte auf Sicht in den Fokus der politischen Weltmächte rücken. Denn Grönland steuert auf größere Unabhängigkeit von Dänemark zu – und es bündelt wie unter einem Brennglas viele der kommenden politischen Konflikte.
Dabei geht es auch, aber bei weitem nicht nur, um Sicherheitspolitik. Auch der Klimawandel könnte Grönland hart treffen. Das hier schmelzende Eis könnte einen „Kipppunkt“ der Meeresströmungen verursachen. Zugleich rücken wertvolle Rohstoffe in den Fokus – Uran, Gold, gewaltige Vorkommen an Seltenen Erden. Auf Tourismus hofft Grönland ebenfalls. Diese Einnahmen könnten helfen, Grönlands Unabhängigkeit von der einstigen Kolonialmacht und Geldgeber Dänemark zu ermöglichen. Aber auch die Umwelt und traditionelle Lebensweisen zerstören. Längst läuft im Land ein Ringen um den richtigen Weg.
Wertvolle Rohstoffe, wertvolle Natur – und Geldmangel: Grönland im Dilemma
Das Dilemma hat der Politikwissenschaftler Michael Paul jüngst ausführlich in einem Papier mit dem Titel „Grönlands arktische Wege zur Unabhängigkeit“ dargelegt – er sieht das Land zwischen „Utopie“ und „Dystopie“. Seit 2009 befindet sich Grönland unter „selvstyre“, „Selbstverwaltung“. Seitdem ist auch festgelegt: Mittels Referendum könnte sich das Land für unabhängig von Kopenhagen erklären. In Umfragen befürworten diese Perspektive rund zwei Drittel der Grönländer*innen. Kein unverständliches Ansinnen: Fast 90 Prozent der Bewohner*innen gehören der Gruppe der Inuit an. Lange hatten sie im eigenen Land nichts zu sagen. Vom Einfluss auf das Königreich Dänemark zu schweigen.
Grönland und Dänemark: Eine schwierige Geschichte
Die ersten Inuit besiedelten Grönland mehr als 4000 Jahre vor Christus – 1000 nach Christus entdeckten Wikinger die Insel. Erst 1721 aber begann die „Mission Westgrönland“ und damit die Kolonisation durch Dänemark, wie die Kulturwissenschaftlerin Kirsten Thisted schreibt. Fast 200 Jahre hatte Kopenhagen ein Handelsmonopol und isolierte Grönland weitgehend. Seit 1979 galt eine erste Selbstverwaltung („Hjemmestyre“), 2009 vertiefte die „Selvstyre“ die Befugnisse. Finanziell und gerade außenpolitisch ist Grönland aber weiter von Dänemark abhängig.
Das Problem: Offiziellen Angaben zufolge erhielt Grönland etwa 2021 3,9 Milliarden Dänische Kronen aus Kopenhagen – rund 500 Millionen Euro. Und die Hälfte des Haushalts. Dieser Ausfall müsste bei einer Ablösung von Dänemark wohl kompensiert werden. Der einfachste Weg dazu scheinen die Rohstoffe der Insel zu sein. Allein das Vorkommen an Seltenen Erden könnte den Weltbedarf für 150 Jahre decken, schätzte die Deutsche Rohstoffagentur 2012. Auch Erdöl, Platin, Eisenerz oder Titan kommen auf Grönland vor.
2021 wurde die Parlamentswahl geradezu zur Abstimmung über die Rohstofffrage. Die Umweltpartei Inuit Ataqatigiit gewann, ihre neue Regierung stoppte Öl- und Seltene-Erden-Förderung im enorm rohstoffreichen Gebiet Kuannersuit, zudem Pläne für eine Erdölförderung. Außerdem verabschiedete sie ein „Uran-Gesetz“, das den Abbau besonders strahlungsaktiver Vorkommen untersagte. Doch die Frage ist lange noch nicht endgültig entschieden.
Seltene Erden auf Grönland: Moratorium könnte teuer werden – Konzern stellt Riesenforderung
So droht nun Michael Paul zufolge finanzielles Ungemach: Ein Konzern fordert vor einem Schiedsgericht in Kopenhagen von Grönland und Dänemark bis zu 11,5 Milliarden Dollar Schadenersatz für Kuannersuit. 2025 wird erneut gewählt. Im Portal Arctic Today war zu lesen, beim sozialdemokratischen Koalitionspartner Siumut gebe es „starke Kräfte“, die ein Ende der Uranabbau-Beschränkungen befürworten.
