VonYannick Hankeschließen
Was passiert eigentlich, wenn Wladimir Putin seine Ziele im Ukraine-Krieg nicht erreicht? Der Sturz von Russlands Präsident steht im Raum. Ein Geheimdienstexperte packt aus.
Kiew/Moskau – Wladimir Putin ist im Denken des Kalten Krieges verhaftet. Der Präsident Russlands wollte und will mit dem Ukraine-Krieg einen Imperialismus zur Schau stellen, der selbst die aufmerksamsten Politik-Beobachter überrascht hat. Zumindest in all seiner Deutlichkeit, die Ukraine mit Militärgewalt zu überfallen und dabei vor nahezu nichts zurückzuschrecken.
Doch bringt ein Krieg auch immer Verlierer mit sich. Sollte sich Wladimir Putin am Ende als solch einer bezeichnen lassen müssen? Wie es in diesem Szenario mit dem Kreml-Herrscher weitergehen könnte und ob womöglich der Sturz Putins droht, dazu weiß sich der Geheimdienstexperte Andrej Soldatow zu äußern.
Möglicher Sturz von Putin: Was passiert mit Russlands Präsident im Falle einer Niederlage im Ukraine-Krieg?
Über einen möglichen Sturz von Putin wird bereits seit geraumer Zeit spekuliert. Gerade, wenn Russlands Präsident seine Ziele im Ukraine-Krieg zu verpassen droht und die Stimmung im eigenen Land kippt, wäre ein Putsch nahe, hieß es immer wieder. Der Status quo sei laut Soldatow aber ein anderer: „Putins Macht ist ziemlich sicher. Momentan gibt es keine seriösen Gruppierungen im und um den Kreml, die als Konkurrenz agieren könnten für Putin“, verrät der Geheimdienstexperte dem ZDF.
Selbst die Geheimdienste hätte laut Soldatow kaum Einfluss. Speziell in den vergangenen sieben Jahren hätte Putin gezielt versucht, „Menschen loszuwerden, auch die, die vielleicht dieselbe Ideologie hatten, aber ambitioniert waren“. Damit meint der Geheimdienstexperte Menschen, die für den Kreml-Herrscher zur Konkurrenz hätten werden können. In diesem Kontext spricht der russische Investigativjournalist von „punktuellen Repressalien“. Zu deren Opfern hätten auch Gouverneure und Geheimdienstler gezählt. Ein Aufbegehren sei kaum möglich, Putins Strafmaßnahmen würden auch innerhalb des Militärs funktionieren.
Könnten Putins Koch und sein Bluthund den Kreml-Herrscher stürzen? Experte zweifelt an deren Macht
Nichtsdestotrotz spricht Soldatow auch über die stärksten Kritiker von Russlands Präsident. Also Menschen, die Putin je nach Entwicklung des Ukraine-Kriegs gefährlich werden könnten und womöglich sogar seinen Sturz initiieren? Jewgeni Prigoschin, Koch von Putin und Gründer der Söldnergruppe Wagner, habe zwar „an Wirkung gewonnen“. Doch sei alles, was er mache, „vom Kreml erlaubt“. Als wirkliche Konkurrenz für Putin will Soldatow Prigoschin dementsprechend nicht bezeichnen. „Prigoschin hat keine unabhängigen Finanzierungsquellen. Er wird von keinem Oligarchen unterstützt. Er hat keine eigene politische Partei“.
Dann gibt es da aber noch Ramsan Kadyrow. Der Präsident von Tschetschenien gilt als „Bluthund“ Putins und ist für seine Brutalität bekannt. Seine Methoden seien laut Soldatow jedoch denen von Prigoschin sehr ähnlich. „Er provoziert die ganze Zeit und erweitert so seinen Tätigkeitsbereich“, heißt es vom Geheimdienstexperten. Doch auch hier hätte Soldatow Folgendes ausgemacht: „Alles, was er macht, wurde vom Kreml erlaubt“. Nach autonomen Handlungen klingt das natürlich nicht.
Bei möglichem Sturz von Putin: Folgt auf den Kreml-Herrscher ein demokratischer Präsident?
Doch angenommen, es kommt tatsächlich zum Sturz von Putin: Wie groß wäre denn die Wahrscheinlichkeit, dass auf den Kreml-Herrscher ein demokratischer Präsident für Russland folgt? Die Chancen hierfür stuft Soldatow als sehr gering ein. Schließlich gebe es im einstigen Zaren-Reich keine demokratischen Strukturen.
Hinzu komme, dass es auch keine demokratischen Institutionen, keine demokratischen Parteien und auch keine Zivilgesellschaft mehr gebe, die die öffentliche Meinung beeinflussen könnte. Und dennoch wolle der Geheimdienstexperte die Hoffnung auf mögliche positive Veränderungen innerhalb Russlands nicht aufgeben.
Machterhalt statt Sturz: Wladimir Putin schart Ex-Geheimdienstler um sich – die seine Ideologie teilen
Wird auf einen möglichen Sturz Putins und dessen Macht geblickt, muss auch auf den perfiden Zirkel der Macht vom Kreml-Herrscher geschaut werden. Laut Soldatow habe Russlands Präsident Geheimdienstler und Menschen aus dem Verteidigungsministerium um sich versammelt. Wirtschaftswissenschaftler, Juristen oder Politiker hingegen gebe es in diesem Zirkel der Macht nicht. Das hat Gründe.
Denn Ex-Geheimdienstler würden dieselbe Sprache wie Putin sprechen. Sie hätten dem Westen nicht getraut, aufgrund des Zerfalls der Sowjetunion hätten sie ihren einstigen Sozialstatus verloren. „Das ist ein riesiges Trauma für sie“, merkt Soldatow an. Sie hätten schlicht „Angst vor einer neuen Katastrophe“. Und deswegen „haben sie Paranoia in Bezug auf die Proteste innerhalb des Landes und Paranoia in Bezug auf den Westen. Sie glauben, dass der Westen nur daran denke, Russland zu zerstören“. Dementsprechend halte sie Putin die Treue. Und hoffen auf seinen Machterhalt.
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