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Aspirin hat mehrere Väter – das löst erneut eine Kontroverse aus. Wird die Rolle des jüdischen Chemikers und Erfinders Arthur Eichengrün verkannt?
Aspirin hat den Namen Bayer rund um den Globus bekannt gemacht. Wer aber hat diesen Erfolg ermöglicht? Darüber ist eine Kontroverse entbrannt, die der Journalist Ulrich Chaussy mit seinem neuen Buch anheizt.
Er ist nach seinen Recherchen überzeugt, dass Bayers Geschichtsschreibung die Rolle des jüdischen Chemikers und Erfinders Arthur Eichengrün bei der Entwicklung von Aspirin verkennt. Bayer sieht den Chemiker Felix Hoffmann als Erfinder an.
Bei Bayer heißt es, Eichengrüns Wirken bei der Entwicklung von neuen Arzneimitteln sei „im Unternehmen immer umfassend gewürdigt worden“. Die Erstsynthese der Acetylsalicylsäure (ASS) in chemisch reiner und haltbarer Form sei aber „eindeutig Felix Hoffmann zuzuschreiben“. Das zentrale Dokument, das Bayer hierfür stets angeführt hat, ist Hoffmanns Laborjournal vom 10. August 1897. Darin beschreibt er in allen Details, wie er ASS hergestellt habe, die Grundlage für Aspirin. Chaussy weist jedoch darauf hin, dass die Laborjournale vom Ende des 19. Jahrhunderts unvollständig seien, denen die Vorarbeiten der Aspirin-Entwicklung zu entnehmen sein müssten.
Die Kontroverse wurde bereits zum 100. Jubiläumsjahr geführt. Damals, 1999, verwies der schottische Historiker Walter Sneader auf ein Schreiben, das der jüdische Chemiker Eichengrün im Konzentrationslager Theresienstadt 1944 verfasst hatte: „Vor allem wurde von mir in Gemeinschaft mit Felix Hoffmann das Aspirin gefunden und seine Einführung in den Arzneischatz durchgesetzt.“
Arzneitest am eigenen Leibe
Chaussy zeigt die Bayer-internen Kontroversen auf. So habe der leitende Pharmakologe Heinrich Dreser die klinische Untersuchung von Aspirin am Menschen unterbunden mit der Behauptung, „das Präparat sei ein direktes Herzgift“. Eichengrün habe daher ASS am eigenen Leibe erprobt, ohne negative Auswirkungen. Gegen alle Regeln habe er das Medikament daraufhin an Ärzte verteilen lassen, die es im Geheimen an Patienten testeten. Das offenbarte er schließlich dem Firmenchef Carl Duisberg. Der ließ Aspirin von einem dritten Pharmakologen prüfen – mit positivem Ausgang.
Das Buch
Ulrich Chaussy, Arthur Eichengrün – der Mann, der alles erfinden konnte, nur nicht sich selbst. Herder Verlag, 368 S., 26 Euro.
Das Präparat wurde in die Warenzeichenrolle eingetragen, konnte aber nicht in Deutschland als Patent angemeldet werden, schreibt Chaussy - denn das Verfahren zur Herstellung von ASS sei bereits vor Hoffmanns Synthese bekannt gewesen. Tantiemen habe ausgerechnet Dreser erhalten.
Eichengrün war erzürnt. Die Entwicklung sei „besonders bedauerlich für mich, der den Elberfelder Farbenfabriken auf den verschiedensten Gebieten Millionen eingebracht hat, ohne jemals aus formellen Gründen einen einzigen Pfennig Tantiemen zu erhalten“, schrieb er laut Chaussy 1948 an einen Bayer-Werksleiter. Dieser schlug vor, das Unternehmen werde bei Anfragen die Auskunft erteilen: „Aspirin: chemische Darstellung durch Felix Hoffmann auf Anregung von Dr. A. Eichengrün.“ Er hoffe, „dass diese Fassung der Wahrheit und Gerechtigkeit entspricht“. Doch ein Vorstandsmitglied verhinderte, dass diese Antwort abgeschickt wurde – mit der intern geäußerten Sorge, Eichengrün könne „möglicherweise mit Ansprüchen kommen“. Der Chemiker, der Aspirin den Weg bereitete, starb 1949.
