20 Prozent mehr Eisschmelze als angenommen

Grönland verliert mehr Eis als bisher angenommen – Forscher befürchtet „umfassenden Zusammenbruch“

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Eine neue Studie enthüllt: Die Gletscher in Grönland verlieren 20 Prozent mehr Eis als angenommen. Fachleute sind besorgt um den Zusammenbruch des Nordatlantikstroms.

Grönland – Laut dem EU-Klimawandeldienst Copernicus war es im Jahr 2023 1,48 Grad wärmer als im weltweiten vorindustriellen Mittel. Bei der Vorstellung des Berichts hieß es: „Es ist wahrscheinlich, dass die Temperaturen 2023 wärmer waren als in den vergangenen 100.000 Jahren“. Nun unterstreicht eine neue Studie die Brenzligkeit der Erderwärmung: Die grönländische Eiskappe verliert 20 Prozent mehr Eis als bisher angenommen.

Rückgang der Gletscher in Grönland schlimmer als befürchtet – 30 Millionen Tonnen Eis pro Stunde

Der drastische Eisverlust in Grönland wird schon seit Jahrzehnten beobachtet, die meisten Gletscher rund um die Insel liegen bereits unter dem Meeresspiegel. Um die Veränderungen zu bestimmen, wurden in einer neuen Studie, die in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde, Satellitenfotos verwendet, die die Endposition der Gletscher von 1985 bis 2022 jeden Monat bestimmen.

Auch mithilfe von Techniken der künstlichen Intelligenz wurden mehr als 235.000 Gletscherendpositionen mit einer Auflösung von 120 Metern begutachtet. Die Analyse zeigte eine sehr starke Verkürzung, die sich insgesamt auf eine Billion Tonnen verlorenes Eis, etwa 5.000 Quadratkilometer, beläuft.

Bisher waren Fachleute davon ausgegangen, dass seit 2003 jedes Jahr 221 Milliarden Tonnen Eis verloren gegangen sind. In der neuen Studie kommen weitere 43 Milliarden Tonnen pro Jahr hinzu. Die grönländischen Eiskappen verlieren aufgrund des Klimawandels also durchschnittlich 30 Millionen Tonnen Eis pro Stunde.

Neue Studie schürt Sorge um Zusammenbruch des Nordatlantikstroms

„Die Veränderungen rund um Grönland sind gewaltig und finden überall statt – fast jeder Gletscher hat sich in den letzten Jahrzehnten zurückgezogen“, so der Leiter der Forschung, Dr. Chad Greene vom Jet Propulsion Laboratory der Nasa in den USA. Durch diese zusätzliche Süßwasserquelle wächst die Sorge der Wissenschaftler um den Zusammenbruch der Meeresströmungen des Nordatlantikstrom Amoc (Kipp-Punkt). „Wenn man Süßwasser in den Nordatlantik kippt, wird der Amoc mit Sicherheit geschwächt, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie stark er geschwächt wird“, so Greene weiter.

Die Bedeutung des Kipp-Punkts

Als Kipp-Punkte werden Schwellenwerte im Klimasystem der Erde bezeichnet. Werden sie überschritten, führt das zu abrupten und in der Regel irreversiblen Veränderungen. Aus aktuellen Forschungen geht hervor, dass einige dieser Punkte in den nächsten Jahrzehnten überschritten werden könnten. Die ohnehin bereits gefährliche Klimasituation würde dadurch drastisch verschärft werden.

Die Forschenden erklären: „Es besteht die Befürchtung, dass jede kleine Süßwasserquelle als ‚Kipp-Punkt‘ dienen könnte, der einen umfassenden Zusammenbruch des Amoc auslösen könnte, der die globalen Wettermuster, Ökosysteme und die globale Ernährungssicherheit stören würde. Doch das Süßwasser aus dem Gletscherrückgang in Grönland wird in den ozeanografischen Modellen derzeit nicht berücksichtigt.“

Was passiert, wenn der Amoc zusammenbricht?

Der Nordatlantikstrom Amoc meint die atlantische meridionale Umwälzbewegung (Atlantic Meridional Overturning Circulation). Sie ist Teil der globalen Ozeanzirkulation und sorgt für das Gleichgewicht von Wärme und Temperatur im Atlantischen Ozean sowie in den angrenzenden Regionen der südlichen und nördlichen Hemisphäre. Es wird vermutet, dass jegliche Veränderung an der Amoc zu weltweiten Auswirkungen auf Temperatur- und Niederschlagsmuster führen könnte und das Weltklima verändern würde. Das Abschmelzen der Grönland-Gletscher und die Zufuhr von Süßwasser führt nachweislich zur Abschwächung des Amoc.

Je mehr Eis in Grönland schmilzt, desto mehr steigt der Meeresspiegel

Ein bedeutender Teil des grönländischen Eisschildes selbst steht nach Ansicht der Wissenschaftler ebenfalls kurz vor dem Punkt des unumkehrbaren Abschmelzens, wobei das Eis wahrscheinlich bereits einen Anstieg des Meeresspiegels um ein bis zwei Meter verursacht. Das wiederum zahlt auf einen weiteren Kipp-Punkt in unserem Klimasystem ein. Denn der Anstieg des Meeresspiegels um das Wasser, das derzeit als Eis gespeichert in Grönland liegt, führt langfristig zur Überflutung von Küstenregionen und der Veränderung geografischer Bedingungen.

Da die in dieser Studie untersuchten Gletscher aber größtenteils schon unterhalb des Meeresspiegels lagen, wurde das verlorene Eis durch Meerwasser ersetzt und hat so keine direkten Auswirkungen auf den Meeresspiegel. Wissenschaftler Greene erklärte dazu auf der Seite der Nasa: „Es hat mit ziemlicher Sicherheit eine indirekte Auswirkung, indem es die Gletscher schneller werden lässt. Diese schmalen Fjorde sind der Engpass, und wenn man anfängt, an den Rändern des Eises herumzuschneiden, ist das, als würde man den Stöpsel aus dem Abfluss entfernen“.

In Grönland tauen die Gletscher.

Zusätzliche Gletscherschmelze ist auch relevant für Berechnung der Energiebilanz der Erde

Die Entdeckung des zusätzlichen Eisverlustes ist aber noch für eine andere Sache wichtig: der Berechnung des Energieungleichgewichts der Erde. Gemeint sind Berechnungen, wie viel zusätzliche Sonnenwärme die Erde aufgrund der vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen einfängt, so Greene. „Es braucht eine Menge Energie, um Tonnen Eis zu schmelzen. Wenn wir also sehr präzise Energiebilanzmodelle für die Erde haben wollen, muss dies berücksichtigt werden“. (jh)

Rubriklistenbild: © Don Masten/Pond5 Images/IMAGO

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