„Damit die Ureinwohner Putin glauben“: Kreml zeigt sich freundlich – wie Betroffene die wahre Lage schildern
VonFlorian Naumann
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Putin und Russlands ethnische Minderheiten – öffentlich sucht er ihre Nähe. Eine Aktivistin schildert der FR bedrückende Verhältnisse. Eine Analyse.
Wladimir Putin hat Anfang November gleich zwei neue Feiertage eingeführt. Kein unbedingt erwartbarer Schritt, mitten im Ukraine-Krieg. Neu in Russland gibt es den „Tag der kleinen Indigenen Völker Russlands“ und den „Tag der Sprachen der Russischen Föderation“. Eine symbolische Geste für die Ureinwohner und ethnischen Gruppen im Vielvölkerreich. Tjan Zaotschnaja schildert der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media allerdings eine andere Realität.
Tjan Zaotschnaja setzt sich von Deutschland aus für Rechte und Wohlergehen Indigener in Russland ein – Wladimir Putin verkündete Anfang November neue Feiertage.
Zaotschnaja ist in Kamtschatka im äußersten Osten Russlands geboren und aufgewachsen. Heute ist sie Vorsitzende des Internationalen Komitees der Indigenen Völker Russlands (ICIPR) und lebt in München. Zaotschnaja berichtet vom Verschwinden kritischer Stimmen aus der Gemeinschaft, von Lager- und Untersuchungshaft, Hausarrest – und von „leiser Repression“ in Russland, die schon vor mehr als zehn Jahren ihren Anfang genommen habe. Sie bestätigt: Die Angehörigen ethnischer Minderheiten sterben besonders oft in Putins Angriffskrieg. Auch der Raubbau in der Heimat der Indigenen sei eine Gefahr, möglicherweise eine wachsende.
Indigene leiden unter Putins Regime: Hausarrest, Haft, Extremistenliste, Raubbau
Zaotschnaja übermittelte unserer Redaktion Einschätzungen aus Russland zu Putins Feiertags-Geste. „Die Propaganda ist an die heimische Öffentlichkeit gerichtet“, sagte eine indigene Person ihr zufolge. „Damit die Ureinwohner an Putin weiterhin glauben und sich für den Krieg opfern, während die rohstoffreichen Gebiete Sibiriens völlig von indigenen Völkern ‚gesäubert‘ werden.“ Eine andere sprach von einem „Schachzug, ‚väterliche Fürsorge‘ zu zeigen“. Die Zitatgebenden bleiben anonym – um sie nicht in die Gefahr der Verfolgung in Russland zu bringen.
Im August 2014 war Zaotschnaja zum bislang letzten Mal selbst in Kamtschatka. Schon damals habe sie „etwas anderes als sonst gespürt“, erklärt sie. Bekannte und Projektmitstreiter hätten sich verhalten, „als ob sie mich nicht oder nur flüchtig kennen“: „Kurz vor dem Abflug sagten mir ein paar Menschen aus zwei verschiedenen Orten, dass sie von der Geheimpolizei FSB ausgefragt wurden, worüber wir gesprochen hatten.“
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Die Lage dürfte sich seither verschärft haben. Zaotschnaja nannte Beispiele: So sei im September die Bloggerin und Aktivistin Wasilja Werschinina verhaftet worden und unter Hausarrest gestellt worden; bereits zuvor sei ihr „Diskreditierung der Armee“ vorgeworfen worden. Aruna Arna, eine Aktivistin – und Mutter von drei Kindern – aus dem Altai-Gebirge sei auf eine „Extremistin-Liste“ gesetzt worden und in Untersuchungshaft, nachdem sie sich gegen eine Kommunalreform aussprach. Arna hatte gewarnt, das Volk solle „endgültig zum Schweigen gebracht werden“, auch um Ressourcen abbauen zu können. Arnas Verteidiger Dmitri Todoschwew sei Anfang November ebenfalls verhaftet worden. Das ICIPR stehe ebenfalls auf der Liste der „Extremisten“.
Die London School of Economics wies im August auf einen besonders hohen Blutzoll Russlands indigener Völker im Ukraine-Krieg hin. Völker wie Inuit, Itelmen oder Tschuktschi seien in den bestätigten Todesfällen der russischen Armee „signifikant überrepräsentiert“, schreibt die renommierte Universität unter Verweis auf Daten des unabhängigen Mediums Mediazona. Das gelte nicht nur verglichen mit dem Rest Russlands, sondern auch bezogen auf die Heimatregionen der betroffenen indigenen Minderheiten. So hätten die Telengit aus dem Altai nach dem damaligen Zahlen 10,3 Todesfälle auf 1.000 Einwohner zu beklagen. Über die gesamte Bevölkerung der russischen Föderation seien es 0,7 Fälle je 1.000 Einwohner gewesen.
Hilfe für Menschen in Russland immer schwieriger – „uns bleibt, ihre Kämpfe bekannt zu machen“
Zaotschnaja betonte zugleich: Es werde nach vier Jahren Krieg zwar immer schwieriger, Menschen in Russland zu helfen. „Noch aus der Sowjetzeit – ich war Frau eines Dissidenten – weiß ich aber, dass es trotz ‚verschlossener Türen‘ Möglichkeiten gibt, Menschen im Land zu kontaktieren“, sagte sie. Und Mutige seien weiterhin aktiv. „Uns im Ausland bleibt, ihre Kämpfe und die Repressionen bekannt zu machen.“ Das gelte auch für Unterstützer aus Deutschland.
Das ICIPR und Indigene in Russland
Das ICIPR ist keine „offizielle“ Organisation des russischen Staatsapparats – es hat sich im März 2022 als Exil-Organisation gegründet, um die Rechte indigener Völker etwa in der russischen Arktis, in Sibirien und Russlands Osten zu schützen. Dabei arbeitet es nach eigenen Angaben mit Aktivisten in Russland zusammen, die Informationen zur Lage übermitteln.
Seit 1990 hatte die „Assoziation der indigenen kleinen Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens“ (RAIPON) offiziell die Indigen Russlands vertreten. Allerdings drohte die Regierung Ende 2012 mit Auflösung des Verbands, 2013 übernahm Grigori Ledkow aus der Putin-Partei „Einiges Russland“ die Führung – Ledkow steht als Unterstützer der völkerrechtswidrigen Annexionen in der Ukraine unter Sanktionen unter anderem der EU, der USA und Kanadas. Die Gesellschaft für bedrohte Völker, lange Jahre Kooperationspartner, fordert, RAIPON nicht mehr als legitimen Interessenvertreter indigener Völker in Russland anzuerkennen.
Zugleich seien ungeachtet der Sanktionen alte Naturzerstörungen in der Heimat indigener Menschen nicht beseitigt. Neue drohten. „Damals gab es wenigstens scheinbare Einhaltung von Standards, dank des Drucks von Menschenrechts- und Umweltorganisationen“, sagt Zaotschnaja. Nun fürchteten Aktivisten, dass die Sanktionen den Rohstoffverkauf nicht stoppen, sondern lediglich zu Ländern wie China oder Indien verlagern. Von dort sei keine Kontrolle über die Einhaltung von Standards zu erwarten. (Quellen: Tjan Zaotschnaja, Gesellschaft für bedrohte Völker, London School of Economics, dpa, ICIPR/fn)