Michael Paul ist aber skeptisch, ob es direkt zu einem Kurswechsel kommt, wie der Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik IPPEN.MEDIA erklärt. Gerade der Abbau Seltener Erden mit der möglichen Freisetzung giftiger Stoffe sei auf Grönland „absolut negativ besetzt“. Dass sich die Siumut einfach gegen diese Stimmung im Land wende, sei unwahrscheinlich. Möglich sei aber, dass sie ein Referendum zur Frage ansetze. Das gleichwohl sei „eine Spekulation“.
Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde




Ohnehin sind aber mehr als 70 Minenprojekte bereits genehmigt. Viele davon im Tagebau; in Grönlands Süden mit der „reichsten Biodiversität“. Anfang 2021 wendeten sich 141 NGOs mit einem Hilferuf an Grönland, Dänemark und die EU. Nicht nur, dass Grönlands unberührte Natur in Gefahr sei – die Projekte würden auch den Klimawandel weiter befeuern und Fischerei, Tourismus und Landwirtschaft beeinträchtigen. 2019 gaben in einer Umfrage der Universitäten Ilisimatusarfik und Kopenhagen in Grönland 76 Prozent der Befragten an, mindestens einen Teil ihrer Nahrung selbst zu jagen, fischen oder sammeln.
China beäugt schon „kleine und schwache grönländische Nation“
Längst aber hat auch das Ausland den Blick auf Grönland gerichtet. Eine „kleine und schwache grönländische Nation“ könne künftig das „wichtigste Glied für die erfolgreiche Umsetzung der polaren Seidenstraße“ sein, zitiert Paul aus einem Papier chinesischer Wissenschaftler. Konkrete Pläne seien gleichwohl nicht belegbar, mehrere chinesische Projekte – auch im Bergbau – abgelehnt worden. China bleibe aktuell eher vorsichtig. Donald Trump indes unterbreitete einst sogar ein Kaufangebot für die ganze Insel. Und stieß damit Kopenhagen und Nuuk vor den Kopf.
Ohnehin bleibt die Sicherheitsfrage. Nicht fern von Grönlands Ostküste liege eine „Engstelle“ für russische Schiffe und U-Boote auf dem Weg in den Atlantik, schreibt Paul. Und unter der Meeresoberfläche schlummert sensible Infrastruktur, etwa Unterseekabel. Schon jetzt habe Dänemark kaum Mittel, hier Präsenz zu zeigen, wie der Experte warnt. Dabei werden russische U-Boote bisweilen in Fjorden gesichtet. Und vor der Hauptstadt Nuuk an der Westküste tauchte schon einmal unerwartet der „Schneedrache“ auf – ein chinesischer Forschungseisbrecher.
„Peaceful Inuit“: Grönland ist vorsichtig gegenüber Russland – US-Basis könnte für Streit sorgen
Grönland selbst hält sich an das Bild des „Peaceful Inuit“ – und sendet nur vorsichtige Signale etwa Richtung Russland, anders als Kopenhagen. So will das Land laut einem außenpolitischen Papier Russland wieder im Arktischen Rat sehen; anders als Kopenhagen. Das seinerseits nur dank Grönland überhaupt im Rat sitzt.
Die USA wiederum haben in Pittufik, einstmals „Thule“ genannt, eine Basis. Ein rein hypothetischer Plan, Offensivwaffen dort zu stationieren, könnte aber für „große, große Probleme“ mit der grönländischen Bevölkerung sorgen, meint Paul. Das sei schließlich sogar in Deutschland zu beobachten gewesen; mit dem „Selbstverständnis der Grönländer“ sei es „noch stärker unvereinbar“.
Er sieht aber potenziell auch die Bundeswehr-Marine als sicherheitspolitische Spielerin in der Arktis um Grönland. Ex-Außenminister Pele Broberg hatte einmal gefordert, ein unabhängiges Grönland solle auch eine eigene Nato-Mitgliedschaft haben – ohne aber eine eigene nationale Verteidigung aufzubauen. Eine mindestens gewagte Vorstellung. (fn)
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