Leitartikel

Eröffnung von Notre-Dame: Das Wunder von Paris

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Befreit von den Gerüsten und frisch renoviert erstrahlt Kathedrale Notre-Dame in Paris, die in der kommenden Woche offiziell und feierlich nach dem Brand vor fünf Jahren wiedereröffnet wird.
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Die Wiedereröffnung von Notre-Dame nur fünf Jahre nach dem Brand zeigt, wie wichtig das Bauwerk für Frankreich ist. Für die Renovierung des nationalen Symbols wurden weder Kosten noch Mühen gescheut. Der Kommentar.

Paris gebührt ein doppeltes „Chapeau“. Die Stadt der Lichter hat in diesem Jahr nicht nur die Olympischen Spiele reibungslos über die Bühne gebracht. Am 7. Dezember wird auf der Seine-Insel auch die nach ihrem Brand vor fünf Jahren umfassend restaurierte Kathedrale Notre-Dame wiedereröffnet.

Präsident Emmanuel Macron hat erkannt, welche hochemotionale Wirkung von den Flammenbildern und nun von der symbolischen „Wiederauferstehung“ ausgeht: Er, der im Unterschied zu früheren Staatspräsidenten wie Valéry Giscard d’Estaing, François Mitterrand oder Jacques Chirac der Stadt Paris keine architektonische Großtat hinterlassen wird, inszeniert sich mit einem großen Auftritt im Dachstuhl von Notre-Dame wenigstens als Retter der Kathedrale.

Damit bedeutete Macron zweierlei: Erstens, dass er es gewesen war, der den fünfjährigen Bauplan festgelegt – und eingehalten – hatte; und zweitens, dass Frankreich stolz sein kann auf die Parforce-Leistung.

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Beides stimmt. Viele Bürgerinnen und Bürger ärgern sich zwar, wie ihr unpopulärer, schwer angeschlagener Präsident versucht, den erfolgreichen Wiederaufbau von Notre-Dame politisch für sich zu nutzen. Aber es trifft auch zu, dass die französischen Fachleute aus Architektur, Ingenieurwesen und Kunsthandwerk ganze Arbeit geleistet haben. Wie im Sommer schon die Olympiaverantwortlichen.

Aus deutscher Sicht mag man mit einer Portion Neid auf die Effizienz des französischen Staates bei solchen Großbaustellen schauen. Im Berliner Flughafen oder dem Stuttgart Bahnhof ging es nicht so prompt wie in Paris, wo es nur einen Koch gibt – den Staatschef mit seinem Staat. Und der duldet keinen Widerspruch. Das ist nicht immer sehr demokratisch, aber in diesem Fall zielführend.

Natürlich: Sobald sich die Politik einmischt, stößt Frankreich an seine Grenzen. Seine Finanzen sind eine einzige Kalamität: Die Staatsschuld beträgt 3200 Milliarden Euro. Mit dem eigenen Geld kam Frankreich noch nie zurecht.

850 Millionen Euro Spenden für Notre-Dame

Der Wiederaufbau von Notre-Dame war hingegen von Beginn an auf Rosen gebettet: Aus 150 Ländern waren 850 Millionen Euro an Spenden zusammengekommen. 140 Millionen Euro sind noch nicht einmal verbraucht; sie werden über die nächsten Jahre für Renovierungsarbeiten rund um die Basilika verwendet werden. Gibt es für einen Bauherrn etwas Schöneres, als nicht aufs Geld achten zu müssen?

Ja, der Bau stand unter einem guten Stern. Ein Beispiel: Kurz vor dem Brand hatten italienische Informatiker das ganze Gotteshaus gescannt – das erleichterte den Wiederaufbau „à l’identique“ ungemein.

Der gute Stern von Paris wirkte sich bis in die öffentliche Debatte aus. Der übliche, nie gelöste Streit zwischen Kirche und Staat, zwischen säkularer und religiöser Sphäre, fand diesmal nicht statt. Als Macron seine Ansprache in der Kathedrale halten wollte, bedeutete ihm Erzbischof Laurent Ulrich diskret, dass dies ein Verstoß gegen den strikten französischen Laizismus wäre. Also ergreift Macron das Wort draußen, vor der Notre-Dame-Fassade mit seiner herrlichen Rosette. Auch keine üble Kulisse für einen gefühlten politischen Auftritt.

Aber das Wichtige ist anderswo: Die Auferstehung ist vollzogen, Notre-Dame ist wieder da. Ihr Schicksal hat nicht nur für Christen etwas Berührendes, Ergreifendes, mit ihrem Leiden und ihrem neuen Glück fast etwas Menschliches. Gewiss, die Kathedrale wird weder Putins Krieg noch den Nahostkonflikt lösen. Aber mit ihren 900 Jahren zeigt sie, dass die Hoffnung nicht zuletzt stirbt, sondern wirklich nie.

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