Nachwuchspolitikerin empört

Unbequem, jung und grün: Jette Nietzard, die neue Chefin der Grünen Jugend

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Sie ist laut, sie ist jung, sie ist links – und sie ist Chefin der Grünen Jugend. Jette Nietzard empört das Netz regelmäßig mit feministischen Kampfansagen.

Berlin – Manche Dinge kann Politik einfach nicht lösen. Aber Jette Nietzard ist das egal. „Heute ist feministischer Kampftag“, sagt die junge Frau in ihre Handykamera, „und Männer wollen uns wieder Blumen schenken. Aber wie wär’s, wenn sie uns einfach mal Orgasmen schenken?“ Die würden Frauen in Hetero-Beziehungen nämlich zu 30 Prozent weniger bekommen als ihre Partner, sagt die 26-Jährige. Dann endet der Clip auch schon. Willkommen im Politikstil der Generation TikTok.

„Die ist wirklich Politikerin“, kommentiert ein Nutzer erstaunt. Stimmt. Nietzard, Chefin der Grünen Jugend, hat dieses Video am 8. März hochgeladen – für die meisten Menschen wäre das eher der Weltfrauentag als ein feministischer Kampftag. Aber Nietzard mag lieber Aussagen mit Sprengkraft. Wenn sie sich zu Wort meldet, dann um gehört zu werden. Und um zu provozieren. „So funktioniert Aufmerksamkeitsökonomie“, erklärt sie schulterzuckend.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Wie die Grünen Aufmerksamkeit für sich nutzen: Provokant auf Social-Media

Man könnte auch sagen: Aufregung um jeden Preis. Nietzard beherrscht das blendend. Nach der letzten Silvesternacht – fünf Tote, viele Verletzte – sorgte sie auf ganz eigene Weise für Krawall: „Männer, die ihre Hand beim Böllern verlieren, können zumindest keine Frauen mehr schlagen“, postete sie auf X.

So hat Nietzard, da noch ganz frisch auf ihrem Posten, das erste Mal bundesweit Schlagzeilen gemacht. Sie löschte den Post, entschuldigte sich, bereut ihn aber bis heute nicht. „Ich habe eingesehen, dass er zu überspitzt formuliert war“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Aber seitdem sei in fast allen ihrer Interviews auch häusliche Gewalt ein Thema. „Mit etwas Abstand betrachtet würde ich heute sagen: Shitstorms können sich auch lohnen.“

Für die Grünen-Nachwuchschefin sind solche Ausreißer mehr Strategie als Unfall. Darüber wächst auch parteiintern Unmut. Als FDP-Chef Christian Lindner im Februar seinen Rückzug ankündigte, kommentierte Nietzard süffisant, sie freue sich, „dass der Mann von Franca Lehfeldt jetzt kürzertritt, um ihr Karriere und Kind zu ermöglichen“. Grünen-Urgestein Renate Künast reagierte scharf: „Jette, das ist unsouverän und macht dich klein.“

Diskurs der Grünen bis an die Schmerzgrenze – Ärger auch innerhalb der Partei

Nietzard verschiebt den Diskurs bis an die Schmerzgrenze – und zeigt dabei auch gegenüber Parteikollegen wenig Milde. Als dem früheren Grünen-Abgeordneten Stephan Gelbhaar sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde (obwohl zentrale Anschuldigungen frei erfunden waren), sagte sie, die Unschuldsvermutung gelte vor Gericht, nicht in einer Partei. Der Münchner Grünen-Politiker Dieter Janecek antwortete, „für diese Grüne Jugend kann man sich nur schämen“.

„Renate Künast und Dieter Janecek sind politisch in einem ganz anderen Flügel der Partei unterwegs und eine ganz andere Generation“, erklärt Nietzard nun. „Die beiden haben natürlich ein in Teilen anderes Weltbild als ich“, sie sei gewählt worden, um für junge Menschen zu sprechen. „Dann mache ich meinen Job wohl ganz gut, wenn die beiden nicht meiner Meinung sind.“

Partei-Jugend gegen rechts: Anti-AfD-Demo in Berlin, allen voran Jette Nietzard (Mi.), Chefin der Grünen Jugend. Daneben Co-Chef Jakob Blasel (li.) und Juso-Chef Philipp Tuermer (re.)

Grüne Jugend bricht mit Robert Habeck – weil er nicht links genug war

Es war nie Nietzards Priorität, die Grüne Jugend mit der Mutterpartei zu versöhnen. Obwohl sie das nötig gehabt hätte: Als der Vorstand Ende September geschlossen aus der Partei trat, weil ihm Robert Habecks Politik nicht mehr links genug war, schien es, als implodiere die Partei. Nietzard hätte vermitteln können, sagte aber bereits in ihrer Bewerbungsrede, die Grünen „bauten Scheiße“ und sie wolle der Mutterpartei „zeigen, wo links ist“. Sie bekam rund 85 Prozent.

Nietzard will die Grünen verändern, nach links verschieben. Selten habe es dafür einen besseren Zeitpunkt gegeben, meint sie. Zieht man die Provokationen ab, bleiben von ihrer Politik vor allem Maximal-Forderungen übrig – etwa ein „Sondervermögen für Seenotrettung“. Und auch privat liefert Nietzard Reibepunkte. Etwa, wenn sie auf Instagram Bikini-Fotos, Dating-Tipps und Pole-Dance-Videos postet. „Selbst das wird immer wieder politisch aufgeladen“, sagt sie. „Ich bin eine junge Frau, die Politikerin ist – ja. Aber ich bin auch eine junge Frau, die ihr Bier im Stadion trinkt oder im Tanga-Bikini am Pool liegt.“ Ihr sei es wichtig, sich auch so zu zeigen. Für viele ist das ein Tabubruch. Für Nietzard ist es ein Statement.

Rubriklistenbild: © Dominik Butzmann

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